Schau


Der Alte und die Wölfe

Im zeitgenössischen Spielfilm Kasachstans ist ein deutlicher Trend zur Abbildung allgemeiner Turk-Kultur-Сodes zu erkennen. Besonders hervorgehoben wird dabei die mythologische Totemfigur der Wölfin.

Unter den Turkvölkern gibt es einen Mythus bezüglich ihrer Herkunft: Der Legende nach lebte vor langer Zeit ein Stamm, der eines Tages von mächtigen Feinden angegriffen und vernichtet wurde. Nur ein kleiner Junge blieb am Leben, die Feinde schnitten ihm allerdings Hände und Füße ab. Der Junge wurde von einer Wölfin gerettet. Sie zog ihn mit ihrer Milch groß und wurde nach einiger Zeit zu seiner Gattin. Die Wölfin gebar ihm zehn Söhne, von denen alle Turkvölker abstammen.

Die Turknomaden lebten immer im Einklang mit der Natur. Sie befolgten das ungeschriebene Gesetz und überschritten nie die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Tierwelt.

Das Bild der Wölfin als einer mythologischen Figur im modernen kasachischen Film wird auf interessante Weise im Spielfilm „Schal“ (2012) von Jermek Tursunow dargestellt. Der Film basiert auf der Novelle „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway und erzählt den Konflikt zwischen einer Wölfin und Schal („Schal“ wird aus dem Kasachischen als „alter Mann“ übersetzt). Der Regisseur hat der Novelle nur das Leitmotiv entnommen— den mutigen Kampf, die Konfrontation des Menschen mit der Natur. „Schal“ ist also im Grunde genommen keine Verfilmung der Novelle. Es ist eher ein von Hemingways Werken inspirierter Film, eine Hommage an den Meister des Wortes.



Ein alter Bauer gerät mit seiner Schafsherde in einen Schneesturm. Verloren in der Wintersteppe, stößt er auf eine Wölfin. Wilderer haben kaltblütig ihre Jungen ermordet. Wilderer jagen Wölfe auf barbarische Art und Weise und haben die Grenze von Jagd zur orgienhaften Exekution längst überschritten. Dafür rächt sich die Wölfin an allen Menschen, auch Schal erklärt sie den Krieg. Mit ihrem Rudel jagt sie Schal und vernichtet dabei auch den größten Teil seiner Schafsherde. Schal wehrt ihre Angriffe tapfer ab und tötet im blutigen Kampf einige Wölfe aus dem Rudel. Im entscheidenden Kampf zwischen Schal und der Wölfin rafft er all seine Kräfte zusammen: brüllt und fletscht die Zähne wie ein Wolf. Auf der Leinwand sieht man Schals Gesicht in Großaufnahme. Seine blutunterlaufenen Augen erinnern an die Augen eines verbitterten Wolfes, der bereit ist, bis zum Schluss zu kämpfen. Die Kamera zoomt abwechselnd auf Schals Augen und die der Wölfin. Wer wird siegen? Doch die Wölfin macht kehrt und tritt zurück. Sie spürt, dass sie es mit einem waschechten, mächtigen Wolfsmenschen zu tun hat, der wie sie auch, verzweifelt seine Schafe versucht zu schützen — insbesondere das neugeborene Lämmchen. Die Wölfin erkennt das Recht des Menschen auf seine Verteidigung an, auf den Schutz seiner Familie und seines Eigentums. Damit ist endlich das gestörte Gleichgewicht zwischen Wolf und Mensch wiederhergestellt. Dieses erbitterte Gefecht endet also friedlich.

Man sieht also, dass die Heldin der Turkmythen, die Wölfin in „Schal“, über dem „Raubtier“ steht. Die Wölfin wird als Mutter dargestellt, die ihre Jungen vor dem Tod behütet, den der Mensch mit sich bringt. Die Wölfin hat das Recht auf den Schutz ihrer Jungen und das rechtfertigt ihre Gewalttätigkeit. Die Wölfin symbolisiert gleichzeitig eine liebevolle Mutter und tapfere Kriegerin. Als Kriegerin erkennt sie die Kraft und den Mut ihres Gegners an. Und als Mutter lässt sie ihn in Frieden gehen, weil er nicht einfach nur sich selbst, sondern seine „Kinder“ und sein Eigentum schützt. Die Barmherzigkeit der Wölfin ist die Barmherzigkeit von Mutter Natur. Der Mensch, der die Grenze zur Tierwelt überschreitet, erhält die verdiente Strafe.

© Baubek Nogerbek

Baubek Nogerbek


Baubek Nogerbek ist Filmexperte und hat auch ein PhD in Kunstwissenschaften. Von 2004 bis 2008 war er Redakteur der Kolumne „Kino, Theater, Musik“ der Zeitschrift „Shahar-Kultura“, dann Schussredakteur der Zeitschrift „Cineast“, Kulturreporter des Businesswochenblatts „Kapital.kz“. Seit 2009 ist er Lektor am Lehrstuhl „Filmgeschichte und Filmtheorie“ an der Kasachischen Nationalen Schurgenov-Akademie der Künste, seit 2015— Dozent.

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