Grenzzone


Wenn es zu viel Kultur gibt

Du gehst durch die Straßen in Gdansk und schaust überall in die Fenster der Privathäuser hinein: auf der Kreuzung, an der Ecke und hinter jener langen Brücke. Das ist keine Fantasie eines Hauseinbrechers, sondern die Realität einer mit Heimweh geplagten Usbekin. Ausgerechnet weit weg von Zuhause spürst du komischerweise seine akute Notwendigkeit.

Ich will mich einfach auf einen Sessel schmeißen, um eine Weile einfach nur „in einer Familie“ zu sein. Die Mama von irgendjemand wirbelt in der Küche herum, der Papa von irgendjemand repariert die Mansarde, ihre Tante kommt zu einem Tratsch vorbei und ich sitze und beobachte, - so sumste ich am Telefon, als ich mit meiner Schwester im ersten Monat nach dem Umzug redete.

Aber kaum war ich zu einem polnischen Abendessen eingeladen, wurde dieser Wunsch schon weniger ausgeprägt: die Küche schmeckt nicht, die Gespräche sind oberflächlich, die familiäre Zusammenhalt ist schwach. Aber später bekam ich eine Erleuchtung: es lag nicht darin, dass es etwa falsch war, sondern in der Kultur und Mentalität. Hier sind sie europäisch, bei mir sind sie aber asiatisch, obwohl ich Russin bin.

Das Leben im Ausland ist eine Art Lackmuspapier zur Feststellung deiner nationalen Selbstidentifikation. Das Wichtigste dabei ist zu verstehen, wen du meinst, wenn du „wir“ sagst. Mein „wir“ war nicht eindeutig.

Russisch in Usbekistan


Ich bin Russin. Ich bin in Usbekistan geboren und groß geworden. Meine Kindheit wurde mit Sonne beschienen, mit Lächeln von Leuten gefüllt und mit dem Saft von Aprikosen, von deren Süße die Finger zusammenklebten, getränkt. Das alles ist Taschkent, wo ich wohnte und immer Russisch redete. In meiner russischen Familie brachte man mir bei, ältere Personen zu respektieren, nie mit leeren Händen zu Besuch zu kommen, gemeinsam zu Abend zu essen und jede Mahlzeit mit Tee abzuschließen, den man aus Schalen ohne Griffe trank. Heute lebe ich in Polen. Im Einklang mit meinen usbekischen Gewohnheiten mache ich Kaytar (damit der Tee besser zieht, gießen ihn Usbeken drei Mal aus der Teekanne in die Schale und wieder zurück), veranstalte in meinem Wohnheim Haschar (der große Samstagsputz), beim Händeschütteln mit meinen europäischen Freunden frage ich sie, wie es in der Arbeit oder im Studium läuft. Mein russischer Bekannter aus Woronesch denkt, es sei etwas komisch und ungewöhnlich. Ich hingegen halte es für natürlich. So wurde ich unerwarteter weise zum Produkt der Wechselwirkung zweier Kulturen.

Wie auch alle Leute, können Russen rassistisch klingen, aber nicht in Usbekistan, - so eine Bemerkung machte einst mein neuer Bekannter, ein Völkerkundler aus England.

Das stimmt, das Schicksal der Russen in Usbekistan ist interessant und einmalig. Als Russen bezeichne ich nicht nur die ethnischen Russen. Bei uns wohnen etwa 32 Millionen Menschen von mehr als 130 verschiedenen Nationalitäten. Darunter sind Ukrainer, Juden, Griechen, Koreaner, Armenier und Vertreter anderer Nationen, die auf Russisch denken. Niemand grenzt sich von der gegebenen Realität ab, alle arbeiten rege zusammen. Die muslimischen Nachbarn essen mit Genuss „unsere“ Osterkuchen und gefärbten Eier zu Ostern, wir warten ungeduldig auf „ihre“ Köstlichkeiten zum islamischen Opferfest. „Das Fremde“ wird immer wahrgenommen und respektiert, „das Eigene“ funktioniert weiter. Und das ist beeindruckend.

Ich bin in der russischsprachigen Umgebung groß geworden. Spielplätze und Märkte, Stunden in der Schule und im Konservatorium – ich sprach überall Russisch. Die Staatssprache ist in Usbekistan zwar Usbekisch, das stimmt. Ich hörte diese Sprache um mich herum und lernte sie zwei Stunden pro Woche in Rahmen des Schulplans. Aber die Sprache der zwischenethnischen Kontakte bleibt bis jetzt Russisch.

Warum ist das so? – so lautet die typische Frage der Ausländer.

Die usbekische Hochsprache begann erst in der Sowjetzeit, sich zu bilden. Russischkennnisse waren damals wichtiger, als Kennnisse des Usbekischen. Nach dem Zerfall von UdSSR wurde festgestellt, dass fast alle Dokumente in Ministerien und Ämtern auf Russisch erstellt sind. Menschen verschiedener Nationalitäten kommunizierten auf Russisch. Die Sprache Puschkins ist besser für Wissenschaft geeignet als Usbekisch, sie ist auch bequem im Businessbereich. Außerdem stellte man fest, dass es viel praktischer war, im Tandem mit Russisch zusammen in die nächste wirtschaftliche Zukunft zu „radeln“.

Heute ist Russisch in usbekischer Wirtschaft gefragt. Usbeken geben ihre Kinder in die russischen Schulklassen, auch wenn in der Familie nur Usbekisch geredet wird. Russisch wird überall eingesetzt: Werbeplakate, Theater, Flughäfen, Bahnhöfe, Websites von staatlichen Institutionen.

Zeitgleich beherrscht ein Teil der Bevölkerung, besonders Jugendliche in kleineren Städten, kein Russisch. In den Sprachzentren werden dafür Englisch, Französisch und Deutsch angeboten. In den Kindergärten Usbekistans waren 2014 bereits 4833 Lerngruppen für Englisch aktiv. Aber es ist noch zu früh zu behaupten, dass die Funktion der Sprache der interethnischen Kommunikation bald Englisch übernehmen wird. Zum Beispiel wurde die Neujahrsansprache des Präsidenten dieses Jahr auf Russisch und Usbekisch ausgestrahlt. Ist es etwa kein Zeichen der Unterstützung der russischen Sprache der Landesbevölkerung?

- Du hast einen Akzent.
- Das stimmt vollkommen, - antworte ich immer gleich.


Das von usbekischer Bevölkerung gesprochene Russisch ist konservativ. Gleichzeitig beinhaltet es einzelne Exotismen, d.h. Wörter, die lokale Realien bezeichnen, die es in Russland nicht gibt. Das sind z.B. Aryk (Bewässerungskanal), Tschillya (die heißeste Zeit in Zentralasien), Mahallya (die Gemeinde, Häuserblock), Hakim (Bürgermeister) und andere. Usbekisch und Russisch driften aufeinander zu. So entsteht eine interessante und reiche Sprache.

Das sind „wir“


Beim Kennenlernen einer anderen Kultur vertiefe ich mich mehr in meine eigene. Je tiefer erforsche ich Polen, desto öfter schaue ich Usbekistan von der Seite an.

Zu Weihnachten und Ostern gehe ich in die orthodoxe Kirche in Gdansk. Unter der Woche kaufe ich Kichererbsen, getrocknetes Obst und Kreuzkümmel im „griechischen“ Shop bei den Armeniern. Am Wochenende kochen mein Freund aus Kirgisistan und ich im Wohnheim Plov. Wenn an einem gemeinsamen Tisch sich usbekische Russen, Koreaner, Kirgisen, Kasachen und Georgier treffen, verstehst du plötzlich, dass all diese Leute „die eigenen“ sind, das sind ja „wir“. Russische Sprache ist für uns ein gemeinsamer kultureller Code. Mit seiner Hilfe bewahren wir den gemeinsamen kulturellen Informationsraum.

So entsteht in einer polnischen Küche ein kleines Usbekistan. Und nach Usbekistan kommen herzliche Geschichten über Polen, deren Sinn auch jene verstehen, die noch nie an einem Migrationsprozess teilnahmen.

Das ist er ja, der Transnationalismus: wenn Leute als ob oberhalb der Grenzen leben. Das ist sie ja, die Welt der relativen und subjektiven Kulturen. Ich bin ihr dankbar dafür, was es gab, ist und sein wird.


Aus dem Russischen übersetzt von Tatiana Kulik
© Tamara Sinel’nikova

Tamara Sinel’nikova


Tamara Sinel’nikova ist Musikerin und Journalistin. Sie wurde in Taschkent geboren und hat das Staatliche Konservatorium Usbekistans absolviert. Sie arbeitete als Redakteurin der Website Review.uz. Heute lebt sie in Polen und forscht in Rahmen des Programms für junge WissenschaftlerInnen.

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