Schau


Nummer 3: Tan Chui Mui

Sie ist eine schüchterne Kleinstädterin, ein kleines Mädchen, aufgewacht in einer Großstadt. Er ist ein charmanter Passant oder sorgenloser Gauner mit offensichtlich kriminellen Kontakten. Klingt schon fast zu einfach. Wenn der Leinwand-Typ eine Leinwand-Frau trifft, hat der trainierte Kinobesucher sofort mehrere Möglichkeiten parat, wie es denn nun weitergeht: von der märchenhaft-belehrenden Komödie „Umerziehung eines bösen Jungen“ bis zum sozial-pessimistischen Drama über „das Opfer eines Zuhälters“. Doch was, wenn man diese schon oft erzählten Geschichten nimmt und ein bisschen auf den Kopf stellt, sie mit Erzähllücken und Unterbrechungen wiedergibt?

Genau das ist es, was die Malaysierin Tan Chui Mui in ihrem Langfilmdebüt „Love Conquers All“ macht. Die Sequenzen dieser auf den ersten Blick anspruchslosen Love-Story sind auf widersprüchliche, aber sehr liebenswürdige Weise miteinander verwoben und necken den Zuschauer mit wagen Vermutungen: es ist, als ob Szenen von großer Bedeutung irgendwo angedeutet sind, aber dann doch nicht auftauchen. Liebes- und Alltagsszenen deuten etwas an, was doch nicht zum Vorschein kommt. Man spürt eine stille Unsicherheit der Protagonistin gegenüber ihrem noch unbekannten Liebhaber. Sie will ihn, merkt es aber selbst nicht. Letztendlich sehen wir den im Film sonst seltenen, unsinnigen Alltag: man kaut das Frühstück gemeinsam, bummelt durch die Stadt, macht nichts. Dinge, die zu einem wesentlichen Teil des Lebens gehören und es sogar beeinflussen. Tan Chui Mui beeilt sich nicht, alle „ausgelassenen“ Episoden und Gefühle zu erklären, sie legt bloß einen starken Akzent auf ihre Abwesenheit. In ihrem Film geht es nicht um Ereignisse, sondern um die Leere zwischen den Handlungen. Der Klang kommt nicht durch die Worte, sondern eher durch das Schweigen. Daraus entsteht dann auch eine Art Dialog zweier Verliebter, der den Film trägt.

Auf welche Weise gestaltet Mui diese paradoxe Rede mit Betonung auf den Pausen? Hier ein vereinfachtes Beispiel: Die Protagonistin des Kurzfilms „Everyday Everyday“ erzählt ihrem Mann kurz vor dem Einschlafen, dass sie nach Peru ziehen will, weil sie glaubt, dort besser kreativ arbeiten zu können, „denn es ist das am weitesten von Malaysia entfernte Land“. Nach dieser Bekenntnis schläft sie sofort ein, ihr Mann aber bleibt völlig ratlos zurück, obwohl ihre Worte nicht einmal eine konkrete Absicht ausdrücken, sondern etwas zwischen Wunsch, Gedanken und Plänen sind; etwas, das irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit eher durch Zufall ausgesprochen wurde. Dieses körperlose Teilchen, das den Gedanken entsprungen ist, fängt jedoch an, das Leben der Figuren zu beeinflussen, ihre Gewohnheiten und Taten umzugestalten, sodass sie letztendlich ihr Verhalten zueinander neu definieren.

Im Langfilm von Mui funktioniert die gleiche Idee viel eleganter. Hier wird das Verschwiegene fast nie laut ausgesprochen und erhält kaum Raum im Film. Man bemerkt es nur an Szenenschnittstellen. Mui lenkt ihre Aufmerksamkeit weniger auf die stattfindenden Ereignisse, als vielmehr auf das Ungeschehene, auf sein aufregendes und fantasievolles Potenzial.

Man kann Muis Film, wenn auch nicht komplett, so doch wenigstens teilweise als Nachkommen des Homevideos bezeichnen. Was ist das Homevideo, wenn nicht etwas Verschwiegenes, Geheimes und Persönliches, was ausgesprochen und öffentlich gemacht wurde? Einer der ersten Kurzfilme von Mui, „A Tree in Tanjung Malim“, ähnelt ein wenig einem zusammengebastelten Homevideo über die Jugend der Regisseurin. Eine Szene daraus passt genau in Lawretzkis Film: Während die Protagonistin nachts ziellos durch die Stadt bummelt, wird sie von einem Typen angesprochen, der sie lange bittet ein Lied zu singen. Sie gibt schließlich nach und sagt schüchtern, fast wie Oletschka Kowaljowa: „Du musst aber weggucken ...“

Ja, klar, wir gucken weg, keine Sorge. Und erinnern uns derweil still und leise an die besten Filme, die uns geprägt und die wir je gesehen haben.
© Maksim Selesnjow

Maksim Selesnjow


Programmdirektor des "Pobeda" Kinos in Nowosibirsk, Chefredakteur der Zeitschrift "Cineticle" über Autorenfilm.

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