Ent-Fernung


Trennen

  • Aleksandra Soldatowa
    Ein Freund fragte mich neulich, was das Wort „trennen“ eigentlich bedeutet?
    Trennen bedeutet, das einheitliche Ganze in selbstständige Teile umzuwandeln. Wenn man aber die Welt als Ganzes betrachtet, kann man darin irgendetwas finden, was von allem anderen unabhängig ist?
    Ich führe eine Reihe von Experimenten durch und gehe den Weg vom Allgemeinen auf das Individuelle. Auf den ersten Blick scheint alles einfach: Licht und Dunkelheit, Natur und Mensch, Lebendes und Totes.
  • 1
    Natürlich oder menschlich, lebendig oder tot? Vielleicht handelt es sich hier um ein und dieselbe Frage. Kunst ist dafür da, sich Fragen zu stellen.
  • 2
    Stellt man sich allerdings immer neue Fragen, muss man nicht nur bereit sein, unerwartete Antworten zu finden, sondern auch gar keine Antworten zu bekommen. Zumindest keine Verbalen.
  • 3
    Ist zum Beispiel eine Situation möglich, in der sich Künstliches in Natürliches verwandelt? Oder kann das Natürliche so fremd sein, dass es fast schon künstlich ist?
  • 4
    Ein Foto kann Totes wieder aufleben lassen. Warum ist es dennoch interessanter, wenn die Täuschung offensichtlich ist?
  • 5
    Einem Foto ist es egal, was es zeigt. Es kann mühelos jegliche, auch ganz und gar zusammenhangslose Gegenstände durch Bildausschnitt, Farbe oder sonst was verbinden.
  • 6
    Je gründlicher ich versuche zu trennen, desto mehr Zusammenhänge entdecke ich. Was mir früher klar und individuell erschien, wird zu einem Teil von etwas Anderem und verändert sich dadurch.
  • 7
    Um ein Objekt abzutrennen, muss ich es aus einem solchen Blickwinkel betrachten, dass die Beziehungen zu anderen Objekten unsichtbar oder unklar werden.
  • 8
    Ausgesprochene Worte und definierte Besonderheiten ziehen von selbst Grenzen in unserem Bewusstsein, die beengender sind als der Bildausschnitt im Fotoapparat. Worte und unser Erfahrungsschatz machen das Schwarze zum Schwarzen und zur Abwesenheit des Lichts in einem Bildausschnitt.
  • 9
    Worte versperren die Sicht. Worte sind die Grenze zwischen einem Aufnahmeobjekt und der Emotion, das man durch das Foto erhält.
  • 10
    Ich versuche, noch tiefer einzusteigen, wenn auch nur rein theoretisch. Alles besteht aus Molekülen, aber wo endet das eine Molekül und wo beginnt das andere?
  • 11
    Im Grunde existiert ein solcher Ort nicht, es gibt nur einen aus dem Physikunterricht bekannten asymptotischen „Schwanz“, um ein Modell zu entwickeln und alles um uns herum wenigstens ansatzweise zu verstehen.
  • 12
    Um sich in Worten ausdrücken zu können.
  • 13
    Hier habe ich ein Stückchen Feldspat vor mir — ein glasähnliches Mineral. Wenn man es über einen Faden legt, dann entstehen darunter zwei Bilder. Das eine heißt ordentliches -, das andere außerordentliches Bild. Aber gibt es jenen Faden unter ihnen auf dem Blatt Papier überhaupt?

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