Schau


Nummer 2: Nikita Lawrezki

Vor dem Genießen der Filme des weißrussischen Regisseurs Nikita Lawrezki unbedingt die Risiken und Nebenwirkungen beachten: Es kann zu leichten Anfällen von Scham, zu Wellen der Verwunderung oder zu allgemeinem Unwohlsein kommen. Der Übermut des Zuschauers wird wohlmöglich vergehen, der Begriff Qualität wird einem Transformationsprozess unterliegen und bei jedem neuen Film von Lawrezki überrumpelt uns die Verlegenheit und Verwunderung aufs Neue, das Unwohlsein geht in ein akutes Stadium über.

Eines seiner jüngsten Werke — eine tagebuchartige Familiengeschichte mit dem Titel „Einige Szenen mit meiner Freundin Oletschka Kowaljowa“ — fängt man schon nach 15-20 Minuten Spielzeit von ganzem Herzen an zu hassen. Hassen für zu viel Intimität, die wohl kaum für fremde Augen bestimmt ist; für überflüssige Nähe — Nikitas Kamera bohrt sich direkt ins Gesicht von Oletschka Kowaljowa oder zoomt auf eine Wunde an ihrem kleinen Finger; für Aufdringlichkeit und Gewalt: sogar wenn Oletschka verlangt, die Kamera auszuschalten, läuft die Aufnahme privater, peinlicher, unangenehmer Konfliktsituationen weiter; und schließlich hasst man den Film einfach aus mangelndem Verständnis: Wozu sehe ich mir diese komischen Bruchstücke eines fremden Lebens an? Man hasst diesen Film, um sich zu guter Letzt doch zu verlieben.

Man verliebt sich nicht etwa in die großartige Oletschka. Und auch nicht in den Mann mit der Filmkamera, Nikita Lawrezki. Die beiden wollen das auch gar nicht. Der Regisseur ist kein Woody-Allen-Typ, der das Publikum mit seinen geheimen Neurosen bezaubert. Sie ist keine Greta Gerwig, die patentierte Aufrichtigkeit und plüschige Süßlichkeit verkauft. Es ist die Realität selbst, die beeindruckt und an sich glauben lässt, ihre Vielfalt und Lebendigkeit in ihren kleinsten, unsinnigsten Erscheinungsformen.

Doch ich stolpere trotzdem immer wieder über meinen ersten Einwand — sind diese privaten Szenen nicht zu intim um sie zur Show zu stellen? Nein. Wenn man darüber nachdenkt, gehören Home-Videos schon längst nicht mehr hinter Schloss und Riegel einer geheimen Tür irgendwo im Keller der Oma, die nie geöffnet werden darf. Im Gegenteil, durch die Anwesenheit des „dritten Auges“ ist ein Homevideo Apriori nicht mehr „intim“. Lawrezki zeigt das bereits in der zweiten Szene seines Films. Einige Minuten lang traut sich Oletschka trotz Nikitas Zureden nicht, einen parodistischen Satz zu wiederholen, versteckt ihr Gesicht im Kissen und fleht, nicht zu „gucken“ (also die Kamera auszuschalten). Sie versteht genau, dass die Anwesenheit einer Kamera an sich jede Privatsphäre zunichtemacht. Die Haustür steht sozusagen offen.

Jede ungeschickte Bewegung, jede Form von Leben nimmt Oletschka die Kamera weg— darin liegt die „Entmenschlichung“ der Home-Videos ( Nathan Silvers Thema). Aber die Kraft der Zufälligkeit, der Spontanität des Handelns von Oletschka, die Kraft der Realität selbst erhält ihr Potenzial dank der Videoaufnahme. Und sie wird den Zuschauern, den Menschen gegeben, Oletschkas Verwandten, uns Unbekannten, die Tausende Kilometer von Minsk entfernt leben, und einige Jahre später auch Oletschka selbst. Und dies wiederum ist eine „Vermenschlichung“ der Home-Videos. Ein wunderbares Versprechen, das der Mensch lebt, ist, bleibt.
© Maksim Selesnjow

Maksim Selesnjow


Programmdirektor des "Pobeda" Kinos in Nowosibirsk, Chefredakteur der Zeitschrift "Cineticle" über Autorenfilm.

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