BERLINALE-SPECIAL


Berlinale Party-Hopping

Route: Neue Schönhauser Str. 20 — Potsdamer Platz 3 — Greifswalder Str. 23A

Berlin verwandelt sich im Februar für zehn Tage immer in eine gigantische Filmparty — die Berlinale. Die Hauptbeschäftigung, man könnte sogar sagen Arbeit, für Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Verleiher und überhaupt Filmschaffende ist nicht nur das Filmegucken, sondern auch der Besuch von Filmpartys.

Auf diesen Partys passieren legendäre Treffen, werden Millionendeals gemacht, Rollen verteilt und Kontakte geknüpft. Und wenn man das Filmprogramm des Festivals auf offiziellem Weg problemlos herausfinden kann, so findet man wahrscheinlich nirgendwo eine hundertprozentige Antwort darüber, wie viele Party während der Berlinale eigentlich gefeiert werden.

Wenn man die Instagramaccounts der deutschen Berlinalestars verfolgt (Alina Levshin, Karoline Herfurth etc.) sieht man, wo sie sich während der Berlinalezeit überall aufgehalten haben. Geotaggs und Hashtags machen die Infosuche heutzutage glücklicherweise einfacher. Pro Tag schafft man es bei großem Wunsch und Ausdauer 6 bis 7 Filme zu sehen, aber wie viele Partys man pro Tag schaffen kann, ist ein zumindest von mir bisher ungelöstes Rätsel.

  • © Irina Posrednikowa
  • © Irina Posrednikowa
  • © Irina Posrednikowa
  • © Irina Posrednikowa
Bei einem meiner Berlinalebesuche habe ich Party-Hopping gemacht und lade Euch nun auch mit ein, hinter den Vorhang der Berlinale-Partys 2018 zu gucken. Also, der erste Samstag der Berlinale war ein sonniger Tag. Es ist sogar schade ihn im Kino zu verbringen. Doch bis zum Kino muss man an diesem Partytag erst noch kommen. Es fängt morgens schon mit Sekt beim Goethe-Frühstück an, das jedes Jahr im Rahmen der Berlinale Filmschaffende und Freunde des Goethe-Instituts zu sich ins Haus an der Weinmeisterstraße einlädt. 10:30 Uhr gehts los, ich komme sogar ein bisschen früher und bin erstaunt, dass sich bereits eine lange Schlange vor der Garderobe gebildet hat und die erste Reihe Sektgläser schon ausgetrunken ist.

  • Foto: Maren Willkomm © Goethe-Institut e.V.
  • Foto: Maren Willkomm © Goethe-Institut e.V.
  • Foto: Maren Willkomm © Goethe-Institut e.V.
Viele Gäste sind an diesem Morgen schon gut bekannte Gesichter, die traditionell zum Frühstück im Goethe-Institut kommen. Beispielsweise Andres Veiel, Regisseur vieler berühmter Dokumentarfilme wie «Blackbox BRD», und «Beuys», (der bei der Berlinale in der Sektion «Lola» läuft) auch für Moskauer Zuschauer ein Begriff (denn er lief im Zentrum für Dokumentarfilm). Ganz in seiner Nähe steht der Regisseur und Produzent Arne Birkenstock. Er hat den Film von Milo Rau «Das Kongo Tribunal», (auch bei der «Lola» zu sehen), produziert. Milo Rau kennt man in Russland übrigens aufgrund seines Dokumentarfilms «Die Moskauer Prozesse» im Sacharow-Zentrum. Seit den Dreharbeiten zu diesem Film bekommt Rau übrigens kein Visum mehr nach Russland. Neben Arne steht Uli Gaulke — noch ein Dokumentarfilmer. Dieses Jahr ist er Jury-Vorsitzender des Moskauer Festivals für Dokumentarfilm «Doker». Auch er hat einen Film in Russland gedreht - «Pink Taxi» .

Der offizielle Teil der Veranstaltung beginnt — Klaus Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts tritt auf die Bühne, um die Gäste zu begrüßen und die Mitarbeiter des Instituts vorzustellen. Übrigens, hier sind an diesem Tag auch viele Mitarbeiter aus Goethe-Instituten von der ganzen Welt! Auch die Berlinale-Blogger aus zehn Ländern sind hier, die über das Filmfestival bei Twitter, Instagram und Facebook berichten.

Potsdamer Platz 3
Carl Ritzton Hotel




Für viele Gäste des Frühstücks geht es am Abend gleich weiter mit einer wichtigen Party. Um ihre Bedeutung zu verstehen, muss ich ein paar Worte zum deutschen Filmfördersystem sagen. Es gibt in nahezu jedem Bundesland regionale Filmförderungen und auch Partys dieser Förderanstalten bei der Berlinale. Will man beispielsweise Fatih Akin treffen, kann man das bei der Party der Hamburger Filmförderung, denn der Regisseur lebt in Hamburg. Eine der größten deutschen Förderungen ist die vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Bei der Berlinale liefen dieses Jahr drei Filme, die vom Medienboard gefördert wurden, unter anderem der Eröffnungsanimationsfilm von Wes Anderson «Isle of Dogs». Und es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass auch diese Party die größte im Rahmen der Berlinale ist — die Medienboardparty im Ritz Carlton am Potsdamer Platz.Wenn man die Stars dieses Filmfestivals live sehen möchte — ist das der Ort dafür. Hier sind alle. Knapp 2000 Gäste werden erwartet — Produzenten, Schauspieler, Regisseure und Menschen aus Politik und Wirtschaft feiern hier gemeinsam mit den Gastgebern Kirsten Niehuus und Helge Jürgens.

Ich habe mich so lange und so gründlich auf diese Party vorbereitet, dass ich das Wichtigste verpasst habe: den roten Teppich. Obwohl, allem Anschein nach ist es gar nicht so schlecht. Die Stars stolzieren über den roten Teppich und von allen Seiten stehen Fotografen und Kameraleute, es ist ein Blitzlichtgewitter und alle brüllen kreuz und quer die Namen der Stars, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Menschen wie ich, die im Hintergrund beobachten und keine Medienpersönlichkeiten sind, können es da schon mal mit der Angst zu tun bekommen. Im Übrigen konnte man auf der Facebookseite vom Medienboard schon am nächsten Tag die Fotos der Stars vom roten Teppich sehen. Ach so, noch ein Thema ist, wer was anhat. Klar. Und da gab es dieses Jahr eine wirklich erwähnenswerte Initiative von Schauspielerin und Autorin Anna Brüggemann (ich folge ihr gerne bei sozialen Netzwerken). Sie kam im Jeans und einem einfachen, weißen T-Shirt mit der Aufschrift #Nobodysdoll zur Party. Sie hat diese Kampagne NOBODY’S DOLL kurz vor der Berlinale gestartet. Viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat dieses Jahr auch wieder Till Schweiger, der mit Krücken zur Party kam. Vermutung darüber, was ihm wohl passiert sei, haben am nächsten Tag sämtliche Medien angestellt.

Musikbrauerei
Greifswalder Straße 23a
10405 Berlin
© Dmitry Vachedin Nach der Medienboardparty ging es für mich und meine Freunde noch weiter. An diesem Tag war die Premiere des einzigen, russischen Wettbewerbsfilm «Dovlatov», die den ganzen russischsprachigen Teil Berlins angezogen hatte. Am Abend war die Premierenfeier, auf die es sich schon alleine wegen der Location gelohnt hat hinzugehen. Die Party stieg in der Musikbrauerei im Prenzlauer Berg.

1888 hat die Familie Schneider das Grundstück gekauft und die Brauerei gebaut, in der Bier für den «Schweizer Garten» - ein Biergarten versteht sich, gebraut wurde. Das war das erste Craft Bier Berlins. Heute gehört die ehemalige Brauerei den Ufo Sound Studios und ist ein heiß begehrter Veranstaltungsort.

Die «Dovlatov-Party» begrüßte uns mit echten Bodyguards, dem Vodka-Cranberry Cocktail «Dovlatov» und sehr vielen Gästen. Die Moskauer Schikeria vermischte sich mit einem entspannten Berliner Flair ganz ohne Pathos. Die populären Stars des russischen Films, Danila Kozlovsky und Olga Zueva waren schon weg. Dafür konnten wir den Film-Dovlatov in Person beobachten — den serbischen Schauspieler Milan Maric. Außerdem natürlich auch Regisseur Alexej German jr. mit Elena Okopnaya, die einigeTage drauf den silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung (Produktionsdesign und Kostüme) in den Händen halten wird. An diesem Abend verzauberte sie die Gäste mit ihrem extravaganten Tanzstil, der die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog.

Der Samstag ging unbemerkt in den Sonntag über. Erst mal durchatmen und Filme gucken. Dann ging es in der zweiten Woche weiter mit dem Empfang vom Go East und Cottbuser Festival und natürlich noch vielen, vielen Partys.

Nach der Berlinale muss ich erst einmal alle Artikel der Filmkritiker durchgehen. An ihnen sieht man, wie groß und kaum vollständig zu erfassen die Berlinale ist.


Irina Posrednikowa


FilmFan und erfahrene Filmfestivaltouristin.

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