Grenzzone


Erlaubte Grenzen

„Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich“. So wird üblicherweise die Aussage des englischen Dichters William Blake zitiert, aber nicht alle interessieren sich für ihre Fortsetzung: „Denn der Mensch hat sich selbst eingesperrt, bis er alle Dinge durch die engen Ritzen seiner Höhle sieht“.

Das Leben macht sich von Anfang an durch Grenzen kenntlich — zarte Membranen durchziehen die Eiweißkörper, die soeben die ersten Lebenszeichen von sich gegeben haben, Zellen bilden sich, die Struktur der Organismen wird komplizierter. Die Lebensmanifestation eines komplizierten Wesens fängt mit der Teilung der befruchteten Eizelle an, was in unserem Kontext wie brasilianischer Karneval von Abgrenzungen aussieht — ein Feuerwerk aus den entstehenden Grenzen, die von ihrem Ausgangspunkt auseinander fliegen, sich in geometrischer Reihe vermehren und ein neues Großsystem bilden.

Die Grenzen bilden also einen wichtigen, maßgebenden Teil der biologischen und überbiologischen Existenz, der inneren und äußeren Struktur des Organismus, der Gesellschaft und deren Komponenten. Manchmal ist es schwer zu bestimmen, wo sie verlaufen oder verlaufen müssen.

Auf die Notwendigkeit der Lösung eines solchen Problems bin ich vor kurzem in einer redaktionellen Arbeit gestoßen. Beim Verlag wurde ein Text von Ruslan Bajssajew eingereicht, einem schon bewährten Autor. Sehr talentvoll geschrieben, mit Rücksicht auf Details sowie Demonstration gründlicher Kenntnisse bezüglich der Umstände postsowjetischer Realität.

Im Roman wird erstaunlich lebhaft das Thema kindlicher Einsamkeit und psychosadistischer Mißhandlung eines Kindes durch seine Mutter erschlossen. Alles wird, in der leidenschaftslosen Sprache der Medizin gesprochen, genau, zuverlässig und objektiv beschrieben. Eine dominante Mutter, die kindliche Sinnlichkeit unterdrückt, psychosexuelle Probleme der Tochter und weitergehende graduelle qualvolle und eine unvermeidliche Kumulierung der Folgen — alles wird sehr lebhaft und zugleich in voller Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Konzepten geschildert. Die Sache ist aber die, dass die Schlüsselszenen, die den ganzen Roman tragen, praktisch in die Kategorie Kinderpornographie fallen. Nun erhebt sich die Frage: werden solche Sachen durch künstlerische Aufgaben von gleich welcher Art gerechtfertigt? Diese Frage steht zur Debatte seit den Zeiten von „Lolita“ und trotzdem:

Was markiert das Niveau der Genialität oder des Talents, das einem Schriftsteller es erlaubt, solche Themen zu behandeln? Und ist es richtig und moralisch vertretbar, sogar wenn man das Recht des Autors auf Selbstdarstellung und Erforschung der Abgründe der menschlichen Psyche und Sexualität anerkennt, solche Werke zu veröffentlichen? Wahrscheinlich spielt hier auch der Ausbildungsstand des Lesers eine Rolle — es kann passieren, dass ein primitiver Leser dieses Buch gerade als Kinderporno kaufen wird, ohne die komplizierten psychologischen Probleme zu erfassen. Vielleicht soll man sich verstellen und diese Episoden ausschneiden. Das lohnt sich allerdings nicht, da diese Szenen von ausschlaggebender Bedeutung sind. Auch wenn ihrer Stelle Lücken gähnen, so kann der Leser immer noch verstehen, worum es geht, aber es würde dann äußerst unsinnig aussehen, als ob man das Bild „Der Ursprung der Welt“ von Courbet mit Tesafilm geklebt hätte. Übrigens, genau solch einen Eindruck erhält man manchmal von gewissen Literaturthrillern, wo Kinder als Opfer auftreten, und dem Leser ausführlich und im Detail die Verbrechensbeschreibungen dargelegt wird. Sie können sehr wohl als verschleierte Kinderpornographie betrachtet werden, die unter dem Deckmantel der Durchführung einer Ermittlung versteckt wird.

Hier hängt wiederum viel davon ab, wer dieses Buch in seine Hände nimmt (oder, wenn wir es aus einem anderen Blickwinkel betrachten, wer darauf seine schweißigen Handflächen legt). Vor kurzem fand so eine Diskussion rund um den in sozialen Netzwerken gestarteten Flashmob „Ichhabnichtangezeigt“ statt, wo es um den erlebten sexueller Missbrauch ging. Sind all diese vielen Details notwendig? Ja, denn einerseits hat das Opfer eine Möglichkeit, zum Wort zu kommen und sich das Herz zu erleichtern, andererseits ist es eine paradiesische Umgebung für die Liebhaber solcher Details. Nach den Ergebnissen dieser Aktion werden bereits Artikelsammlungen herausgegeben. Die von der Gesellschaft erlaubten Grenzen verfließen und wandeln sich.

Aus meiner Sicht ist dabei wichtig, auf den Moment zu achten, wann eine normale „Zellenteilung“ in der Gesellschaft zu einer Pathologie wird und wir vor uns, in uns und um uns herum eine weit ausgebreitete Krebsgeschwulst entdecken. Hier besteht die zweischneidige Gefahr, einerseits im Kino und in der Literatur Pathologie und Gewalt an der Persönlichkeit eventuell zu legitimieren, andererseits von einem ungangbaren Sumpf spießiger Gemeinheit und des „Geheimhaltungskultes“ aufgesaugt zu werden, der übrigens all diesen Pathologien wild blühen lässt.
© Elena Mordowina

Elena Mordowina


Prosaistin, Übersetzerin, Redakteurin des Verlages „Kajala“.

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