Grenzzone


Wem die Uhr tickt

London, März 2017

- Charlotte, ich würde dich gerne was fragen: habt ihr bei euch in Frankreich so einen Begriff wie „alte Jungfer“? – frage ich und mache es mir gemütlich auf unserem neuen schokoladenfarbenen Sofa. Das Sofa umarmt mich wie ein alter Freund und krächzt mit Verständnis unter meinem Körpergewicht. Meine französische Freundin, mit der wir bereits seit einem halben Jahr nicht nur das alte kleine Reihenhaus im Herzen Londons teilen, sondern auch alle unsere Mädchengeheimnisse, sieht mich irritiert an.

- „Alte Jungfer“? Was meinst du damit, Tina? – fragt Charlotte verdutzt und nimmt erst mal einen großen Schluck Ingwer-Birnen-Tee.

Für eine Sekunde wird mir meine eigene Frage peinlich und ich bereue es sogar, sie gestellt zu haben. Aber der aufmerksame Blick und das ungeduldige Halblächeln meiner charmanten Mitbewohnerin geben mir zu verstehen, dass sie nicht so einfach nachgeben wird: Sie will definitiv wissen, was diese geheimnisvolle Wortverbindung heißt.

- Hmmm… „alte Jungfer“ ist eine junge Frau, die über 25 ist und nicht verheiratet, - murmele ich und versuche dem Gespräch einen ernsthaften Ton zu verleihen. Die Wortkombination „alte Jungfer“ vor einer jungen, gut gebildeten 26-jährigen, europäischen Frau auszusprechen, fühlt sich dumm und absurd an.

Almaty, Januar 2017

- Arbeitest du oder studierst du? – fragt der kasachische Taxifahrer taktlos, und reist mich aus meinen Gedanken. Ich begegne seinen aufmerksamen braunen Augen im Rückspiegel.

Letzten Februar kehrte ich für 1,5 Monate nach Almaty zurück, nachdem mein Arbeitsvertrag in Zypern nach drei Jahren auslief. Die zarten, sich wie Mandelnugat in die Länge ziehenden, sonnigen Tage am Mittelmeer waren vorbei, als Nächstes erwartete mich… ehrlich gesagt, damals wusste ich selbst noch nicht, was mich in London erwartete.

- Ich bin Wirtschaftsprüferin in einer internationalen Firma, bin gerade aus Zypern zurück, - sage ich meinen sorgfältig auswendig gelernten Satz. Wenn du in Kasachstan geboren und groß geworden bist, sei bereit ausführliche Antworten auf allerlei Fragen zu geben. Es wird dir nicht gelingen, etwas zu verheimlichen, das macht deinen Gesprächspartner nur noch neugieriger. In diesem Fall werden Fragen fallen, wie Reiskörner aus einem Loch eines zerrissenen Sacks.

Der Fahrer ist offensichtlich zufrieden mit den gerade gehörten Fakten meines Lebenslaufs. Er streicht mit der Hand seine Haare glatt und setzt sein hemmungsloses Verhör fort:

- Bist du verheiratet?

- Nein,
- ich schüttele den Kopf.

- Und wie alt bist du? – der Mann lässt nicht locker und in seiner Stimme hört man deutlichen Enthusiasmus. Er sieht aus wie 30, hat gebräunte Haut und ein einfaches Gesicht. Er sprich auch einfach. Er sagt, dass sein privates Taxi seine Haupttätigkeit und Einnahmequelle ist.

- 28 – antworte ich, und ahne schon, wie seine Reaktion sein wird. Ich bin das schon gewohnt, dass mich viele wegen meines jugendlichen Äußeren für eine Studentin halten.

- 28?! Und unverheiratet?! Weißt du, sogar für mich bist du schon zu alt! – ruft er enttäuscht und dreht sich halb zu mir um.

Während der Zeit in meiner Heimatstadt erinnerte mich wirklich nur der aller faulste Mensch nicht daran, dass ich bereits 28 sei und immer noch unverheiratet. Außerdem stellte man fest, dass ich dringend noch den Zug meiner Jugend erwischen muss, um danach sofort zu gebären: „Denn du verstehst doch, deine biologische Uhr tickt!“

Die besonders Neugierigen versuchten es mit Analyse: „Du bist hübsch und clever, kommst aus einer guten Familie, aber bist nicht verheiratet. Mmm, wahrscheinlich bist du eine Karrierefrau?“. Ich wurde derart stark psychologisch unter Druck gesetzt, dass ich den Entschluss fasste, ab jetzt bei Heimatbesuchen immer irgendeinen goldenen Ring meiner Mutter auf dem Ringfinger zu tragen.

Als ich zum Arbeiten ins Ausland ging, war ich gerade erst junge 25. Zurück kehrte ich als alte Frau, mit 28.

Ich sprach das Thema mit einigen meiner unverheirateten Freundinnen an und fand heraus, dass sie sich aufgrund der Reaktionen ihrer Umgebung auf ihren Status und Alter damit sehr schlecht fühlten. Männer erlauben sich mit ihnen verachtend umzugehen, denn wenn du schon 28-30 bist, sollstest du dich überhaupt darüber freuen, wenn du einen abkriegst.

Irgendwann vor ein paar Monaten las ich auf einem kasachischen Portal einen Artikel, in dem die Autorin Frauen über 25 als „alte Jungfern“ bezeichnete. Ich verstand, dass es nichts Schlimmeres geben kann, als in Kasachstan „alte Junger“ zu bleiben. Und es ist egal, dass du Karriere machst, ein hohes Gehalt hast, von Head Hunters auf der ganzen Welt verfolgt wirst und regelmäßig Jobangebote in der Schweiz oder auf den Seyсhellen bekommst, und dazu auch noch eine tolle Familie und liebevolle Freunde hast. Wenn du nicht den Instagram-Status „Geliebte Ehefrau und glückliche Mama von zwei Engelchen“ hast, dann bist du eine Versagerin.

In Kasachstan bemitleidet man solche Frauen, im Westen respektiert man sie. Wenn ich manchmal gefragt werde, warum ich aus Kasachstan weg bin, antworte ich scherzeshalber, dass die kasachische Regierung alle unverheirateten Frauen über 25 aus dem Land deportiert.

Als ich auf Zypern gelebt habe, sagten meine Freunde dort, ich sei noch ein „Baby“ und es sei noch zu früh für eine Ehe. Junge Leute sind dort normalerweise jahrelang zusammen. Manche meiner Bekannten waren 15-17 Jahre, seit der Schulzeit, zusammen, und nicht verheiratet. Zyprioten heiraten so gegen 30-33.

In Europa mag ich es, dass ich nicht an mein Alter denken muss. Es ist unhöflich zu fragen „Warum bist du nicht verheiratet?“ oder zu bemerken „Es wird Zeit, einen Mann zu finden“. Hier lebst du dein stereotyploses Leben und musst nicht berücksichtigen, was „andere Leute sagen werden“. Hier beeilst du dich nicht den Bund der Ehe mit 25+ einzugehen. Du verwirklichst dich selbst und kannst sicher sein, dass dich niemand als „alte Jungfer“ abstempelt.

London, März 2017

Charlotte fängt nach meiner Erzählung an zu lachen. Ihre kurzen, kastanienbraunen Locken zittern im Takt ihres Lachens:

- „Vieille fille“. Aber wir verwenden diese Bezeichnung in Bezug auf Frauen, die älter als 50 oder sogar 60 sind, aber sicher nicht für Frauen mit 25+.

Ich lächle. Ich fühle mich froh und traurig zugleich. Traurig, weil Charlotte meine asiatische, kasachische Mentalität nie verstehen wird. Wenn man dir „unbequeme“ Fragen über dein Alter und Familienstatus stellt, manchmal alle persönlichen und sozialen Grenzen brechend, kannst du diese Fragen nicht einfach so ignorieren, weil es unhöflich gegenüber dem Gesprächspartner ist. Und ich bin froh deswegen, weil Charlotte natürlich ihren Traummann finden und nicht in eine Ehe mit dem Erstbesten stürzen wird, nur weil sie ein bisschen älter als 25 ist.
© Rustina Temir

Rustina Temir


Rustina Temir ist Wirtschaftsprüferin in einer großen internationalen Firma, Bloggerin Tinatin’s London Life, Gründerin der Gruppe Kazakh British Young Professionals (KazBrtiYuppies) in London und des Travel Start Ups „Oh My Guide!“ Eine Nomadin, die in vier Ländern zu Hause ist: Slowakei, Spanien, Kasachstan und Großbritannien.

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