BERLINALE-SPECIAL


Das Publikumsfestival

Das erste, womit sie einem in der Filmhochschule Angst machen, ist folgender Satz: Du wirst nie wieder einen Film genießen können. Damit muss man erst mal klarkommen. Denn das war ja gerade der Grund, selbst Filme machen zu wollen. Weil man es so liebt, vollständig in ihnen zu versinken, sich ihnen einfach nur hinzugeben. Aber, so die Logik hinter der Angstmacherei: hast du erstmal verstanden, wie die Dramaturgie einer Geschichte funktioniert und dass dort, wo die Leinwand endet, unzählige Leute stehen, die in Walkie Talkies sprechen und Lichtreflektoren über Schauspieler halten, dann wird es dir unmöglich sein, komplett in einem Film aufzugehen. Es ist die Logik eines Zaubertricks. Wer einmal verstanden hat, wie das Kaninchen in den Hut kommt, kann kaum mehr überrascht werden, wenn es wieder herausgezogen wird. Anders gesagt: man kann nicht gleichzeitig auf der Bühne stehen und im Publikum sitzen.
Zoo Palast © Jan Bitter Glücklicherweise kann ein guter Film dann aber doch jederzeit jeden affizieren und verzaubern, in den Bann ziehen und Weltbilder erschüttern, ganz egal wie oft man hinter die Leinwand geschaut hat. Am Ende steht immer die Frage, die genauso gut zum Zaubertrick passt: Wie haben die das gemacht? Trotzdem wird man die Dichotomie der Filmemacher auf der einen und des Publikums auf der anderen Seite nicht los. Und sobald man hinter die Kamera wechselt wird das Publikum zu einer furchteinflößenden Chimäre, halb organisch, halb aus Zahlen bestehend. Keiner weiß so genau, wie es sich verhält und was es frisst, aber es kann dich auf jeden Fall töten. Als Filmstudent sind Festivals somit immer auch Forschungsexpeditionen mit dem Ziel diesem seltsamen Etwas näher zu kommen, ohne gleich gefressen zu werden. Und nach zehn Tagen Berlinale, so die Hoffnung, weiß man vielleicht etwas besser, was bei “dem Publikum” gerade so gut ankommt.

Um das Enigma der Zuschauermasse zu verstehen, scheint es kein besseres Filmfestival zu geben, als das in Berlin. Denn die Berlinale ist ein sogenanntes Publikumsfestival. So beschreibt sie sich selbst, um sich durch das Alleinstellungsmerkmal für das Publikum zu existieren von den übermächtigen Konkurrenten aus Cannes und Venedig abzugrenzen. Cannes ist das Festival für den Autorenfilm, Venedig ist das Sprungbrett zu den Oscars, Berlin ist fürs Volk. Publikumsfestival wird die Berlinale aber eben auch von ihren Kritikern genannt und das Wort erhält dann sogleich eine abfällige Note. Auf einmal klingt es nach Anbiederung, nach dem Wunsch zu gefallen, ja fast nach Prostitution. Und das Publikum wird zum konsumierenden Körper, der nur gefüttert werden will.

Das Festival findet in diesem Jahr unter besonderen Vorzeichen statt. 79 Regisseurinnen und Regisseure - allesamt Leute, die ihre Filme lieber in Cannes und Venedig sehen, als in Berlin - haben ihren Unmut über den Charakter der Berlinale in einem offenen Brief zum Ausdruck gebracht. Der künstlerischen Elite gefällt ihr größtes Festival nicht mehr und sie macht die Misere an einer Person fest: Dieter Koslick, seit 2001 und noch bis 2019 künstlerischer Leiter der Berlinale. Sein Name steht für viele stellvertretend für ein aufgeblähtes Programm an Filmen. Je größer das Publikum, desto erfolgreicher das Festival, so die Logik. Auch wenn es sich auf eine unübersichtliche Masse an Filmen verteilt.

Dies führt automatisch dazu, dass kaum mehr zwei Besucher denselben Film gesehen haben und ein wichtiger Teil eines Filmfestivals, nämlich das angeregte Gespräch über das gerade Gesehene, immer schwieriger wird. Diskurse werden hier nicht gebündelt, sondern gestreut. Gerade dem Wettbewerb scheint ein klarer Fokus zu fehlen. Viele Filme zeichnen sich durch namhafte Stars aus, die dann - für’s Publikum - über den roten Teppich wandeln. Die Filme kommen zu häufig seltsam diffus politisch daher, stammen zu oft aus der unangenehmen Kategorie der Themenfilme (Flüchtlinge! Frauen! Faschismus!).

Als Dieter Koslick auf der Pressekonferenz kurz vor Festivalstart auf die Bühne tritt, macht er alles so wie immer. Warum auch nicht, der Mann hat noch zwei Jahre Vertrag, da wird er sich kaum neu erfinden. Koslick bezeichnet die Unterzeichner des Briefes als “Spaßbremsen” und stellt die Sektionen seines Festivals vor. Fünf Stück an der Zahl, 385 Filme, das sind mehr als in Cannes und Venedig zusammen. Da ist dann wirklich für jeden was dabei. Das ist dann doch eher all you can eat als haute cuisine, trotz extra Sektion fürs kulinarische Kino. Und es unterwandert den wichtigsten Anspruch, den wir an ein Filmfestival stellen. Mir genau den Film zu zeigen, auf den ich nicht von alleine gekommen wäre. Unvorhersehbar zu sein. Mir Werke zu zeigen, mit denen ich eine dramatische Beziehung eingehe. Die mir vielleicht unangenehm sind und mich auf eine Weise herausfordern, wie es mir eben nicht passiert wenn ich aus einem Angebot von 385 wählen kann. So einfach macht es einem sonst nur Netflix. Oder wie Theodor Adorno es formuliert: Das Publikum hat ein Recht darauf, nicht angeschmiert zu werden, auch wenn es darauf besteht, angeschmiert zu werden.

Als die Pressekonferenz vorbei ist, wird man direkt vor der Tür von jungen Menschen abgefangen, die Flyer verteilen. Sie werben für die “Woche der Kritik”, ein von deutschen Filmkritikern 2015 ins Leben gerufene Festival, das ganz bewusst zeitgleich zur Berlinale ein Alternativprogramm an wenigen ausgesuchten Filmen zeigt, die wohl niemals auf der Berlinale laufen würden. Das ganze wird begleitet von diversen Diskussionsrunden um den deutschen Film, seine Förderung und sein größtes Festival. Am Vorabend der Berlinale geht es los. Die Filmkritiker rufen ins Zirkuszelt auf dem stillgelegten Tempelhofer Flugfeld. Die Verortung in der Manege soll an die Anfangszeit des Kinos erinnern und dessen alte Magie beschwören. Und irgendwie passt das ja auch zum Kino, diese Simulation von Orten und Zeiten.
Foto: Woche der Kritik © Jan Zappner Der Beginn der Veranstaltung ist dann jedoch alles andere als magisch. Mitglieder deutscher Fördergremien diskutieren mit Filmschaffenden über die neuen Leitlinien der Filmförderungsanstalt. Die richten sich nämlich zukünftig nach, man ahnt es, dem Publikum. Deutsche Filme dürfen nur noch auf Geld aus dem größten Fördertopf rechnen, wenn man ihnen zutraut, dass sie ein Publikum jenseits der 250.000 Besucher erreichen werden, eine für deutsche Verhältnisse enorme Masse. “Western”, der vielleicht interessanteste deutsche Film 2017 wäre unter diesen Voraussetzungen nicht entstanden.

Und da ist er wieder, der Wunsch, das Publikum greifbar zu machen, wenn auch nur über die schiere Quantität. Die internalisierte Zuschauerlogik, die auch dem Programm der Berlinale anhaftet.

Marie-Pierre Duhamel, Kuratorin und ehemalige Direktorin des Festivals Cinéma du Reel, schlägt schließlich vor, zwischen Publikum und Zuschauer zu unterscheiden. Vielleicht ist dieser induktive Ansatz der Ausweg aus dem Dschungel der Besucherstatistiken und Verkaufszahlen. Das Individuum kann ich herausfordern, provozieren und affizieren. Und was den einen berührt, berührt vielleicht auch noch ein paar andere. Ein solcher Bezug zum Publikum ist experimenteller. Ein spielerischer Versuch, mit der Bestie zu interagieren. Ihr sogar etwas beizubringen und von ihr zu lernen, ohne dabei gefressen zu werden. Denn am Ende ist der Kinosaal ein Raum der geteilten Erfahrung. Und auch wenn die Masse an Individuen ein Publikum ergibt, so hat doch jeder einzelne Zuschauer seine eigene, intime Beziehung zu dem Geschehen auf der Leinwand.

In Zeiten von big data wird der Publikumsbegriff revolutioniert und dabei seiner eigenen Komplexität nicht gerecht. Erfolge werden berechnet, aber Berechnetes ist selten überraschend. Dabei ist es doch genau das, was wir vom Kino erwarten und worauf sich auch an jenem Abend im Zirkuszelt alle einigen können. Wir wollen überrascht werden. Dafür bedarf es den Mut des Publikums, sich einem Film auszuliefern und den Mut der Filmemacher, Erwartungen zu brechen. Am nächsten Tag beginnt die Berlinale mit Wes Andersons “Isle of Dogs”. Ein Eröffnungsfilm so mutig wie ein Abspann im Rolltext.

Sebastian Ladwig


Sebastian Ladwig hat früher über Filme geschrieben, in Zukunft würde er das „über“ aber lieber weglassen. Nach dem Philosophiestudium als Texter, Autor und Sportreporter tätig, studiert er nun an der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

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