Papier


Abenteuer eines weißrussischen Häschens

Die erste, sich tief eingebrannte Erinnerung von Slawa ist das Weinen seiner Mutter. Sie standen mitten im Lebensmittelgeschäft, voll von aggressiven Kunden und mürrischen Verkäuferinnen in alten, schmutzigen Schürzen. Man hörte lautes Flüstern, das Summen der Kühlschränke und das Aufschlagen von Absätzen auf den von einer dünnen Schmutzschicht bedeckten Fliesen. Und dann fing Slawas Mutter auf einmal an zu weinen. Und alles drum herum erstarrte.

"Die Marken sind weg! Jemand hat mir alle Lebensmittelmarken geklaut!", rief sie nervös immer wieder, während sie ununterbrochen in ihrer Handtasche kramte.

Slawa wusste, was Lebensmittelmarken sind. Schließlich sprachen alle ständig über die kleinen, quadratischen Kartonstücke mit einem blauen Stempel in der Mitte. Abends schnitt er sie mit seiner Mutter zurecht und morgens gingen sie dann gemeinsam damit in den Supermarkt, um die kleinen Quadrate gegen Eier, Kartoffeln und Rapsöl einzutauschen, nach dem dann die ganze Wohnung roch. Während seine Mutter also im Lebensmittelgeschäft weinte, dachte Slawa nur daran, wie bitter dieses Öl doch schmeckte und wie lange er schon keine Süßigkeiten mehr gegessen hatte. Auf jede der Lebensmittelmarken waren Zahlen gemalt. 5 Rubel, 20, 50 und sogar 200, 300 und 500 Rubel. Die Leute waren wütend, dass die Preise stiegen, während es nicht mehr Lebensmittelmarken, geschweige denn Geld gab.

Winter 1992. Niemand verstand, was eigentlich gerade los war. Klar war nur, dass Belarus seit einigen Monaten ein unabhängiger Staat war, der sehr bald schon den russischen Rubel gegen den eigenen, weißrussischen Rubel austauschen würde. Seine Geschichte wird sich als nicht einfacher herausstellen, als die ersten Monate der unabhängigen, weißrussischen Republik.

***

Slawa war gerade fertig mit der ersten Klasse, doch die Lehrer sprachen in diesem Sommer nicht etwa über die Zeugnisse ihrer Schüler, sondern über das neue Geld. Offiziell nannte man es „Zahltickets“, im Volksmund wurden sie allerdings als „Häschen“ bezeichnet, weil Tiere auf den Scheinen abgebildet waren. Um genauer zu sein: Hasen, Luchse, Biber, Bisons und Eichhörnchen. Diese neuen, so frisch knisternden Scheine begeisterten natürlich vor allem Kinder. So drehte sich nicht nur alles bei den Lehrern um dieses Thema, sondern auch bei den Schülern.

Auch Slawas kleiner Bruder Stepan war magisch angezogen von dem neuen Geld, vor allem der Hase auf den 1-Rubel-Scheinen hatte es ihm angetan: Eines Tages schnitt er ihn sogar aus. Dafür gab es keinen Ärger, denn 1 Rubel war sowieso nichts wert. Im Kiosk — dem neuen „Supermarkt“ der Neunziger — konnte man nichts unter 20 Rubel finden. Man machte damals so. Man klopfte am Kioskfenster und fragte:
„Was kann man hier für 20 Rubel kaufen?“ Die Antwort war: entweder einen Kugelschreiber oder „Turbo“, ein damals beliebtes Kaugummi.

Für 70 Rubel konnte man im Grunde sogar schon ein Eis kaufen. Allerdings konnte sich das von Heute auf Morgen ändern, die Inflation war gigantisch und es war nicht einfach mit dem weißrussischen Rubel mitzukommen. Schließlich kannte Slawa solche Zahlen ja noch gar nicht. Die Erwachsenen sprachen immer öfter von irgendeinem „Dollar“ und auch beim Einkaufen wurde meistens in Dollar gerechnet.

© Xenia Akelkina

Slawas Vater Nikolaj, geboren in Moldau, war beim Militär bei der Panzerdivision. Seine Mutter Galina war Ärztin, geboren in der Ukraine. Zum Zeitpunkt des Zerfalls der UdSSR lebte die Familie in Belarus. Aus der sowjetischen wurde eine teilweise russische Familie. Slawas Eltern nahmen die russische Staatsbürgerschaft an. Er und sein Bruder Stepan wurden zu weißrussischen Staatsbürgern. Die Mutter bekam ein Gehalt von zehn Dollar. Ende 1993 war ein Dollar ganze 7000 weißrussische Rubel wert. Wenn Slawa einen Dollar in der Hand hielt, fühlte es sich wie ein riesiger Haufen Geld an. Seine Mutter sagte allerdings immer, dass ihr Gehalt nur für eine Woche reichen würde.

1994. Alexander Lukaschenko wird der erste Präsident des Landes, Stepan wird eingeschult, Slawa kommt in die dritte Klasse. Ein Dollar kostet mittlerweile über 33 000 Rubel. Im August sogar dann ums Zehnfache mehr. Und wenn man früher zu den weißrussischen fünf Rubel „Fünfziger“ sagte, so wurde der Fünfer nun wirklich zum Fünfer.

***

Um ein bisschen Geld zu sparen, musste sich Slawas Vater wie verrückt „winden und drehen“. Dieses „winden und drehen“ war aus derselben Liga, wie auch das so oft benutzte Wort „auftreiben“. Trotz der wachsenden Marktwirtschaft konnte man immer noch nicht alle notwendigen Waren in Belarus finden. Und auch Gehälter wurden nicht überall pünktlich bezahlt. Manchmal nahm Slawas Vater ihn mit nach Litauen. Er lieh sich ein großes Auto bei seinem Kumpel und kaufte vor der Reise mehrere Kisten Wodka, die er dort einlud.

Es war kein Problem über die Grenze zu kommen, es reichte schon, wenn man eine Decke über die Kisten legte. Die Zollbeamten bekamen unauffällig knisternde Briefumschläge von den Fahrern und winkten dafür die Autos durch. In Litauen spazierte Slawa mit seinem Vater durch Marktreihen, während dieser den lettischen Verkäufern weißrussischen Wodka zum Verkauf anbat. Eine Flasche Wodka kaufte er in Belarus für einen Dollar und verkaufte sie in Lettland schon für zwei. Nach einigen Stunden waren sie meist schon alle Flaschen los und kehrten nach Hause zurück. Im Großen und Ganzen ging es für die Familie bergauf und so konnten sie sich schon bald ein eigenes Auto leisten.

Das war ein dunkelblauer Lada 1500, Baujahr 1985, gebraucht gekauft für 1100 U.S. Dollar. Die Freude über das Auto wurde allerdings von kräftigen Typen, die abends grimmig im Wohnzimmer standen, überschattet. Die Mutter sagte, das waren Banditen. Die wussten, wenn sich jemand ein Auto gekauft hatte, bedeutete es, dass man reich war. Und das wiederum bedeutete, dass man mit ihnen teilen musste. Da blieb einem auch keine Wahl.

Das Jahr 1995 kam immer näher, die ersten Monate von Alexander Lukashenko als Staatschef waren vorüber. Der nächste heftige Inflationsschub sollte in fünf Jahren folgen. Slawas Vater kam derweil zum Entschluss, dass es vorteilhafter wäre, Gebrauchtwagen zu verkaufen als Wodka. Noch einigen anderen Leuten kam diese Idee und sie fingen an, Autos aufzukaufen und dann in Minsk auf dem Automarkt „Malinovka“ zu verkaufen. Das lief so gut, dass Slawas Familie schon sehr bald das Wort „Armut“ vergessen konnte.

© Xenia Akelkina

Im Jahr 2000 wurde Slawa 14 Jahre alt. Er interessierte sich für Metalmusik und gab sein ganzes Taschengeld für CDs aus. Der Präsident versprach derweil im Fernsehen, dass die Durchschnittsgehälter im Land bald bis zu 100 Dollar steigen würden. Aber Slawa interessierte das alles nicht. Er hatte sich gerade das neue Album von Slayer zum Geburtstag gegönnt — für ganze 1,5 Millionen weißrussische Rubel. Bezahlt hatte er mit drei 500 000er-Scheinen. Seine Mutter konnte da nur den Kopf schütteln. Für das Geld konnte man schließlich ein ganzes Kilo Rindfleisch kaufen. Oder drei Kilo Nudeln. Um sich solch eine Summe anzusparen, hatte Slawa auf die Mittagessen in der Schule verzichtet. Als einige Monate später der nächste Inflationsschub kam, wurden aus den 1,5 Millionen gerade mal 1500 weißrussische Rubel. Ein Brötchen in der Schulkantine kostete damals übrigens ungefähr 20 Rubel. Einmal kaufte Slawa gleich fünf, um seine Mitschülerin Sweta zu beeindrucken. 1 Dollar betrug damals 320 Rubel. Oder, um genauer zu sein, 320 000 Rubel.

***

Sweta und Slawa hatten nicht nur in der Schule miteinander zu tun. Sweta fuhr oft mit Slawas Vater zum Automarkt „Malinovka“ und half beim Verkauf. Übrigens kostete ein Stehplatz auf dem Markt damals etwa 20 000 weißrussische Rubel. Swetas Schicht begann immer um sieben Uhr morgens, das bedeutete, dass man um fünf Uhr morgens aufstehen musste. Swetas Aufgabe war es die Autoreifen mit Silikon zu bearbeiten.

Für jeden Wagen bekam sie 5000 weißrussische Rubel. Toll war, wenn sie die in einem Schein bekam und noch toller, wenn der Kunde russischer Autohändler war, dann konnte man damit rechnen, dass er gleich mehrere Autos mitgebracht hatte! Gegen Mittag war der Arbeitstag zu Ende; wenn man an einem Tag 20 Dollar verdient hatte, galt es als großes Glück. Und wenn man dann noch das Auto sauber polierte, gab es noch mehr Geld. Denn das Polieren kostete damals 20 000 Rubel pro Wagen. Genauso viel wie der Stehplatz auf dem Markt. Ein Dollar war damals 1800 Rubel wert.

2004 eröffnete der zweite Automarkt im Stadtteil Zhdanovich, im Volksmund wurde er „Zhdani“ genannt. Am Anfang kostete der Stehplatz dort nichts, doch Swetas Dienste wurden dort aus irgendeinem Grund nicht mehr gebraucht.

Slawa hatte derweil andere Sorgen. Der Vater kaufte ihm für saftige 600 Dollar den ersten PC mit Celeron Prozessor und 333MHz, einer Grafikkarte mit 8 Megabyte und 32 Megabyte Speicherplatz auf der Festplatte. Und das Wichtigste: Slawa hatte nun auch Internetzugang — via Telefonleitung. Man schrieb das Jahr 2001. Um 2 Uhr nachts konnte man per Billigtarif surfen. Also stellte sich Slawa auch immer den Wecker und hing bis um 8 Uhr morgens im Netz. In dieser Zeit kostete 1 Minute Surfen vier weißrussische Rubel. Allerdings flog man auch ungefähr jede halbe Stunde aus der Leitung und es war eine Herausforderung etwas herunterzuladen. Manchmal brauchte Slawa eine ganze Nacht um zum Beispiel das Album der Band Coal Chamber herunterzuladen, es dann auf CD zu brennen, das CD-Cover auszudrucken und für ein paar Tausend Rubel zu verkaufen. Er war der Einzige in der Kleinstadt, der ein CD-Laufwerk besaß und Sweta fuhr außerdem oft für Gelegenheitsjobs nach Minsk und brachte ihm CD-Rohlinge mit. Er war erst 14 und hatte schon sein erstes, kleines Unternehmen.

© Xenia Akelkina

Im Jahr 2004 fing Slawa mit seinem Studium in der weißrussischen Hauptstadt an. Pro Woche gaben ihm seine Eltern 50 000 Rubel. Sein Studium der Philosophie kostete 1000 Dollar pro Jahr.

50 000 Rubel reichten durchaus fürs Essen in der Kantine und sogar für Bücher und CDs. Währenddessen wuchs das kleine illegale Unternehmen des Jugendlichen. Slawa hatte nun schon eine Webseite mit Onlinekatalog von CD-Alben, die er anzubieten hatte. Die Kunden bestellten, er brannte die CD, traf sich mit ihnen in der U-Bahn und tausche die CD gegen Geld aus. Alles ohne Quittungen und Steuern natürlich. Slawa wusste, dass er für das Finanzamt ein gefundenes Fressen war, aber trotzdem hatte er es nicht eilig, eine Steuernummer zu beantragen. Stattdessen begann er nun auch gebrauchte Handys zu verkaufen und nahm sich vor, ein Auto zu kaufen. Dafür brauchte man ja nur 6000 Dollar. Wie auch schon 1994 rechnete man auch zehn Jahre später alles in Dollar. Und sogar auf Werbeplakaten waren Preisschilder mit Dollarzeichen zu sehen. Slawa hatte, wie auch alle seine Freunde, seine gesamten Ersparnisse in Dollar und traute dem Euro nicht. Und das, obwohl man in seinem Land in erster Linie den USA kein Vertrauen schenkte.

Slawa konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als ihm das bewusst wurde. Er war mit seiner Familie gerade auf Kur, als die NATO begann, Jugoslawien zu vernichten. Natürlich hieß diese Militärinitiative anders, für seine Eltern wurde ab da aber der Satz „es den Yankees mal so richtig zeigen“ ein Leitmotiv. Einige Jahre später wurden dann Sanktionen gegen Belarus eingeführt und die antiwestliche Rhetorik wurde zur offiziellen, politischen Richtlinie bis zum Jahr 2014.

© Xenia Akelkina

Im Jahr 2011 war Slawa schon seit zwei Jahren fertig mit dem Studium und selbstständig. Er kaufte verschiedene Waren und verkaufte sie weiter. Ein Gehalt von 500 Dollar galt in diesen Jahren als richtig gut. Die Menschen fingen langsam an Neuwagen zu kaufen, keine Gebrauchtwagen. Der Kauf eines nigelnagelneuen Autos im Autohaus war nichts exotisches mehr. Doch dann kam plötzlich die nächste Währungskrise - in den Wechselstuben gab es keine Dollar mehr, dafür den Schwarzmarkt mit inoffiziellem Wechselkurs.

Vor den Wechselstuben standen Menschen Schlange, sogar nachts. Alle, die irgendetwas mit Import zu tun hatten, brauchten Geld. Der größte Schein war zu diesem Zeitpunkt der 200 000er. 100 000- und 50 000-Scheine galten auch als groß. Als die einmalige Währungsabwertung vorüber war, kehrten die Scheine in die Wechselstuben zurück. Aber der Dollarkurs wuchs, 2014 erreichte er seinen absoluten Höhepunkt. Während in der Ukraine der Euromaidan tobte, Russland die Krim annektierte und die ukrainische Armee im Donbass mit Separatisten kämpfte, hatten die Weißrussen eigene Sorgen. Das Land bereitete sich auf eine weitere Denominierung vor und darauf, neue Scheine und Münzen in Umlauf zu bringen.

Die neuen Scheine hatten eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Euro.

***

Im Juli 2016 geschah die Denominierung. Alle 10 000 Rubel-Scheine wurden nun zu 1 Rubel, und zwar als Münze. Ein Dollar war ab da etwa zwei Rubel wert. Slawa ist 30 Jahre alt geworden. Er und Sweta hatten geheiratet und aus purem Zufall haben sie eine Eigentumswohnung. Sie hatten die Wohnung während der Währungskrise gegen Wertpapiere gekauft, während der Dollar gerade dreimal mehr kostete, als er es eigentlich wert war. Allerdings fielen die Preise nach dem Krieg in der Ukraine in den Keller und auch das Gehalt von 500 Dollar war nicht mehr Durchschnitt, sondern das Traumgehalt schlechthin. Slawas Bruder Stepan blieb nach dem Studium in Minsk, die Familie seines großen Bruders in der Provinz. Slawa hatte schon eigene Kinder und musste ständig daran denken, dass er in einer Zeit permanenter Veränderung aufwuchs. Dies würde wohl auch das Leben seiner Kinder werden.
© Andrej Ditschenko

Andrej Ditschenko


Andrej Ditschenko (1988 in Kaliningrad geboren) ist ein weißrussischer russischsprachiger Schriftsteller und Journalist. Er studierte Geschichte an der Staatlichen Weißrussischen Max-Tank-Pädagogikuniversität. Er ist Autor der Bücher „Platten und Lücken“, „Du – mich“ und „Sonnenmensch“. Die künstlerischen Texte des Autors sind Teil des Pflichtprogramms des Literaturkurses mit Schwerpunkt Osteuropa des Swarthmore College (Swarthmore, Pennsylvania, USA). Er hat als Redakteur des weißrussischen Magazins „Ja“ („Ich“) gearbeitet, war stellvertretender Redaktionsleiter der Zeitung „Znamja Junosti“ („Fahnen der Jugend“), Journalist des weißrussischen Magazins „Bolshoj“ („Groß“) und weiterer weißrussischer Medien..

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