Grenzzone


Unsichtbare Menschen

Ich habe es noch nie gemocht, dass Journalismus nur Worte sind. Dass er kritisiert, aber keine Lösungswege vorschlägt. Nachdem man weiteres Material gelesen hat, bleibt ein bitterer Nachgeschmack: „Na und?“ Ja, du hast eine Geschichte erzählt, aber deren Publikation hat nichts geändert. Es ist besonders typisch für Länder des postsowjetischen Raums, wo die Medien nicht als vierte Macht, sondern als Partner der Macht und ideologische Krücke betrachtet werden.

Ein Problem zu bezeichnen bedeutet nicht, es zu lösen


Mit Partnern darf man Spaß haben, in die Sauna gehen, aber man darf sie nicht beschimpfen. Die Macht begegnet der Kritik feindselig, man reagiert nicht auf problematische Artikel, und im Leben der Helden der Publikation bleibt alles wie bisher. Die Freundschaft mit der Macht führt zur Entstehung von Medien, die um sich herum gar keine Probleme sehen. Lesen Sie beispielsweise regionale weißrussische Medien. Ihre Redaktionen scheinen in einem perfekten Universum zu leben, wo die Milcherträge ständig steigen, Traktoristen während der Erntekampagnen neue Rekorde erzielen und Kontaktbereichsbeamte gegen Schnapsbrenner vorgehen und am Volkskunstschaffen teilnehmen.

In dieser Idealwelt gibt es weder Arbeitslose noch Behinderte. Viele Probleme bleiben einfach ungenannt, werden tabuisiert. Und die von diesen Problemen betroffenen Menschen existieren quasi nicht auf dieser Welt. Es sind die Außenseiter, die Aussteiger, die Outsiders. Ihr Los ist es, jenseits der Grenze des Medienraums zu leben.

Vor einem Jahr entstand in Weißrussland das erste öffentliche Medienunternehmen — die Zeitschrift „Imena“ („Namen“). Den Gründern schlossen sich Journalisten und Fotografen an, die von der Informationsreflexion müde geworden waren. Wir beschlossen, dass das Bezeichnen der Probleme nicht genügt, man muss sie lösen. Und wenn der Staat dazu nicht fähig ist, warum kann denn die Gesellschaft die Realität nicht selbstständig ändern?

Am Straßenrand des Lebens


Im Grunde genommen haben wir Journalistik und Crowdfunding miteinander verbunden. Am Anfang suchten wir die Leute aus, die, in welcher Weise auch immer, versuchten, etwas im Lande zu verändern. Diejenigen, die nicht bloß gemütlich auf Facebook schrieben, sondern Probleme systematisch und direkt lösten. Wir waren nicht an adressierter Hilfe interessiert, wir suchten Leute, die projektbezogen dachten. So fand sich der Patronatsdienst „Schritt entgegen“, der sich mit der Pflege schwerkranker und alleinstehender alter Menschen beschäftigte. Es entstand das Projekt „Fall der neunten Abteilung“ als Hilfe für die Bewohner der psychoneurologischen Fürsorgestelle. Es fanden sich Leute, die autistischen Kindern halfen, Tutoren zu finden. Es stellte sich heraus, dass es im Lande ein unermesslich weites Feld von Problemen gibt, die der Staat nicht lösen kann.

Aber wie behandelt man solche Probleme? Es handelt sich doch um Menschen, die an den Straßenrand des Lebens, jenseits der Medien gerieten. Anscheinend ist es die beste Lösung, das globale Problem durch eine konkrete Geschichte aufzuzeigen. Vom Besonderen auf das Allgemeine zu gehen, den Leser und den Helden aufeinander treffen zu lassen.

Das Verfassen solcher Geschichten erfordert starke Nerven und ein tiefes Eintauchen. Es ist nicht so einfach, in die psychoneurologische Fürsorgestelle zu gehen, wo es nach Exkrementen riecht und alte Menschen, denen niemand nahesteht, in den Korridoren sitzen. Es ist schwer, einen 27-jährigen Mann in einer Anstalt zu sehen, der wegen falscher Ernährung so viel wie ein dreijähriges Kind wiegt. Auch ist es nicht leicht, einen sterbenden alten Mann zu interviewen und seinen schwindenden Atem mit dem herzlosen Diktiergerät aufzunehmen.

Das Wort als Tat


Um solche Texte zu schreiben, bedarf man einer professionellen Deformation und einer gesunden Kaltblütigkeit. Ohne dies geht es nicht. Ein Berichterstatter ist in diesem Kontext mit einem Arzt zu vergleichen, der auch nicht jedes Mal während einer Operation in Ohnmacht fällt.

Aleksandr Makartschuk

Aleksandr Makartschuk © Aleksandr Wassjukowitsch, „Imena“
Ich kann diese Geschichten nicht schreiben. Wozu tue ich das? Um über „unsichtbare Menschen“ zu berichten und ihre Probleme zu lösen. Sie leben — von niemandem gehört — in ihren eigenen Sphären. Ich erinnere mich, wie ich in die Gebietsstadt Borissow kam und an eine Holzbude am Stadtrand gelangte. Im Bett lag der 33-jährige Sascha Makartschuk. Vor zehn Jahren wurde er gelähmt, aber ließ seinen Kopf nicht hängen und lernte, den Computer mit der Stimme zu steuern. Er begann als IT-Personalvermittler zu arbeiten. Fremde Menschen gewährten ihm Unterkunft, bei denen er blieb und lebte. Nach der Veröffentlichung seiner Geschichte wurde Sascha mit einem Schlag berühmt und das motivierte ihn. Er fand Gleichgesinnte und beschloss, einen IT-Kurs für Behinderte zu starten. Auf das Wort folgte die Tat. Die Leser sammelten Geld für Saschas IT-Schule. Jetzt ist er dort als Direktor tätig.

Michail Solotowski

Michail Solotowski © Wiktorija Gerassimowa, „Imena“
Der Fotograf Michail Solotowski ist taub. Er erklärte, warum es unmöglich ist, in Werken zu arbeiten, erzählte, dass Hörende in ihrem Verhältnis zu Nichthörenden auch „taub“ sind. Nach der Publikation bekam Mischa viele Angebote, unter anderem wurde ihm angeboten, den Lehrgang „Arbeiten mit Photoshop“ für Hörbehinderte zu leiten. Das Wort hat wiederum eine Tat provoziert.

Manja

 Manja © Mika Kochan
Manja, eine Bewohnerin einer psychoneurologischen Fürsorgestelle, spricht mit den Stimmen fremder Menschen, die irgendwann in ihrem Leben waren. Ihre Zimmernachbarin jammert nachts. Manja mag Baskow und Schlüssel. Was kann Manja den Informationsressourcen bieten? Nichts Besonderes. Für mich ist Manja dennoch eine Heldin, weil sie ein Ereignis widerspiegelt. Sie zeigt, wie Menschen in psychoneurologischen Fürsorgestellen eines Landes leben, das als letztes in Europa das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat. Manja steht für Einsamkeit.

Binnen eines Jahres, seitdem „Imena“ existiert, haben unsere Leser 100.000 Dollar für soziale Projekte gesammelt. Die Helden der Publikationen leben wie vorher jenseits der Grenze des Medienraums, aber man kann sich mit ihnen in Verbindung setzen — durch unsere Geschichten. Wenn ein Ereignis benannt wird, so existiert es bereits.
© Wjatscheslaw Korsak

Wjatscheslaw Korsak


Wjatscheslaw Korsak ist Chefredakteur der Zeitschrift „Imena“. Er ist Absolvent des Instituts für Unternehmertum und Parlamentarismus. Früher war er Journalist des Wochenblattes „Express-Nowosti“, Autor von „Iswestija w Belarussi“, der Zeitschrift „Sapiens“, Korrespondent / stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Bolschoj“ und Chefredakteur der Zeitschrift „Ja“. Er erforscht Tabuthemen.

Links

Zeitschrift "Imena"
Geschichte von Sascha Makartschuk
Geschichte von Michail Solotowskij
Geschichte von Manja

Andere Themen





    Aktuelle Themen

    Haben und sein

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen