Grenzzone


Das Eigene / Das Fremde

Vor sieben Jahren ließ sich der Aktionskünstler Oleg Mavromatti eine Performance einfallen, die theoretisch seine Letzte sein könnte. Damals erlebte Mavromatti eine schwere Zeit: Er musste aus Russland fliehen, weil die Gesellschaft auf seine künstlerischen Provokationen nicht wirklich vorbereitet war, wofür ihm auch eine Gefängnisstrafe drohte. Der Künstler bat der bereits geteilten Gesellschaft eine Entscheidung an: für Olegs Leben zu stimmen oder dagegen. Jede Stimme, die gegen ihn war, erhöhte die Wahrscheinlichkeit eines Stromschlags auf dem elektrischen Stuhl, an dem sich Mavromatti angeschlossen hatte.

Viele stimmten gegen ihn. Das taten sie nicht nur aus persönlicher Antipathie gegen Mavromatti oder Ablehnung seiner Position; die Leute wollten wissen, ob nach den Worten des Künstlers, den Tod durch den Strom bereitwillig anzunehmen, auch die Tat folgte. Die Aktion hatte den Namen „Das Eigene / Das Fremde“.

Mavromatti erwartete, dass die Aktion große Wellen schlagen würde, und tatsächlich äußerten viele ihre Meinung über diese Kunstaktion. Aber die Aktion, wenn auch in radikaler Form, bedeutete und betonte nur die eine Entscheidungssituation, die man seit seiner Kindheit kennt: annehmen oder abstoßen. Die Fähigkeit, die Eigenen von den Fremden zu unterscheiden, ist eine Notwenigkeit, eine der Bedingungen zum Überleben. Aber wo verläuft die Grenze zwischen dieser Lebensnotwendigkeit und dem Wunsch, den Menschen in eine Schublade zu stecken, was das Leben eines Menschen, den wir als fremd bezeichneten, stark verändern kann?

Ich biete Ihnen meine Erinnerungen an, die verschiedene Situationen schildern, in denen ich selbst diese Entscheidung traf oder in diese Schublade gesteckt wurde. Ich möchte, dass Sie versuchen zu verstehen, wie berechtigt meine Entscheidungen wie auch die Schubladen jeweils waren, denn mehr Augen sehen besser.

Das Dorfleben


Als meine Eltern ein Haus in der Nähe einer russischen Großstadt kauften, war ich gerade eben geboren worden. Eigentlich kauften sie es anlässlich meiner Geburt: ein kleines Kind braucht frische Luft, Natur, sauberes Wasser, also alles, was man in der Hauptstadt nicht bekommt. Aber im Dorf steht auch nicht alles zur Verfügung, zum Beispiel Medikamente. Deswegen als ich krank geworden bin, war es einfacher, mir ein Preiselbeerengetränk als Naturmedizin zu verabreichen. Meine Eltern wandten sich an die Einheimischen: „ Können Sie uns bitte ein Glas Preiselbeeren für unseren Sohn verkaufen? Wir sind gerade umgezogen und wissen nicht, wo man Preiselbeeren pflücken kann“. „Wir haben nichts“ – war die Antwort und zwar deswegen, weil wir die Fremden waren. Wieso soll man Fremden helfen?

Aber wie Sie sehen, bin ich doch gesund geworden und lebte weiterhin in diesem Dorf. Ich lebte und erfuhr über die Außenwelt aus Büchern, Trickfilmen und Erzählungen der Eltern. Die Erzählungen der Eltern waren super, über die Trickfilme spreche ich etwas später, und was die Bücher so Negatives haben, ist die Distanziertheit des Lesenden. Man kann natürlich mit dem Leser flirten, sich an ihn als Protagonist wenden, aber das wirkt irgendwie unehrlich.

Aber ein paar Bücher hatte ich, dank derer ich mich als eine der Figuren fühlen konnte, mich unter die Protagonisten mischen konnte. So ein Buch war die Sammlung der Fabeln von Kylow: ein Wälzer mit spärlichem Text, dafür mit Pop-Up-Bildern. Du machst die Seite auf und siehst den frechen Kater Vas’ka, den du streicheln kannst, und da geht der Elefant unter deiner Aufsicht spazieren. Etwas später kamen die Bücher dazu, in denen von deiner Entscheidung die Handlung abhängt – zurück auf die Seite 13 oder ins dunkle Zimmer auf der Seite 19 zu schauen?

Die Trickfilme, die ich auf Videokassetten sah, vermittelten eine noch größere Illusion der Offenheit der Außenwelt. Da waren Kosaken, die wollten Fußball spielen und taten es auch: Sie spielten mit Franzosen, Deutschen und Engländern und niemand hielt sie auf, niemand vertrieb sie. Da war der Kater Leopold, der fährt, wohin er will. Da lebte ein Kind unter den Tieren, als ob es ihr eigenes war. Da bauten die Kätzchen zusammen mit den Verwandten ein Haus und lebten friedlich dort.

Dann wurde ich älter und musste Freundschaften schließen. Die Dorfkinder waren etwas unheimlich. Dieser Meinung waren meine Eltern, ich fürchtete mich selbst aber auch jedes Mal, als sie vorbei gingen, sie waren so schmutzig. Die Stadtkinder aus den Familien, die auch ein Ferienhaus in diesem Dorf kauften, passten allerdings ganz gut für eine Freundschaft.

So fing unsere Freundschaft an: zwischen mir und zwei anderen aus der Stadt. Aber drei ist irgendwie eine ungute Zahl. Einer wird sich immer mit dem anderen gegen den Dritten verschwören. Manchmal war auch ich derjenige, der sich gegen einen verschwur, damit ich selbst als Eigener gegen einen Fremden handeln konnte.

Schließlich wurde ich fünf und zog in die Stadt – wegen der Schule. In der Stadt war allerdings alles anders.

Das Stadtleben


In der ersten Zeit in der Stadt begrüßte ich alle und jeden: ein schüchternes Nicken und ein neutrales „Hallo“. Aber die Eltern gewöhnten mir das schnell ab: wozu Fremde zu begrüßen? Den Fremden durfte man die Tür nicht aufmachen, keine Geschenke von denen nehmen und natürlich niemals in ihr Auto steigen. Ich glaubte ihnen und folgte, obwohl ich mich erinnern konnte, wie manchmal im Dorf der halb verrückte Alte Filippytsch an unser Tor geklopft hatte und wir gaben ihm etwas zu essen und ein paar Zigaretten, und er im Gegenzug schenkte mir selbst gemachte Pfeifen.

Als ich mir die Regeln des Stadtlebens aneignete, ging ich in die Schule, wobei ich in meiner Klasse der Jüngste war. Aber das war kein Problem, denn die Kinder sahen keinen besonderen Unterschied zwischen mir, einem Fünfjährigen, und sich selbst, Sechs-oder Siebenjährigen. Dafür gab es einen Unterschied zwischen uns, Normalen, und dem Jungen Kyrill, dessen Nase immer lief und dessen Mama in unserer Schule als Englischlehrerin arbeitete. Kyrill war „der Eigene“ und wir vermieden es, mit ihm zu spielen: Wenn du ihm versehentlich was Falsches antust, kommt seine Mama aus dem Nebenzimmer gerannt und wird dich schimpfen.

Die Kindergrüppchen entstanden und zerfielen: Heute bist du der Eigene, weil du einen Fanta-Deckel mit einem Pokemon-Hologramm hast, morgen bist du der Fremde, weil zur verpflichtenden Vorsorgeuntersuchung nicht gingst. Eine größere Beständigkeit sollten die Lehrer bieten: Sie suchen sich ihre Lieblingsschüler aus und fertig. Aber wenn sie nach einer bestens geschriebenen Klausur über dich mit Stolz ausriefen: „Mein Schüler“, so verschwand die Sympathie prompt, sobald ein Mitschüler dich verpetzt hatte („Er liest „HARRY POTTER!““), das Buch wurde dann auch bis zum Ende der Stunde weggenommen.

Manchmal kam ein neuer Schüler in die Klassengemeinschaft. Er verstand natürlich nicht gleich, wo es lang geht: wusste nicht, bei wem man die Hausübung abschreiben kann, keine Ahnung davon, welche Speisen in der Mensa am besten schmecken, hatte keine Idee, mit wem aus der Klasse man lieber nichts zu tun haben sollte. Und du versuchst vielleicht, ihm das alles zu erklären, er schließt aber bereits eine andere Freundschaft. Und wird nicht dein, sondern ein fremder Freund.

* * *


Leider leben wir in einer Welt, die lange vor unserer Geburt mit den gestrichelten Linien der Grenzen und durch Checkpoints geteilt ist. In dem umzäunten Raum leben „die Eigenen“, draußen sind die gefährlichen und komischen „Anderen“. Damit werden wir nichts machen können: die Grenzen kann man nicht fallen lassen. Es gibt natürlich Ausnahmen, zum Beispiel der Fall der Berliner Mauer oder das Entstehen des Schengen-Raums. Aber das Erste ist ein einmaliges Ereignis und das Zweite ist instabil.

Die Staatsgrenzen sind nur die Spitze des Eisbergs, der Rest spielt sich drinnen ab. Und das ist etwas, was wir selbst tun können.

Zuerst bauen wir Zäune unter der Leitung von Eltern: diese sind schlecht, schließe keine Freundschaften mit jenen. Nachdem wir eigene Erfahrungen machten, bestimmen wir schon selbständig, wer der Eigene und wer der Fremde ist, wobei es meistens um den Freundeskreis geht. Je älter wir werden, desto stärker ist unsere Wahl durch unsere Weltanschauung bedingt. Und umgekehrt – die Weltanschauung bildet sich dank der Klassifizierung „meins / nicht meins“ heraus. Und die Wahl der passenden Schublade wird zum großen Teil durch die Erfahrung aus der Kindheit bedingt.

Aber im Gegensatz zu staatlichen sind diese Grenzen viel flexibler: Manchmal reicht eine Kleinigkeit, damit ein Mensch aus der Kategorie „fremd“ in die „eigen“ wechselt. Oder umgekehrt.

Und wenn die Existenz der zwischenmenschlichen Grenzen von uns abhängt, dann ist es auch in unserer Macht, auf diese zu verzichten. Oder zumindest diese ernst zu nehmen: zu lernen einander zuzuhören, sich bewusst zu werden, dass die Wörter „Grenze“ und „Begrenztheit“ denselben Stamm haben, dass schwarz und weiß eine bunte Alternative haben. Und dass manchmal von unserer Entscheidung das Leben eines anderen abhängen kann.

Aus dem Russischen übersetzt von Tatiana Kulik
© Valery Gannenko

Valery Gannenko


Korrespondent und Kolumnist des Internet-Portals "Sobesednik,ru".
Der zukunfrige Mensch.

Links

Telegram-Kanal
Facebook

Andere Themen





    Aktuelle Themen

    Haben und sein

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen