BERLINALE-SPECIAL


Perspektive

Mit Touch Me Not hat die Berlinale-Jury um Tom Tykwer gerade einen Film ausgezeichnet, der vielleicht nicht den Wettbewerb repräsentiert, der ganz sicher nicht perfekt ist und in seiner Erzählweise oft nahezu unerträglich prätentiös daher kommt. Aber es ist ein mutiger Film. Ein Film, der sich eine klare Haltung zugesteht, auch wenn er nicht genau weiß, was er eigentlich sein will.
Touch Me Not © Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l'Etranger Und eben diese klare Haltung, dieser Mut in der Erzählung war etwas, das dem jungen deutschen Film in den letzten Jahren immer wieder abgesprochen wurde. Betrachten wir also einmal die Sektion Perspektive Deutsches Kino. Jene Reihe, die Dieter Kosslick zu Beginn seiner Amtszeit als Festivalpräsident ins Leben rief, um einen fokussierten Blick auf das zu erhalten, was gerade so los ist im jungen deutschen Film.

Feierabendbier von Ben Brummer wirkt in Zeiten des Abgasskandals und der Political Correctness geradezu anachronistisch und so gar nicht jung und hip. Das Auto wird hier fast zum erotischen Objekt, die Dialoge sind auf sehr bewusste Weise nur so daher gesagt.
Feierabendbier © GAZE Film / Jakob Wiessner Ein Barkeeper fährt in einem viel zu schönen Auto durch den Film und kann sich erst auf die wirklich wichtigen Dinge in seinem Leben besinnen, als ihm das Auto gestohlen wird. Das klingt erstmal platt, ist es vielleicht auch. Und doch hat er genau das zum Thema, was so wichtig ist für’s Kino. Sowohl auf der Leinwand, als auch hinter der Kamera. Es geht ums in Bewegung bleiben. Um die so wichtige Abwesenheit von Stillstand und Stagnation.

Rückenwind von vorn, der Beitrag von Philipp Eichholtz behandelt das genauso. Die Protagonisten begeben sich auf eine 900 Kilometer lange Fahrt, nur für einen Knödel mit Soße. Und sie erreichen in der Bewegung einen fast meditativen Zustand. Rückenwind von vorn © Von Oma gefördert

Der Weg ist das Ziel und so. Die Straße wird hier zum freiheitsstiftenden Element und auch die Aussicht, die der Film seinen Figuren am Ende bietet, ist nur eine Fahrt um den Häuserblock. Und vielleicht ist die der hoffnungsfrohste Ausblick, die es in der vom Film porträtierten Welt der betäubenden Alltagsprobleme gibt.

Aleksandra Odics mittellanger Film Kinseski Zid, der vielleicht interessanteste Beitrag der Perspektive, endet mit einer Autofahrt in die erhoffte Freiheit. Weg aus Bosnien und ab ins gelobte Deutschland.
Kinseski Zid © Katharina Diessner Aber die Figur, die uns in Erinnerung bleibt, ist das kleine Mädchen, das zurückgelassen wird und alleine auf der Straße stehend trotzig die Faust reckt. Hier wird die Freiheit als Haltung skizziert, die unabhängig von Umständen existiert.

Auch ein weiterer mittellanger Film, Kolja Maliks Storkow Kalifornia, beschreibt eine Autofahrt nach Berlin als Hoffnung auf ein besseres Leben. Storkow Kalifornia © Filmakademie Baden-Württemberg / Jieun Yi

Wie unendlich kompliziert es sich gestalten kann, eine Veränderung zu initiieren und aufzubrechen zeigt Die Verlorene von Felix Hassenfrantz.
Die Verlorene © VIAFILM / Bernhard Keller Eine Kleinfamilie in der schwäbischen Provinz, zwei Schwestern und ihr verwitweter Vater. Hier stellt die Fahrt im Wagen den Anfang und nicht das Ende des Films dar. Der Vater am Steuer und seine Töchter ihm ausgeliefert. Der Aufbruch, der in diesem Film skizziert wird, ist der schwierigste von allen.

Der eine Film, der uns scheinbar die absolute Stagnation beschreibt, ist Draußen, eine Dokumentation der beiden Regisseurinnen Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht. Ihr Dokumentarfilm porträtiert Menschen, die auf der Straße leben und beschreibt ihre alltäglichen Routinen. Und das jenseits von Mitleid oder einer vermittelten Hoffnung auf einen Ausbruch aus dieser Welt.
Draußen © unafilm / Thekla Ehling Die Porträtierten sind keine Opfer. Es geht in diesem Film nicht um das, was Susan Sontag “das Leiden der anderen betrachten” nennt. Die porträtierten Männer haben sich auf verschiedene Weisen in ihrem Leben eingerichtet und erzählen aus jahrelanger Erfahrung von ihrer Zeit auf der Straße. Wie sie dort gelandet sind, wie sie ihr Leben eingerichtet haben und warum sie ihren Frieden damit gemacht haben. Draußen ist angenehm anders als die Sozialreportagen, die man sonst so aus diesem Milieu kennt. Der Film maßt sich keine Wertung an, er beschreibt.
Draußen © unafilm / Thekla Ehling Matze, Peter, Sergio und Elvis sind Männer, für die in der Gesellschaft irgendwann kein Platz mehr war und die alle auf ihre Weise Wege gefunden haben, sich ihren Platz zu schaffen. Elvis lebt unter der Brücke, ist begeisterter Fan seines Namensvetters und sammelt an seinem perfekt sortierten und aufgeräumten Schlafplatz diverse Memorabilia des King of Rock’n’Roll. Die Ordnung hat er aus seiner Zeit im Heim mitgebracht, auch wenn dort irgendwann kein Platz mehr für ihn war. Der Film stilisiert die wenigen Gegenstände, die seine Protagonisten besitzen als Puzzlestücke der Identitäten. So schweben immer wieder magisch Cowboyhut, Zeltstange und Taschenmesser durch das Bild und man betrachtet die Elemente, aus denen sich die Leben der Männer zusammensetzen, mit fast musealer Andacht. Die Kamera führte hier Sophie Maintigneux, die sich bereits in den Achtzigerjahren mit ihren furiosen Bildkompositionen einen Namen gemacht hat. Sie arrangiert die Objekte, die die Leben der Protagonisten ausmachen räumlich, hängt sie an Wände und Fäden. Und irgendwann bekommt man ein Gefühl dafür, was die Grenzen der Welt sind, die uns da gezeigt wird. Dabei handelt es sich nicht um Stilisierung von Armut, sondern um ein Erzählen ohne Worte. Dies vermittelt eine Bedeutung, die den Film, der sonst über große Strecken klassisch über Talking Heads funktioniert, auf eine völlig neue Ebene hebt.
Draußen © unafilm / Thekla Ehling Das “Museum der Unschuld”, das der Schriftsteller Orhan Pamuk in Istanbul eröffnet hat, wurde von Regisseurin Johanna Sunder-Plassmann aufgebaut. Dort werden Alltagsgegenstände aus dem Istanbul der Fünfzigerjahre ausgestellt und durch die bloße Anhäufung der Gegenstände entsteht ein Kaleidoskop der Gesellschaft dieser Zeit. Das Vertrauen, dass Objekte etwas über die Menschen erzählen, die sie benutzen und mit ihnen interagieren, hat die Regisseurin vielleicht von dort mitgebracht. Zu diesem Ansatz passt, dass die Protagonisten aus Draußen eben auch nicht in einem architektonisch definierten Raum leben. Ihnen fehlen die vier Wände, in denen sich die meisten Menschen ihrer Identität versichern. Und so kommt dem Wenigen, das sie mit sich führen, eine ungleich größere Bedeutung zu. Das Problem in Bezug auf die Ausgrenzung gegenüber Obdachlosen ist ihre gesellschaftliche Unsichtbarkeit. Und genau die hebelt der Film mit seinem visuellen Konzept aus. Er porträtiert Figuren, die durch die äußeren Umstände dazu gezwungen sind in Bewegung zu bleiben, aber alle eine Art und Weise entwickelt haben, über das Wenige, das sie mit sich führen, eine gefestigte Identität aufzubauen.

So muss man sich in Bezug auf die Perspektive Deutsches Kino wahrscheinlich bei jedem Film neu fragen, ob sich das junge deutsche Kino gerade im Aufbruch befindet. Den Aufbruch zum Thema haben die Filme fast alle.

Sebastian Ladwig


Sebastian Ladwig hat früher über Filme geschrieben, in Zukunft würde er das „über“ aber lieber weglassen. Nach dem Philosophiestudium als Texter, Autor und Sportreporter tätig, studiert er nun an der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

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