Schau


Nummer 1: Nathan Silver

Wir denken wahrscheinlich selten darüber nach, aber die Filme, die wirklich unter die Haut gehen, finden wir oftmals nicht in der Videothek, im Internet oder im Kino, sonder in der hintersten Ecke eines verstaubten Regals irgendwo im Keller: selbst gedrehte Videofilme aus unserer Kindheit und Jugend. Längst vergessene Szenen, längst vergessener Formate, die nun in erster Linie auch Zeitzeugen sind. Sie sind vielleicht keine Kunstwerke, aber trotzdem faszinierend. Sind es nicht genau Aufnahmen dieser Gemütlichkeit im vertrauten Heim, die uns dazu verleiten zu träumen und Filme zu drehen oder Filme sehen zu wollen?

„Mit neun Jahren führte ich in meinem ersten Film Regie und spielte die Hauptrolle“, so beginnt der amerikanische Autorenfilmer Nathan Silver seinen Vier-Minuten-Kurzfilm von 2015 mit dem vielsagenden Titel „Riot“. In einer Aufnahme aus dem Jahr 1992 sieht man, wie der kleine Nathan an seinem Geburtstag eine Art Actionfilm zu inszenieren versucht, indem er kreischend seine Freunde und seinen Vater (gleichzeitig Kameramann) anspringt. Der Versuch geht langsam in einen hysterischen Anfall, Tränen und die verärgerte Reaktion der Mutter über. Eine dokumentierte, kleine Katastrophe eines Kindes. Später dann - eine Inspirationsquelle, die Silver im Schnitt, retrospektiv mit einem Ereignis im großen, „erwachsenen“ Maßstab verbindet— mit dem Aufstand von Los Angeles, der gerade in jenen Tagen auf den Straßen tobte.

Man denke nur: Ein scheinbar primitives Homevideo, Kindheitserinnerungen aus, weiß der Teufel, welcher Zeit. Und genau diese vier Minuten bilden einen speziellen Rahmen für alle durchaus ernsten Langfilme Silvers. Es kommt immer ein Haus darin vor— die Wohnung der Eltern, eine Gemeinde, ein Nachtasyl, was auch immer. Und wo es ein Haus gibt, da gibt es auch ein Gemeinschaftsleben— das ganze Gefühlsspektrum von Zärtlichkeiten, bis hin zu abgrundtiefen Gemeinheiten, die auch teil eines menschlichen Zusammenlebens sind. Und unter solchen Bedingungen entsteht auch schlussendlich Raum für Home-Videos.

Der zweite Langspielfilm von Silver, eine düstere Komödie aus dem Leben einer dysfunktionalen Familie „Exit Elena“ ist sogar fast vollständig im Elternhaus gedreht. Die Hauptrollen werden von Nathan selbst, seiner Freundin und seiner Mutter gespielt. Im Übrigen nimmt er von der gewohnten, familiären Vertrautheit immer mehr Abstand und erzählt zunehmend vielschichtigere, figurenreichere Geschichten— aus dem Leben einer Community junger Drogenabhängiger, oder über das heimatlose Wandern eines jungen Mädchens in New-York. In jedem Motiv nutzt Silver das Homevideo als eine der Blickwinkel auf das Leben der Figur.

Beispielsweise verwenden die Bewohner der Abstinenzgemeinde in „Stinking Heaven“ eine Handkamera, um zweifelhafte, therapeutische Behandlungen aufzunehmen: Einem Hausbewohner wird vorgeschlagen, den demütigendsten Augenblick seines Lebens in Form eines Spiels wieder zu erleben. So wird nach und nach das gemütliche, warme, heimische Bild immer blutiger und glitschiger. Man begreift— unsere privaten Videos können, genau wie auch Erinnerungen, bezaubern, aber auch verletzen, Besorgnis vermitteln. Genau diese besonderen Eigenschaften des Films scheint Nathan Silver besonders gut zu fühlen.

Der selbe Junge, der als Neunjähriger schreiend und rebellierend auf einem Drei-Minuten-Homevideo verewigt wurde, lässt nun auch seine Figuren für immer im Homevideo aufleben, treibt sie bis an ihre Schmerzgrenze, auf der Suche nach ihrer Menschlichkeit.
© Maksim Selesnjow

Maksim Selesnjow


Programmdirektor des "Pobeda" Kinos in Nowosibirsk, Chefredakteur der Zeitschrift "Cineticle" über Autorenfilm.

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