Lieblingsbücher


Generation Y

Wie muss Literatur sein, um für Jugendliche interessant zu sein? Und inwieweit ist klassische Literatur überhaupt etwas für die Generation Y? Ich habe diesbezüglich eine ziemlich eigenartige Meinung: Ich habe generell Schwierigkeiten, Literatur in Rahmen und bestimmte Alterskategorien und -beschränkungen zu zwängen. So nach dem Motto, das da ist für die Kleinen genau richtig, das hier noch viel zu früh, das verstehen die noch nicht.

Die gute Alte Klassik oder was ist must read?



Heutzutage lesen junge Leute sehr viel. Dieses Gefühl bekommt man zumindest, wenn man sich durch die zahlreichen Youtubevideos über Bücher klickt. Die Booktuber (das sind Bücherblogger) erzählen in ihren Videoblogs nicht nur alles über Bücher, die sie gelesen haben, sondern schweifen auch gerne in Überlegungen über das Schicksal der modernen Literatur und die Krise dieses Genre ab. Ich, als jemand, der sich noch gut an Zeiten ohne Internet, dafür mit Fußball und Völkerball bis in die späte Nacht erinnert, erwische mich manchmal bei dem Gedanken, dass zumindest soziokulturell gesehen die Kluft zwischen der Generation Y und mir ganz gewaltig ist. Es entsteht der unmissverständliche Eindruck, dass der moderne Leser immer tiefer in Fantasy-Bücherwelten abtaucht. Ist das ein Versuch so den Problemen der realen Welt zu entfliehen? Diese Überlegungen überlassen wir mal lieber den Soziologen und anderen Herren mit dicken Brillengläsern.

Wichtig ist etwas Anderes. Junge Leser drücken sich eindeutig vor klassischen Werken. Allein der Anblick gewundener, blumiger Sätze, die so lang sind, dass man am Ende vergisst, was am Anfang stand, rufen wahrscheinlich in ihnen das Grauen hervor. In Zeiten des Cliparitgen Denkens ist diese Abneigung gegenüber klassischen Formen leicht zu erklären. Von welchen Duellen und Briefen kann überhaupt die Rede sein, wenn „lol“, „yolo“, „omg“, „bro“ und sonstiger Kauderwelsch die Schriftsprache beherrschen.

Mein Text ist allerdings kein böses Schielen in Richtung Jugend. Ich möchte einfach nur gerne zeigen, dass klassische Literatur interessant sein kann, und zwar nicht nur als Pflichtfach in der Schule und Uni, sondern ganz unabhängig davon, ein toller Zeitvertreib und eine gute Gelegenheit etwas mehr über Menschen und unsere Welt zu lernen. Es ist nämlich immer sicherer, sich auf die durch viele Jahre und sogar Jahrhunderte geprüften Typen zu verlassen, als den neusten Trends nachzurennen.

Neuer Blick auf die Klassik



Was wissen wir über Fedor Dostojewski? Richtig, uns fallen gleich „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Erniedrigte und Beleidigte“ ein. Aber das ist nicht alles! Dostojewski ist der Meister der kurzen Prosaform. Magst du den Nervenkitzel eines Thrillers mit einem dynamischen und spannenden Sujet? „Der Doppelgänger“ – er wird dir gefallen. Der feine und tiefgehende Psychologismus dieses Werks übertrifft selbst den von Hitchcock, so präzise und packen wird das Bild (und zwar rein verbal) eines Menschen dargestellt, der seinen Doppelgänger trifft. Wenn wir den historischen Kontext dabei einfach mal ausblenden, werden wir sehen, dass diese Geschichte in jeder Epoche, zu jeder Zeit verständlich und zeitgenössisch ist, denn jeder Mensch spürt zu allen Zeiten die Anziehungskraft der geheimnisvollen Welt der eigenen Psyche und Bewusstseins.

Bist du ein Fan von Komödien im französischen Stil – bitte, „Eine dumme Geschichte“ und „Onkelchens Traum“ werden dich begeistern. Mit Dostojewski wirst du lachen, wie seit deiner frühen Kindheit nicht mehr: aufrichtig und ungetrübt, und das ganz ohne Witze unter der Gürtellinie.

Alle Geheimnisse und unerwartet komische Momente der Liebe kann man wunderbar mit dem Roman „Das Buch der lächerlichen Liebe“ von Milan Kundera erforschen. Dieser zeitgenössische Klassiker ist in der Tschechoslowakei geboren, lebt und arbeitet aber in Frankreich. Seine Prosa zeichnet sich durch einen unwiederholbaren, raffinierten Stil aus, und die mit feinem Humor beschriebenen Alltagssituationen können eine große Hilfe sein sich auf die Herausforderungen der Liebesbeziehungen und vielleicht sogar dem Bund der Ehe vorzubereiten.

Für alle jungen Leute da draußen, die generell etwas genauer in das Thema Liebe eintauchen wollen, sei gesagt, dass sich in der klassischen Literatur Hunderte, wenn nicht Tausende Bücher dazu finden. Ich möchte an dieser Stelle „Madame Bovary“ des wundervollen Gustave Flaubert erwähnen. Von der ersten bis zur letzten Seite wird die Geschichte einer Familie erzählt. Flaubert ist unglaublich genau, methodisch und stellenweise so unerträglich langweilig, dass man dieses Buch sofort wegschmeißen möchte, um schnell einen Halbmarathon zu laufen. Damit man spürt, dass man selbst noch lebt und atmet. Ich gebe zu, das Werk ist nicht das Einfachste, aber es lohnt sich, bis zum Schluss durchzuhalten. Der Grund dafür – die Katharsis, die man spürt, wenn die letzten Zeilen vor deinen Augen vorbeigeflogen sind. Als echter Romanschriftsteller prophezeit Flaubert nichts, dafür erforscht er das Zusammenleben von Mann und Frau. Das Geschriebene ist nicht einfach nur die Fantasie des Autors, sondern zeigt das Leben selbst, festgehalten durch die fleißige Feder des großen Meisters. Und keine Sorge, die Romane Flauberts werden nicht etwa zu ernüchternd oder gar abstoßend auf junge Leute wirken. Vielmehr bringen sie einen zum Nachdenken: Warum leben Mann und Frau zusammen? Was bringt das überhaupt, das eigene Leben mit dem einer anderen Person zu verbinden? Das sind wichtige Fragen, die man sich auch mal stellen sollte.

Jugend bedeutet Protest, Aufstand und Nonkonformismus. Der richtige Lebensabschnitt, um den Roman „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess zu lesen. Er erzählt davon, wie grausam es ist, die wahre Natur des Menschen zu brechen. Der Autor balanciert zwischen einem sozialen Drama und einem Psychothriller (bleiben wir doch bei der Filmterminologie) und erreicht so erstaunlicherweise das Ziel, dass der Leser dem Dreckskerl und minderjährigen Verbrecher Alex sympathisiert. Das ist nicht die Art von Sympathie, die wir aus Filmen mit so genannten „bad guys“ kennen. Hier kommt auf einmal unser tiefliegendes Verständnis zum Vorschein, dass die Natur eines jeden Menschen einmalig und einzigartig ist. Und okay, Alex ist ein richtiger Schuft, aber „Gott duldet Ungeheuer ja auch“. Burgess zeigt uns in seinem Roman das Böse – den Versuch einen idealen Menschen zu erschaffen, der bestimmte Regeln und Normen befolgt, die sich Jemand ausgedacht hat. Solche sozialen Experimente, die dazu da waren alle unangepassten Subjekte auszumerzen, haben noch nie zu etwas Gutem geführt. Die Freiheit der Wahl und der freie Wille – das macht uns zu Menschen. Und jeder Mensch entscheidet selbst, auf welcher Seite er steht.

Ich wiederhole mich: ich bin kein Fan von Altersbegrenzung in der Literatur. Wenn ein Buch den Leser anzieht, heißt das, dass die Zeit für ihre Begegnung gekommen ist. Manchmal fängt man hundertmal an ein Buch zu lesen und legt es immer wieder gereizt beiseite. Oder man kann auch mit 12 schon „Die Brüder Karamasow“ verschlingen, sich mit 40 dafür plötzlich für lustige Ausmalbücher für Kinder oder Märchen wie „Der kleine Prinz“ oder „Oskar und die Dame in Rosa“ begeistern. Die einzige Messlatte sollen dabei das eigene Gefühl und der eigene innere Zustand sein. Macht das Lesen Spaß, sollte man sich entspannen und alle Formalitäten vergessen. Wenn man seinem Herzen folgt, finden einen auch die richtigen Bücher. Es macht keinen Unterschied, ob es Camus oder Kafka, Gombrowicz oder Pelewin, Yanagihara oder Murakami ist. Es sind dann einfach genau die richtigen, eure Bücher.
© Andrej Romankow

Andrej Romankow


Linguist aus Belarus, kam durch eine Fügung des Schicksals und wegen seiner großen Liebe, nach Sibirien. Der Blogger-Bücherfreund, sucht als Gast immer erst die Hausbibliothek des Gastgebers auf. „Brot und Spiele!“ klingen in seinem Fall irgendwie so: „Bücher, mehr Bücher und hier noch ein paar Bücher, und dieses auch bitte“. Seit 2016 betreibt er seinen Bücherkanal auf YouTube „Bärtige Rezensionen: Bücher“ und hegt die Absicht, Bücher und Literatur bekannter zu machen.

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