Grenzzone


Georgien.eu

Visaliberalisierung — Ticket in die europäische Zukunft


Georgien ist ein besonderes Land. Authentisch, ehrlich und würdevoll. Es ist wie der kleine Vogel, der nicht mit allen anderen Vögeln in den Süden geflogen ist, sondern schnurstraks in Richtung Sonne. Und in diesem einsamen Flug ist so einiges passiert: Der Vogel verbrannte seine Flügel, fiel in die tiefste Schlucht, und hatte noch viele weitere Unannehmlichkeiten. Doch stur flog er weiter, in Richtung Westen. Denn genau aus dieser Richtung schien für den kleinen Vogel von nun an die Sonne, im Westen.

Obwohl, wieso eigentlich von nun an? Vielleicht war es schon immer so? Und dieser Drang nach Westen, hin zu westlichen Werten, war historische Vorbestimmtheit und keine zufällige Wahl, die das Land nach der Unabhängigkeit traf? Durchaus möglich. Dann wäre der Fortschritt, den Georgien in dieser Hinsicht mit dem Bonus Visafreiheit gemacht hat, eine gesetzmäßige Erscheinung. Und die 70 Jahre in der Sowjetunion sind nichts anderes als so eine Art Mesalliance: Der Wille eines kleinen Landes wurde von seinem starken Partner unterdrückt.

Allerdings ist Georgien auch ein Land der Kontraste. Trotz der voranschreitenden Europäisierung, vor allem in der Gesetzgebung, die an europäische Standards angeglichen wird, Reformen in den wichtigsten Bereichen, so wie der Denkstil des Volkes, an dem auch noch gearbeitet werden muss, sind in der georgischen Gesellschaft patriarchale Grundpfeiler und jahrhundertalte Traditionen fest verankert. Georgien, das zweite postsowjetische Land nach Moldau (ausgenommen die baltischen Länder, die schon Teil der EU sind), dem Visafreiheit mit der EU ermöglicht wurde, bleibt dabei zivilisatorisch allerdings immer noch im tiefsten Osten.

Allerdings hat Georgien in dieser Hinsicht wahrscheinlich einfach alles noch vor sich, vor allem, wenn man bedenkt, dass seit dem ersten scheuen Blick in Richtung Westeuropa auf offizieller Ebene erst ca. 20 Jahre vergangen sind. Eine zu kleine Frist für große, qualitative Veränderungen.

Wind of change


Georgij ist an der Schnittstelle zweier Epochen geboren worden — 1995. Eine Zeit, in der wir versuchten Gewalt und Kriminalität hinter uns zu lassen, um etwas Eigenes, Neues zu bauen. Wie das Eigene, Neue allerdings sein sollte, wusste damals noch niemand. Das waren Zeiten der Zerstörung, des Hungers, der Kälte. Georgij erinnert sich an seine Kindheit, als an eine Zeit kompletten Defizits: Es gab weder Licht, noch Wasser oder Heizung. Und die Menschen überlebten nur dank gegenseitiger Hilfe und dem kompromisslosen Glauben an eine bessere Zukunft.

„Das waren furchtbare Zeiten“, erzählt Georgij. „Auch, wenn ich damals noch ein Kind war, so kann ich mich doch noch sehr gut an die Details der damaligen Zeit erinnern. Alle mussten sich immer in ein Zimmer quetschen, da alle anderen nicht beheizt waren. Manchmal war dieses Zimmer bei den Nachbarn, manchmal unser eigenes. Wer Petroleum auftreiben konnte, der war König und Gastgeber. Mehrere Familien trafen sich dann in dem beheizten Raum. Gekocht wurde auch so - wer es geschafft hatte Kartoffeln und Bohnen aufzutreiben, bei dem wurde gegessen. Fleisch gab es nur an großen Feiertagen. Geschlafen haben wir alle zusammen, aneinander gekuschelt, um nicht zu frieren. An einen Schritt Richtung Westen konnte man damals überhaupt nicht denken. Wer hat daran gedacht? Überall herrschte Chaos, totale Korruption und Kriminalität. Ich weiß noch genau, wie man einer Frau neben unserem Haus eine Goldkette vom Hals riss. Sie schrie wie am Spieß, aber niemand kam ihr zur Hilfe. Die Gesellschaft wurde von Angst beherrscht. Kriminalität war gang und gäbe, auch tagsüber. Die Unzufriedenheit der Bewohner des Landes stieg Jahr für Jahr. Bis eines Tages endlich ein neuer Wind wehte und Veränderungen kamen.“

Die so genannte „Revolution der Rosen“, ein Staatsstreich ohne Blutvergießen, war durch wirtschaftliche, soziale und innenpolitische Faktoren provoziert. Die Realität veränderte sich vor unseren Augen, sehr schnell. Als Michail Saakaschwili an die Macht kam, waren die politischen Prioritäten klar definiert. Georgien verkündete seine Absicht, Mitglied der NATO und der EU zu werden. Und bekam dafür eine „Hausaufgabe“. Eine gut gemachte Hausaufgabe bedeutete die Annäherung an westliche Institutionen. Ein Reformteam machte sich also ans Reformieren.

Der georgische Ex-Präsident Michail Saakaschwili verkündete, dass Kriminalität nicht toleriert werden würde, und machte viel, um unsere Mentalität von kriminellen Gepflogenheiten zu befreien. Es stellte sich heraus, dass man Korruption besiegen kann. Man muss es nur wollen. Der erste Schritt in diesem Kampf war eine Rechtsschutzreform. Von heute auf morgen waren alle Verkehrspolizisten arbeitslos. Neue, profesionell geschulte Polizisten wurden eingestellt. Die Reformatoren liberalisierten auch die Wirtschaft: eine Massenprivatisierung wurde durchgeführt und die Rolle des Staates in diesem Bereich geschwächt. Genau in dieser Zeit sagte der ehemalige Wirtschaftsminister Kaha Bendukidze seinen berühmten Satz: „Verkauft wird alles, außer dem Gewissen.“ Die „Nationalen“ - noch heute nennt man so die Vertreter der Saakaschwilipartei „Vereinte Nationale Bewegung“ - hat das ganze staatliche Verwaltungssystem reformiert und vereinfacht, eine Vielzahl staatlicher Kontrollorgane liquidiert, Bürokratismus abgeschafft, und alle öffentlichen Dienstleistungen unter ein Dach gebracht — ins Haus der Justiz. Und führte dazu noch eine einheitliche nationale Prüfung ein, die eine objektive Notenverteilung gewährleistete.

Traum und Realität


Ein riesiger Teil des Fortschritts der letzten Jahre ist der Verdienst des Revolutionsteams. Aber, wie die Zeit gezeigt hat, konnte sogar so ein großer Erfolg nicht die Fehler der Staatsmacht überbieten. Der „VNB“ werden auch heute noch starke Überspitzungen in ihren Systemreformen nachgesagt. Genau das ist der Grund für das Scheitern von Saakaschwili bei den Wahlen 2012. Übrigens haben er und sein Team auf sehr europäische Art und Weise den Machtapparat verlassen. Das erste Mal hat dieses Team es geschafft die Macht friedlich in neue Hände zu übergeben. Nicht durch Revolutionen, Staatsstreiche und Niederschlagen von Protesten, wie es früher so oft passiert ist, sondern durch demokratische Wahlen. In Georgien gab es das seit Zeiten des ersten Präsidenten nicht mehr.

„Was müssen die Hauptwerte von Volk und Staat sein? Bürger, Menschen und der Schutz ihrer Rechte. Es geht hier um den Bürger als Phänomen, alles andere muss auf ihm aufbauen. Der Wert eines menschlichen Lebens, das ist die Basis der Demokratie“, sagt Grigorij. „Vor vier Jahren habe ich angefangen, Architektur zu studieren. Mein Studium wird vom Staat finanziert. Ich weiß nicht, ob ich auch wirklich als Architekt arbeiten werde. Dieses Jahr habe ich Leute aus der Ukraine kennengelernt, die in Georgien Paragliding machen und mein Leben hat sich stark verändert. Jetzt träume ich vom Fliegen. Und meine ukrainischen Freunde davon, die georgische Staatsbürgerschaft zu bekommen und hier zu leben. Es ist schwer, etwas über die Vorteile eines Lebens in diesem Land, in dieser Zeit, zu sagen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich im totalitären Georgien gelebt hätte. Die Kluft zwischen meiner Generation und der, die durch die UdSSR geprägt wurde, ist riesig — sowohl mental, als auch zeitlich. Das Leben unserer Vorfahren war voller Verbote und unseres besteht aus Möglichkeiten und Chancen. Wenn ich ein bisschen Geld spare, dann fahre ich im Sommer nach Europa in den Urlaub. Konnte sich das jemand in meinem Alter vor 50 Jahren überhaupt vorstellen? Aber alles entwickelt sich, ist in Bewegung, verändert sich. Und auch unsere Zivilcourage wächst.“

Georgische Experten sagen, dass wir noch lange nicht alle Probleme gelöst haben, aber schon vieles erreichen konnten. Vor allem im Vergleich zu unseren Nachbarn. Nach den baltischen Ländern ist Georgien das erfolgreichste Projekt im ganzen postsowjetischen Raum. Kann so ein eifriges Streben etwa ignoriert werden? Georgien hat einen riesigen Schritt gemacht: hat sich Europa geöffnet und ist dem Ziel treu geblieben. Ist in den letzten fünf Jahren nicht vom europäischen Weg abgebogen, obwohl die Gegner der heutigen Staatsmacht sie beschuldigt haben, vom Kurs abgekommen zu sein und die europäischen Werte verraten zu haben. Wenn wir über den Weg Richtung Westen sprechen, vergessen wir viel zu oft, dass er auch davon abhängt, in welcher zivilisatorischer Umgebung sich Georgien befindet.

Wenn der Sekundenzeiger unnötig wird


„Georgien ist ein klassisches Beispiel einer kollektiven Kultur“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Politikwissenschaften Gija Siamaschwili. „Im Osten ist die Gemeinde das Wichtigste. Das kann das Unternehmen, das Team, die Arbeit sein, dem sich der Mensch verbunden fühlt und Teil dieser Community ist. Für uns ist das sehr wichtig. Mehr, als das Leben eines Individuums. Individualität zieht uns nicht so stark an, und wir wissen auch nicht, wie man damit umgeht. Ein Georgier ist gerne in einer Beziehung, die durch das Kollektiv definiert wird. Und da kann man nicht einfach der sowjetischen Vergangenheit die „Schuld“ in die Schuhe schieben. Das ist vielmehr ein Überbleibsel des Gemeinschaftsbewusstseins, was auch im sowjetischen System verkörpert wurde. Im Westen ist der Lifestyle der Menschen sehr individualistisch. Und es würde nicht funktionieren, einen Europäer in kollektiven Kategorien denken und leben zu lassen.“

Gija Siamaschwili zeigt noch einen Unterschied zwischen unseren Zivilisationen.

„Die rationale Nutzung von Räumen, das ist ein charakteristisches Merkmal der westlichen Welt. Das heißt: Du gehst auf die öffentliche Toilette in Dänemark und findest dort alles: Faden, Nadel, Schere, Erste-Hilfe-Kasten, Desinfektionsmittel. Und die Toilette riecht gut, so, dass man gar nicht mehr gehen will. Das ist eine rationale Nutzung des Raums Toilette.

Wenn Touristen aus Georgien nach Hause zurückkehren, erzählen sie, dass Zeitgefühl und Verständnis der Zeit in Georgien sehr abstrakt sind. Kommt jemand eine halbe Stunde später, ist das völlig in Ordnung. Das Erste, was man hier spürt, ist — die Zeit fließt langsamer. Die Existenz eines Sekundenzeigers bedeutet, dass Zeit wichtig ist. Je mehr man die Zeit schätzt, desto mehr schafft man auch. Die Produktivität steigt und das eigene Leben wird zielstrebiger. Im Westen ist solch ein zeitbewusster Lifestyle Tradition und gilt als natürlich. In Georgien geht man mit Zeit so um, wie überall im Osten. Zeit wird nach Ereignissen bemessen, ja nach Zustand des jeweiligen Menschen in dem ein oder anderen Moment. Wenn man sich irgendwo aufhält, wo man sich nur ungerne befindet, dann behält man die Uhr im Auge. Wenn man gerne an einem Ort ist, dann wird die Uhr ausgeblendet. „Es ist egal, wie spät es gerade ist, solange es mir gefällt, bleibe ich. Ich fühle mich so gut, dass obwohl dieses Ereignis eigentlich in einer konkreten Zeitspanne stattfindet, es unendlich wird, denn es gefällt mir“, erklärt Siamaschwili.

Es gibt so ein Sprichwort: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Bei uns sieht das dann so aus: Bin ich vergnügt, vergesse ich die Arbeit. Arbeit steht dann einfach an zweiter Stelle. Aber vielleicht müssen wir uns auch gar nicht so bemühen, uns selbst zu verändern, sondern eher so zu bleiben, wie wir sind. Festgefrorene Zeit hat auch so manche Vorteile...
© Ekaterina Minasjan

Ekaterina Minasjan

Abschluss der Fakultät für Fremdsprachen der Universität Tiflis. Bereits im dritten Studienjahr bemerkte ich, dass ich mich für den falschen Beruf entschieden hatte: sprachwissenschaftliche Inhalte interessierten mich viel weniger als menschliche. Seitdem vergingen Jahre, aber das auf dem Prüfstand stehende Thema änderte sich nicht und das Interesse daran erlosch nicht. Ich mag über die Menschen und für die Menschen schreiben. Ich führe eine Kolumne bei dem Medienportal Sputnik Georgia. Ich erzähle die Geschichte über prominente und wenig bekannte Orte in der Stadt und die Menschen, deren Namen untrennbar mit der Tifliser Geschichte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden sind.

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