Lieblingsbücher


Bücher für das Wochenende: UZB Edition

„Die Ungetrösteten“ (The Unconsoled, 1995), Kazuo Ishiguro


Kazuo Ishiguro - The Unconsoled © Faber and Faber Verlag
Dem vierten Roman von Kazuo Ishiguro wird von den meisten höchste Komplexität und gleichzeitig höchste Wiedererkennung attestiert. Die Komplexität ist der Erzählstruktur selbst zu verdanken, schwerfällig und zäh wie ein nicht endender Traum, und die Wiedererkennung ergibt sich aus der ausgeprägten Affinität mit dem Schaffen von Franz Kafka. Meistens ist die Wiedergabe fremder Träume mühsam anzuhören, vor allen Dingen dann, wenn diese als Geschichte dargestellt werden, die sich erst gestern ereignet hat. Ishiguro geht da genau andersherum vor: Er schafft einen Traum und lässt den Leser darin eintauchen, indem er diesen zwingt, sich in die Hauptfigur, den Pianisten Ryder, zu verwandeln. Dieser kommt gerade in einer Kleinstadt in Mitteleuropa an, um das wichtigste Konzert seines Lebens zu geben. Die Hauptfigur wird charakterisiert durch das manische Bestreben, sich einwandfrei auf das Konzert vorzubereiten. Er wird jedoch in eine endlose Folge von Problemen verschiedener Menschen verwickelt, zu denen er in eigenartiger und nicht nachvollziehbarer Beziehung steht. Die Lektüre packt, fasziniert und ängstigt gleichzeitig durch ihre düstere Aussichtslosigkeit, die euch durch sämtliche Wendepunkte zum Ende der Geschichte führt, wodurch sich das starke Bedürfnis einstellt, zum Anfang zurückzukehren und das Buch noch einmal durchzulesen. Jedoch nicht auf einmal.

„Der Karo-Bube“ (2000), Wladimir Orlow


Wladimir Orlow - der Karo-Bube © AST Verlag
Eines der besten Werke zeitgenössischer russischsprachiger Prosa — „Der Karo-Bube“ — handelt von einer phantasmagorischen Geschichte über Liebe, Tod und das Leben in der UdSSR Ende 1960er Jahre und über geheimnisvolle Mächte, die unser Schicksal lenken. Diesen Roman kann man gleichermaßen als surrealistisch, dokumentarisch, klassisch, postmodernistisch, satirisch und detektivisch bezeichnen. Trotz dieser, vielleicht auch dank dieser internen Widersprüchlichkeit liest sich der Roman buchstäblich in einem Atemzug, denn die Romanfiguren sind so mit Lebensenergie erfüllt, die Themen und Intrigen dermaßen packend, dass es schlichtweg nicht möglich ist, sich von der Lektüre loszureißen. Die Vollkommenheit des Ortes verleiht dem Roman die lebhaft beschriebene Redaktionsatmosphäre einer großen Moskauer Zeitung, die von Phobien und reellen Gefahren jener Zeit nur so strotzt und in der sich dramatische Beziehungen zwischen den handelnden Personen entwickeln. Besonders bemerkenswert ist die meisterhafte Sprache des Schriftstellers, welcher all die verschiedenartigen Textebenen zu einer stilistischen Einheit zu verschmelzen versteht und dem Leser ein ungeahntes Lesevergnügen bereitet. Der Roman hat einen erstaunlich aktuellen Bezug zum absurden Kontext des heutigen Russlands.
© Aleksej Ulko

Aleksej Ulko


Linguist, Schriftsteller, Künstler. Arbeitet gegenwärtig mit Zeitschriften wie „Chudoschestwennyj Schurnal“, „ALUAN“, und „Kurak“ zusammen, aber auch mit den Verlagen Hertfordshire Press, Kuperard Publishing und verschiedenen Online-Ressourcen. 2007-2014 war er Teilnehmer und Jury-Mitglied einiger zentralasiatischer Festivals für Literatur und Experimentalfilme. Mitglied der Association of Art Historians und European Society for Central Asian Studies. Lebt und arbeitet in Samarkand und Taschkent.

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