Serotonin


Just do it!

FÜR DEN EINEN SPASS,
FÜR DEN ANDEREN ARBEIT


Ich habe viele Freunde, die Künstler sind und für die Zeichnen Hobby, Spaß oder eine Art der Selbstdarstellung ist, aber eben kein Broterwerb. Im Frühling verspüren sie Melancholie, im Herbst – Depressionen, im Sommer wird geträumt und im Winter in der Kuscheldecke auf die Muse gewartet. Sie zeichnen nicht viel, dafür zum eigenen Vergnügen. © Ewgeni Jakowlew

Bei Freelancern ist alles genau umgekehrt. Ein freiberuflicher Künstler hat einen Auftrag und damit auch eine Deadline - also einen Termin, an dem das Projekt allerspätestens abgeschlossen sein muss. Und meistens heißt diese Deadline - „gestern“. So wie ein Bergmann nie gefragt wird, ob er gerade in Stimmung ist, tief unter der Erde zu verschwinden, kann auch ein Freelancer nicht auf die Muse warten. Es gibt ein Ziel, und man muss es so schnell wie möglich erreichen, aber dabei auch noch hochwertig arbeiten. Einfacher hat es eigentlich nur noch Shia Labeouf in seinem berühmten YouTube-Video „Just do it!“* ausgedrückt.

Der Lebensalltag eines Freelancers


Ich bin seit über fünf Jahren Freiberufler. Etwa ebenso lange bin ich auch nicht mehr auf der Suche nach Inspiration. Die Arbeit an meinen Comics, Illustrationen und Manuskripten gleicht der Arbeit eines Mathematikers. Aber im Unterschied zu technischen Köpfen denke ich nicht in Zahlen, sondern in Bildern. Am Anfang meines Arbeitsprozesses habe ich ein schemenhaftes Ziel— eine Art Schablone, die langsam mit immer mehr Details bestückt wird, die alle irgendwie in meinem Kopf entstehen. Ich schätze die Kompatibilität sämtlicher Ideen und Details ab. Und wenn mir das Ergebnis gefällt, übertrage ich es aufs Papier. Das Bild ist fertig.

All das, was einen Künstler inspiriert, ist für einen Freiberufler schlichtweg eine Stütze. Naja, oder eben seine Motivation. Beispielsweise Musik und Film helfen uns freiberuflichen Künstlern, all die langen Nächte am Computer zu überstehen. Manchmal, wenn sich der Arbeitstag über 12 oder mehr Stunden ausdehnt, hilft eine gute Serie, um die Zeit zu versüßen: man arbeitet und verfolgt die Handlung mit einem Auge. Das Gleiche trifft auf Musik zu — ein perfekter Arbeitskamerad. Die Arbeit geht zügig voran, die Stunden fliegen schneller vorüber.

Die Meisterwerke großer Künstler sind dagegen eine Motivation. Die Gedanken im Kopf, wenn man ein wirklich beeindruckendes Werk sieht, sind etwa: „Boah, ist das geil! Ich kann das auch! Nein, ich kann das besser!“ Manchmal hilft das.

„Ich bin müde vom Zeichnen, ich muss mich entspannen, ich gehe zeichnen“


Ich nehme Muse und Inspiration als etwas Abstraktes wahr. Seit dem Anfang meiner Freelancekarriere gab es nur eine Handvoll Tage, an denen ich nicht gezeichnet habe. Mein Zeichneralltag ist allerdings verschieden. Es gibt Tage, an denen ich mit Vergnügen zeichne, und manchmal muss ich meinen inneren Schweinehund besiegen, um mich endlich an den Arbeitstisch zu setzen. So ist das.

Denjenigen, die den Künstler romantisieren, kann das uninteressant und sogar langweilig erscheinen. Aber praktisch gesehen ist es genau so. Wenn du von Schöpfung träumst, versuchst du das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Zeichne, was du willst, aber eben in deiner arbeitsfreien Zeit. Es mag komisch klingen: „Ich bin müde vom Zeichnen, ich muss mich entspannen, ich gehe zeichnen“, aber egal. Klappts nicht? Dann gibt es eine tolle Alternative— Zeichnen bleibt Hobby. Wenn man sich für das Dasein eines freiberuflichen Künstlers entscheidet, dann muss man lernen, wie man es schafft zu jeder Zeit, an jedem Ort zu zeichnen, und dabei rational zu bleiben, damit deine Kunst nicht zu deiner Fließbandarbeit wird.

Erfolgsgeheimnisse


„Als Nachtisch“ gebe ich hiermit gerne ein paar Tipps an alle zeichnenden Menschen da draußen weiter, die, wie ich auch, auf die Muse verzichten: © Ewgeni Jakowlew

1. Finde ein neues Hobby. Deine Lieblingsbeschäftigung wird zur Arbeit. Jetzt ist Zeichnen keine Art der Selbstdarstellung mehr, sondern alltägliche Arbeit. Der eine sammelt Briefmarken, der andere schafft sich einen Hund an und geht mit ihm ein paar Mal am Tag spazieren. Ich gehe zum Sport. Das hat sich bisher als richtige Entscheidung erwiesen, denn ich wollte schon ernsthaft nach ein paar Jahren des „Für-Geld-Zeichnens“, den Tätigkeitsbereich wechseln. © Ewgeni Jakowlew

2. Versuche dein Gehirn auf Trapp zu halten. Suche immer nach Ideen. Gefunden? Nimm dir Zeit für sie. Überlege dir, wie man sie weiter ausbauen kann. Fülle Ideen mit Details. © Ewgeni Jakowlew

3. Werde ja nicht zu einer Maschine zur Herstellung immer wieder derselben Illustrationen. Sei immer auf der Suche, strebe nach neuen visuellen Lösungen und deren Umsetzung. Knappe Fristen bringen einen dazu schneller zu denken und zu arbeiten, aber es gibt einen Nachteil: man beginnt schneller dasselbe, schon bewährte Schema zu benutzen. Und das ist für einen Künstler unzulässig. Lass dich nicht in eine Ecke treiben — entwickele dich weiter. © Ewgeni Jakowlew

4. Und das Wichtigste: denke daran, genügend Zeit deiner Familie zu widmen, ernähre dich gesund und schlafe ausreichend.

*2015 nahm der Schauspieler Shia Labeouf zusammen mit den Künstlern Luke Turner aus Großbritannien und Nastja Säde Rönkkö aus Finnland an einem Studentenprojekt des Central Saint Martins College of Art and Design in London teil.

Studenten konnten die Performance von Labeouf als Einführung für ihre eigenen Werke verwenden. Sie schrieben kleine Monologe (max.100 Wörter), die daraufhin alle von einem Schauspieler vor der Kamera gespielt wurden. Das 31 Minuten lange Gesamtvideo wurde auf Vimeo veröffentlicht.

Der Benutzer Mike Mohamed hat aus dem Video einen kurzen Clip gemacht, in dem Labeouf die Zuschauer mit dem Aufschrei „Tu es einfach!" („Just do it!“) zu einer Handlung motiviert, und auf YouTube unter dem Titel „Shia LaBeouf hält die intensivste Motivationsrede aller Zeiten“ veröffentlicht.


Aus dem Russischen übersetzt von Tatiana Kulik
© Ewgeni Jakowlew

Ewgeni Jakowlew


Freelancer, Illustrator, Comic-Zeichner und Drehbuchautor.

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