Arbeitswelten


Virtuelles Lernen

Im Sommer 2013 habe ich das Trinken aufgegeben und fing an zu studieren. Man kann sagen, dass eine neue Abhängigkeit an die Stelle der alten trat: Mit derselben Leidenschaft, die mich durch die Bars getrieben hatte, stürzte ich mich in die Welt der Online-Bildung und absolvierte Kurse zur Weltgeschichte, Gehirnphysiologie, Einführung in die Paläontologie oder Philosophie der Terrorismusbekämpfung.

Ich hätte wahrscheinlich auch ein anderes Hobby finden können — Wandern oder Möbel bauen —, aber alle meine Versuche, mein Interesse daran zu wecken, stießen auf unüberwindbare Hindernisse. Mit den eigenen Händen war ich viel zu ungeschickt, und bei dem Gedanken an eine aktivere Lebensweise, fing ich an zu gähnen. Es blieb mir also nichts anderes übrig als auf meine angeborene Neugier zu hoffen. Und so fing ich mit dem Lernen an.

Tödliche Langeweile gegen virtuelle Realität


Wie bei vielen Abgängern von russischen Schulen war mein Vorstellung vom Lernen auf die Wortverbindung "tödliche Langeweile" begrenzt. Aber das Lernen im Internet erwies sich als viel interessanter als das auf der Schulbank — im Browserfenster öffnete sich das Wissen der ganzen Welt. Online-Kurse erinnern irgendwie an die berühmte Szene in "Matrix", in der eine Masse von Information und Fertigkeiten schlagartig in den Kopf geladen wird. Im realen Leben ist das Verfahren allerdings ein bisschen komplizierter: Ohne Hausaufgaben geht es dann doch nicht.

Aber ich fand heraus, dass sogar die spannend sein können. Die Autorinnen und Autoren vieler Online-Kurse verlangen nicht allein, den Inhalt der Vorlesungen im Kopf zu behalten und richtige Lösungen in den Tests anzukreuzen, sondern sie bieten die Möglichkeit an, kleine Forschungsprojekte zu entwickeln, so dass man tiefer ins Fach einsteigen kann. Meine Freunde und ich haben außerdem eine virtuelle "study group" gebildet, in der wir Vorlesungen und Aufgaben besprechen, Projekte vorbereiten, also eigentlich im Chat-Format eine normale Studentengruppe imitieren.

Zukunft Online


Wenn noch vor drei Jahren russische Universitäten Online-Kurse für das breite Publikum meist ignorierten, nimmt heute jede anständige Hochschule den Aufwand auf sich, nicht nur Aufnahmen der Vorlesungen zur Verfügung zu stellen, sondern auch spezielle Programme für Bildungsplattformen zu erstellen. Es gibt daneben auch von Universitäten unabhängige Akteure, die Online-Kurse gestalten und anbieten — zum Beispiel "PostNauka" und "Arzamas".

Selbstbildung im Internet ist heute bei ganz verschieden Menschen gefragt: Unter meinen Bekannten, die Kurse belegen, gibt es Studenten und ausgebildete Fachkräfte. Während die Ersteren sich bemühen, ihre beruflichen Kompetenzen auszubauen und sich auf den Eintritt in den Arbeitsmarkt vorzubereiten, haben die Letzteren andere Motive. Der eine möchte seine professionellen „Werkzeuge“ besser kennenlernen, der andere sieht in der Online-Bildung eine Chance, seine Kräfte auf einem neuen Feld auszuprobieren. So studieren zum Beispiel Journalisten Programmierung, da ihnen bewusst ist, dass die Arbeit mit Algorithmen in naher Zukunft genauso gefordert sein wird wie die Fähigkeit, Wörter zu Sätzen zu verbinden.

Die Bildungskurse haben mein Leben bislang nicht verändert und wohl mich auch nicht besser gemacht. Aber die Kenntnisse, die ich während des Lernens erwarb, kommen mir zugute. Vor allem aber hat sich meine Weltauffassung erweitert. Hätte es keine Online-Kurse gegeben, dann hätte ich wohl kaum etwas über Sinnesorgane von Pflanzen und Besonderheiten der britischen Architektur in der Eisenzeit erfahren. Und gelegentlich werden die Vorlesungen oder die Aufgaben der Kurse zu Themen von Artikeln in meinem Almanach metkere.com, für den ich auch mit Lehrern Interviews führe.

Die wichtigste Lehre, die ich aus meiner Online-Bildungsodyssee gezogen habe: Lernen ist interessant. Das mir vom sowjetischen Schulsystem zugefügte Trauma ist endlich geheilt.

Onlinekurse


Hier noch fünf russischsprachige Onlinekurse von Elia Kabanov, Autor des Almanachs metkere.com, die helfen, sein Wissen zu erweitern, die Welt ein bisschen besser zu verstehen und vielleicht auch dabei, einen neuen Beruf für sich zu entdecken.

Computergestütztes Lernen und Datenanalyse


Das Moskauer Institut für Physik und Technologie MFTI und Yandex bieten eine Auswahl von Kursen für all jene, die computergestütztes Lernen verstehen möchten, an. Computergestütztes Lernen ist die Grundlage der meisten Dienste, die wir nutzen: es hilft, Informationen im Internet zu finden, einen Weg an Verkehrsstaus vorbei zu wählen, das Wetter vorherzusagen, Krankheiten zu behandeln und vieles mehr. Das Gute an diesem Angebot, man kann auch erst einmal mit einem einzelnen Kurs „Einführung in das computergestützte Lernen“ beginnen.

Wirtschaft für Nicht-Wirtschaftswissenschaftler


Die Nationale Forschungsuniversität „Hochschule für Wirtschaft“ ist ein Pionier der Onlinebildung in Russland: bereits seit einigen Jahren bietet die Schule ihre Kurse auf Coursera an, Tausende Studierende nehmen teil. Teilnehmer können in zehn Wochen mithilfe des Kurses „Wirtschaft für Nicht-Wirtschaftswissenschaftler“ wirtschaftliche Grundkenntnisse erwerben, alle wichtigen Begriffe kennenlernen und verstehen, warum die Wirtschaft so funktioniert, wie sie funktioniert. Der Kurs kann Anreiz sein zu einer weiteren volks- oder betriebswirtschaftlichen Ausbildung im Netz. So kann man zum Beispiel den Kurs „Spieltheorie“ absolvieren.

Die Welt des russischen Bauernhauses und des russischen Spielzeugs


Auf der Internetseite des Puschkin-Instituts gibt es Onlinekurse, die ganz verschiedenen Themen gewidmet sind: von der Grammatik der russischen Sprache bis zur Weltraumbiologie. Der für mich interessanteste ist der über die Geschichte russischer Häuser. Die Dozenten des Kurses erzählen vom alltäglichen Leben im mittelalterlichen Russland und zeigen, wie man traditionelles Spielzeug anfertigt. Auch schön: „Kochen auf russische Art“ und ein praktischer Kurs zur Genealogie.

Die wissenschaftliche Methode von Sherlock Holmes


Die Fernöstliche Föderale Universität in Wladiwostok bietet ein Studium der Grundlagen des kritischen Denkens an. Man kann heute wohl kaum eine nützlichere Fertigkeit erlernen: In sozialen Netzwerken und beim Instant Messaging stoßen wir auf eine derart enorme Menge an Informationen, dass man die Richtigkeit der Nachrichten schnell und zeitnah analysieren und prüfen muss. Ich bin nicht sicher, ob ein Kurs reicht, damit Menschen aufhören, Hochstaplern und Fälschern zu glauben, aber irgendwie muss man ja mal anfangen.

Der ganze Shakespeare


Offen gesagt: fast alle Kurse und Vorlesungen von „Arzamas“ lohnen sich. Wer sein Leben verbessern will, sollte in den nächsten Ferien einen Kurs belegen. Der Kurs „Der ganze Shakespeare“ erzählt vom Theateralltag jener Zeit, widmet sich der Natur des Humors in Shakespeares Werk oder der russische Betrachtungsweise „Hamlets“. Bei „Arzamas“ gibt es übrigens auch Sticker für Messenger
© Elia Kabanov

Elia Kabanov


Herausgeber des populärwissenschaftlichen Almanachs metkere.com, ist Organisator von Bildungsveranstaltungen.

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