Arbeitswelten


Wohin führt die Musik

Einstmals waren das Spielen von Musik und das Studium der Musik die Hauptsache meines Lebens. Die Schwierigkeiten der Immatrikulation an einer Musikhochschule und das unendliche Üben schreckten mich nicht. Ich habe einen geraden Weg gewählt — dorthin, wo man zukünftige Bachs und Beethovens ausbildet.

In meiner Familie bin ich Pionierin, zuvor gab es keine Musiker unter uns. Als ich acht Jahre alt war, gaben meine Eltern mich in eine Klavierklasse an einer Musikschule, für die allgemeine Entwicklung. Um professionelles Niveau zu erreichen, musste ich später eine Musikfachschule (in meinem Fall — das akademische Lyzeum bei der Musikhochschule) und dann eine Musikhochschule besuchen. In Usbekistan ist das Ausbildungssystem zweistufig: Bachelorstudium (vier Jahre) und Masterstudium (zwei Jahre).

Hals- und Beinbruch


Um sich an der Staatlichen Musikhochschule Usbekistans zu immatrikulieren, müssen die Bewerber musikalische und allgemeinbildende Prüfungen ablegen. Für meine Familie war das Jahr der Immatrikulation das schwierigste und stressigste Jahr seit ich denken kann (sowohl im psychologischen, als auch materiellen Sinn). Ich hatte Nachhilfelehrer für alle Prüfungsfächer, obwohl es keine Garantie gab, dass ich eine der Studenten der Alma Mater werde.

Vier gebührenpflichtige Studienplätze, keine staatlich finanzierten (sie wurden sofort von den Siegern internationaler Wettbewerbe eingenommen), 32 Bewerber auf der Liste: die Atmosphäre war sehr angespannt. Es ist gar nicht so einfach, mit den besten Musikern, die zweimal durch das „Sieb“ der Aufnahmeprüfungen (in der Schule und in der Fachschule) gegangen sind, zu konkurrieren. In einer solchen Situation ist der Wettbewerb von „2-3 Bewerbern für einen Platz“ (in meinem Fall gab es acht) schwieriger, als von „20–30 gewöhnlichen Sterblichen“, die nur ihr Glück versuchen. Wenn man sich verantwortungsvoll vorbereitet, gibt es Chancen, immatrikuliert zu werden. Ich bin durch sieben Kreise von Aufnahmeprüfungen gegangen und wurde immatrikuliert.

Wissen ist Macht


Der Lehrer, den ein Student bekommt, bestimmt sein weiteres Schicksal. Das wichtigste ist, bei dieser Verteilung Glück zu haben, damit ein Student seinen „Helden“ trifft. Kreative Grundsätze, die Entwicklung individueller Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, ein „Vorstoß“ in Richtung Konzerttätigkeit — 70% der Entwicklung eines Musikers hängen gerade von seinem Lehrmeister ab. Ich hatte Glück, denn ich habe mich in der Klasse von Rawschan Raimowitsch Abdunazarow, einem talentierten Lehrer, höchst professionellen Musiker und wunderbaren Menschen, wiedergefunden.

Was die einzelnen Fächer betrifft, war die Situation nicht so eindeutig. Es gab sowohl interessante Vorlesungen, als auch Fächer, dessen Theorie ich nirgendwo und niemals genutzt habe. Manchmal habe ich nur das Wissen, das ich interessant fand, aufgenommen, und unwichtige Informationen sind in den Büchern geblieben. Eine solche Taktik hatte manchmal negative Auswirkungen auf meine Noten. Aber wie die Lebenserfahrung zeigt, gibt es keine Verbindung zwischen „100 Punkten“ (Anm.: das System der Bewertung von Kenntnissen) und dem Erfolg im Leben außerhalb der Musikhochschule. Es gibt nur eine Verbindung zwischen der Beharrlichkeit und den Lebensumständen.

Persönliche Erfahrung


Was fehlte während des Studiums? Die Studenten einer Musikhochschule brauchen schweißtreibende Auftritte auf der Bühne. Gastspielreisen wären sehr nützlich, noch mehr Workshops mit ausländischen Musikern und regelmäßige Darbietungen der Studenten auf den Konzertbühnen der Hochschule. Die Kommunikation mit Praktikern wäre auch hilfreich, um zu lernen, wie die Begriffe „Musik“ und „Geschäft“ miteinander verbunden sind, womit eine junge Gruppe beginnen soll, und ob ein Musiker einen Manager braucht. Aber das wird nicht gelehrt. Leider.

Ich habe die Musikhochschule mit einem Diplom und klaren Orientierungspunkten im Kopf abgeschlossen. Der Posten einer Redakteurin wartete schon auf mich. Warum arbeite ich nicht in meinem Beruf? Das Leben hatte seine eigenen Pläne, ich protestierte nicht.

Das Wichtigste in Kürze


Jetzt bin ich in Polen, ich schreibe eine wissenschaftliche Forschungsarbeit im Bereich des Journalismus. Die Ausbildungssysteme „hier“ und „dort“ sind sehr verschieden und ergänzen einander gut. In Usbekistan bekommen Studenten eine vielseitige Ausbildung. Es ist wie eine Reise, die mannigfaltige Erfahrungen schenkt: man findet Formen der Kommunikation mit verschiedenen Menschen und Lösungen für komplizierte Probleme. Die Phase der Hochschulausbildung in Polen dauert drei Jahre: es gibt keine allgemeinbildenden Fächer, aber Programme für den Studentenaustausch. Ich kann keinen dieser Wege als 100% richtig bezeichnen. Aber ich bin unglaublich froh, dass ich die Möglichkeit hatte, ein Teil von beiden diesen Systemen zu sein.

Ein Jahr nach dem Studium habe ich verstanden: es ist egal, an welcher Uni und in welchem Land man studiert. Das wichtigste ist, einen eigenen Weg zu wählen und bei der eigenen Entwicklung nicht stehen zu bleiben. Kein Studium an einer Uni garantiert beruflichen Erfolg. Effizientes Studium und Selbstverwirklichung sind nur dann möglich, wenn man Interesse hat und immer an sich selbst arbeitet.
© Tamara Sinelnikowa

Tamara Sinelnikowa


Musikerin und Journalistin. In Taschkent geboren, hat sie das Staatliche Konservatorium Usbekistans besucht. Sie arbeitete als Redakteurin bei der Webseite www.review.uz. Zurzeit lebt Sie in Polen und forscht im Rahmen eines Stipendienprogramms für junge Forscher und Wissenschaftler.

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