Ent-Fernung


Duchoboren in Georgien

  • Natela Grigalaschwili,
    Fotografin
    Natella Grigaraschvili ist Fotografin und Fotoreporterin. Sie unterrichtet Fotokunst in der Nationalen Akademie der Künste in Tiflis und an der Staatlichen Universität Tiflis. Sie ist Autorin vieler Fotoprojekte, die in verschiedenen Regionen Georgiens durchgeführt wurden. In ihren Arbeiten fokussiert sie ihre Aufmerksamkeit auf der Geschichte jenseits des Bildes.
  • © Natela Grigalaschwili
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    Nach dem Befehl von Nikolaj I im Jahr 1841 fing man an, Durchoboren aus Russland umzusiedeln, meistens nach Georgien, nach Javakheti. Hier gründeten Duchoboren zehn Ansiedlungen. Trotz des ungünstigen Klimas fingen sie mit Selbstvergessenheit an, sich ihrem neuen Zuhause anzupassen. In einem der gegründeten Dörfer – Gorelovka, das eine Art Mekka für Duchoboren wurde, bauten sie ein Waisenhaus und eine Schule. Das alles geschah in Rahmen der ursprünglichen Gesellschaftsordnung. Für den Bau der Schule, die bis jetzt funktioniert, spendete damals der Schriftsteller Leo Tolstoi.
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    Bald nach der Umsiedlung wurden Duchoboren zu einer der wohlhabendsten Gemeinschaften in Kaukasus. In der Sowjetzeit war die Sowchose von Gorelovka die zweitbeste bei den Mengen der landwirtschaftlichen Produktion in der ganzen Union. Duchoboren wurden durch ihre Fähigkeit, hart zu arbeiten, schnell bekannt, sie bekamen den Ruf der Leute, die Disziplin und Ehrlichkeit schätzen.
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    Der Glaube von Duchoboren lehnt alle traditionelle kirchliche Rituale und Symbole ab: Kreuz, Ikonen, Gottesdienste und sogar Heilige. Bei Geburt, Eheschließung und Tod haben sie ihre eigenen einfachen Bräuche. Sie sagen, dass Gott überall und in allem ist, und besonders in den Menschenseelen, und das bedeutet, dass jeder Mensch ja ein Gotteshaus ist.
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    An der Spitze der Gemeinschaft von Duchoboren steht ein Ältester, ein spiritueller Führer. Oft steht eine Frau an der Spitze: Duchoboren stritten nie die Rolle der Frauen im Leben ab.
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    Bei Duchoboren gilt Javakheti als ein heiliger Ort und das Dorf Gorelovka als Zuhause für jeden der Duchoboren, die in der Welt zerstreut sind.
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    In Gorelovka gibt es einen alten Friedhof mit den für Duchoboren heiligen „Gräblein“. Unter anderem ist hier Lukeria Kalmykova begraben, die die Gemeinschaft während und nach der Umsiedlung aus Russland leitete. In der Nähe vom Friedhof befindet sich das Gebetshaus, wo sich jeden Sonntag Duchoboren, einmalige Nationalgewänder anhabend, versammeln und Psalmen singen. Im Zentrum von Gorelovka ist eines der wichtigsten Heiligtümer der Duchoboren-Gemeinschaft erhalten: vor circa 150 Jahren gebautes Waisenhaus, ein Baukomplex, das aus einigen weiß-blauen Bauten besteht, wo früher Waisen und Älteren lebten.
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    Im Grunde der religiösen Vorstellungen von Duchoboren liegt die Naturverehrung. Im Umkreis von Gorelovka befinden sich vier Berge, Durchoboren nennen sie Heiliger Hügel, Blauer Hügel, Berg Ivanis und Großer Abul. Man meint, dass sie eine Art Grenzen der Länder von Duchoberen darstellen.
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    Die Steppen von Javakheti sind für Duchoboren auch heilig. Laut Übermittlung verteidigten sich ihre Vorfahren hier gegen Angreifer. Aber Duchoboren sind Pazifisten und zeigten Protest gegen Kriege und jede Form von Gewalt. Im Juni 1985 brennten manche von ihnen alle bei ihnen vorhandene Waffen. So äußerten sie ihre Weigerung, bei Militärdienst anzutreten. Die Folgen waren hart: ein Teil der Duchoboren, die an dieser Aktion teilnahmen, wurden wieder umgesiedelt, die anderen wurden in Gefängnisse und in die sibirische Verbannung geschickt.
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    Die letzten 20 Jahre waren für Duchoboren besonders schwer. Es gibt zahlreiche Vermutungen, warum vielen von ihnen entschieden, zurück nach Russland zu ziehen. Das wird mit verschiedenen Grünen zu erklären versucht: Verrat, Angst, Verfolgung, trügerische Versprechen… Viele konnten sich in Kanada wieder einrichten, ursprünglich half Tolstoi manchen Mitgliedern der Gemeinschaft, dorthin zu kommen. Aber sie, wie die Einheimischen sagen, fanden trotzdem keinen Frieden, weil „ihr Zuhause hier ist, in Javakheti. Nur da können sie Frieden finden“.
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    Die neuen Besitzer der Häuser von Duchoboren, die ihr Dorf verließen, kennen die Kultur und die Bräuche der Gemeinschaft nicht. Sie fingen an, die Häuser zu zerstören und damit das Bild des Dorfes zu ändern. Manche einmalige Häuser wurden zerstört, ein Teil von ihnen steht verwahrlost. Die alten russischen Öfen machte man zur Dekoration. Duchoboren beobachten traurig die Änderungen, die ins Dorf ihrer Vorfahren kamen.
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    Duchoboren glauben an Prophezeiungen. Laut ihrer Aussage, das Schicksal der Gemeinschaft wurde von Anfang an vorbestimmt. Laut dieser Prophezeiungen werden Duchoboren eines Tages das Dorf verlassen und ihre Häuser werden unvermeidlich Fremde übernehmen. Sie werden einen schwierigen leidvollen Weg gehen müssen. Aber die Zeit wird kommen und der Glaube der Duchoboren wird praktisch aus Nichts wiedergeboren.
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    Ich komme nach Gorelovka schon seit vielen Jahren. Duchoboren sagen scherzhaft, dass ich schon eine von ihnen bin. Bei jedem meiner Besuche stechen Veränderungen immer stärker ins Auge. Das, was man behalten und woraus man ein Museum machen sollte, verschwindet.
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    Für mich sind Duchoboren keine exotische Erscheinung. Sie sind ein Teil des kulturellen Reichtums meines Landes mit ihrem Glauben, Traditionen und Lebensordnung. All das verschwindet allmählich. Und ich befürchte, dass ich eines Tages wieder hierher kommen werde, aber es wird niemanden geben, der mich empfangen könnte.

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