Grenzzone


Bruchzone

  • © Janina Boldyrewa, Aleksandr Isaenko
    Janina Boldyrewa, Nowosibirsk
    Aleksandr Isaenko, Odessa
    „Schon seltsam, aber wir dachten, dass unser Projekt nach ein paar Jahren nicht mehr, als eine Erinnerung an den Albtraum sein würde, aber leider ist es immer noch aktuell“, sagen die Künstler. „Als wir mit dem Projekt angefangen haben, konnte man einfach nicht über dieses Thema schweigen. In Russland wurde ständig darüber gesprochen, viele sind gegen den Krieg mit der Ukraine auf die Strasse gegangen. Heute ist dieser Konflikt Alltag. Auch das ist Entwicklung. Was am Anfang Angst machte, wird mit der Zeit zu einem Teil von uns. Wir denken, in unserem Projekt geht es genau darum“.
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    Wir wollten ein philosophisches und abstraktes Essay zu diesem Thema machen, um die Tiefe und Tragik dieses Konflikts zu zeigen. Von der Idee eines Dokuments kamen wir zu selbst gemachten Bildern mithilfe von Scanografie, druckten auf alte Fotos neue Abbildungen, veränderten Bilder mithilfe von Mechanik, beschädigten das Papier, auf das wir druckten, und machten Kollagen. Symbolisch gesagt reproduziert unser Werk den Einfluss des Krieges auf den Menschen, wobei seine Persönlichkeit verändert und zerstört wird. Daher auch all die Risse und zerfetzten Ränder. Im Krieg sind Menschen Verbrauchsmaterial, Papier, weggeworfener Müll.

    Es gibt noch einen weiteren Grund, warum wir Papier als Material nutzen. Die ganze Geschichte des russisch-ukrainischen Konfliktes ist von Propaganda und Mutmaßungen geprägt, rund um die werden parallele Welten aufgebaut. In diesem Fall tritt Papier als ein Simulakrum der Realität auf, wir arbeiten mit den Kopien von Bildern, die verzerrt und deformiert sind. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ähnelt der Grenze zwischen den Kriegsparteien:Einerseits ist sie sehr klar gekennzeichnet, andererseits bleibt sie stets veränderbar.
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    Auf den ersten Blick sieht dieses Bild aus wie Brei aus zerstückeltem Papier. Doch der prägnante Rhythmus der Füße deutet darauf hin, dass es sich hier um eine Soldatenkolonne handelt. Eine Parade, ein Fest mit Konfetti, eine sinnlose Prahlerei, danach - der Tod. Diese Aufnahme ist also nicht grundlos schon auf den ersten Seiten des Buches zu finden.
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    Das Ohr eines Menschen und ein Vorhang. Der Versuch endlich zu hören, trotz Lärm klare Worte, die Wahrheit, zu erfassen. Als Material für das Buch haben wir unsere eigenen Aufnahmen verwendet, einige sind extra für das Projekt aufgenommen, um sie danach wieder zu zerreißen oder an den richtigen Stellen zu zerknittern, wenn wir eine genaue Vorstellung davon hatten, was für das Buch gut war. Es gibt Aufnahmen, die lange vor dem Projekt gemacht wurden, aber wir benutzen sie, weil sie genau passen.
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    Blinkende Bildschirme oder leere Fensteröffnungen nach einem Bombenangriff— beide Bilder wie zwei Seiten einer Medaille.
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    Der Krieg verändert das Porträt eines Menschen kunstvoller, als ein es Chirurg könnte - Identitätsverlust, Wiedergeburt, ein neuer Mensch... Die Menschen auf unseren Bildern sind unsere Freunde. Es war nicht so wichtig, wer drauf ist, aber mit Freunden war es eben einfacher zu arbeiten.Unser Projekt ist keine Dokumentation, es sprechen Bilder und nicht Fakten. Hier war es einfach wichtig, das Bild eines zerstörten Menschen und die Leere um ihn herum zu zeigen.
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    Zerstörung einer Gemeinschaft, die Unmöglichkeit des Zusammenseins: Ein verwundeter Mann versucht das Bild seiner Geliebten festzuhalten. Viele Bilder gehen über die Grenzen eines bestimmten Themas hinaus und machen unser Werk so zu einem philosophischen Essay.
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    Erschießung, Schusslinie.
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    Menschen als zerknittertes Papier, als Verbrauchsmaterial. Leere oder ein schwarzer Hintergrund im Allgemeinen ist ein sehr wichtiges Symbol unseres Projektes. Einerseits ist das abstrakt, denn wir zeigen quasi einen aus der Realität gerissenen Moment und befreien ihn von den Zeichen der Zeit und des Ortes. Deswegen ist in den Bildern um die Figuren herum nichts zu sehen. Andererseits ist es genau der Abgrund, der entsteht, wenn wir in „Entmenschlichung“ und gegenseitiges Morden versinken. Alles verliert an Bedeutung.
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    „Gruz 200“ - „Fracht 200“
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    Klaffende Leere oder Feuer — wieder zwei Bilder in einer Aufnahme gepaart. Ein Territorium ohne Heimkehr. Verbrannte Häuser. Flüchtlinge.
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    Verschollene. Gesichter, die zu einem Einzigen verschmelzen, verzerrt zu einer Grimasse des Entsetzens. Angst vereint und stumpft ab.
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    Dieser Scan ist interessant, hier sieht man Vogelgestalten. Das Bild der menschlichen Seele ist deformiert. Beim genaueren Hinschauen erkennt man nicht nur diese Deformation, sondern auch die Papierfetzen, die den Vogelschwarm darstellen. Die Tarnung der Seele mit einem Papierhaufen — das ist es, was heute mit Menschen durch Propaganda und psychologische Gewalt passiert.

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