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Kino als Kunst [18+]

Ich habe das System der modernen Kunst gerade durch den Kinosaal betreten. Die Sache ist die, dass ich bereits im dritten Studienjahr meines Studiums an der Akademie der Künste, wie viele andere Studenten, eine skeptische Haltung zum gewählten Beruf als Künstler eingenommen habe. Die Geschichte der Kunst Ende des XX. — Beginn des XXI. Jahrhunderts wurde an der Akademie nicht unterrichtet. Man studierte aus Gewohnheit, da man etwas werden wollte, wie beispielsweise Designer. Im Verlauf des Studiums wurden andere Disziplinen zu „Rettungsringen“ — Musik, Theater, Kino — alles, außer der visuellen Kunst. Zur gleichen Zeit wurde ich Teilnehmer des Minsker Clubs der Cineasten. Gerade durch das Studium des Kinos habe ich Video-Art kennengelernt — Filme und Installationen von Gary Hill und Bill Viola, Dokumentation der Performances von Vito Acconci und Chris Burden, das Fresko „Cremaster“ von Matthew Barney und vieles mehr. Da wurde mir bewusst, inwieweit ich das Verständnis dafür, was moderne Kunst heute darstellt, verloren habe. Dies hat mich zum Studium der modernen Kunstgeschichte angeregt und damit für immer zu einem Teil dieser Kunst gemacht.

Wie jeder Filmliebhaber habe ich eine lange Liste von Vorlieben. Ich spreche hier nur über einige meiner Favoriten.

Der Film „Sombre" von Philippe Grandrieux (im russischen Verleih wurde der Titel seltsamerweise als „Der Grämler“ übersetzt) ist für mich in jeder Hinsicht der Spitzenreiter. Ergreifende Ästhetik der Dämmerungsaufnahmen, düsterer Post-Punk-Ton und Soundtrack, spontanes Handeln der Figuren — alles nach der Lacanschen Triade gegliedert (Imaginäres — Symbolisches — Reales).
 © Diaphana Films Wie sehr sich der Held auch anstrengt, er kann keine Perspektive erkennen, denn er ist am Bildschirm für ewig festgeklebt und versucht dennoch alles, um durch seine Textur zum Wesentlichen vorzudringen. Er tritt als Wolf im Kinder-Puppentheater auf und wird abends zu einem „Monster“, das seine Opfer im Dunkeln packt. Im gespaltenen Bewusstsein des Helden wird das Bild der weiblichen Hauptfigur sogar von zwei Darstellerinnen gespielt.

Außerdem empfehle ich nachdrücklich den grotesken und absurden Film „The Saddest Music in the World“ von Guy Maddin.
The Saddest Music in the World / Reg. Guy Maddin © Rhombus Media Wie der Regisseur Möglichkeiten aus der Epoche des frühen Kinos entwickelt und ihre bedingte Sprache verwendet, ist einfach hervorragend. Zur Einstimmung empfehle ich, sich seinen kurzen Film „The Heart of the World“ anzusehen. Wer, wenn nicht dieser kanadische Regisseur, könnte so umfangreich ein zeitloses Kino-Denkmal zum 100-jährigen Jubiläum der Kinematographie erschaffen.

Die düstere Noir-Ästhetik im Kino steht mir besonders nahe, ich suche ihre Erscheinungsformen in den verschiedensten Charakter- und Genrefilmen: im gotisch-theatralischen Märchen „Institute Benjamenta, or This Dream People Call Human Life“ der Quay Brothers;
Institute Benjamenta, or This Dream People Call Human Life / Reg. Stephen Quay & Timothy Quay © Image Forum in der zynischen, schmutzigen pornographischen Parodie auf die ganze Epoche „Thundercrack!“ von Curt McDowell;
Thundercrack! / Reg. Curt McDowell © Thomas Brothers Film Studio in der außergewöhnlichen Doku über Fischer „Leviathan“;
Leviathan / Reg. Lucien Castaing-Taylor & Verena Paravel © Arrete Ton Cinema in der „Puppen-Serie“ „Rabbits“ von David Lynch;
Rabbits / Reg. David Lynch © David Lynch im erotischen, historisch spektakulären Streifen „Unmoralische Geschichten“ von Walerian Borowczyk;
Unmoralische Geschichten/ Reg. Walerian Borowczyk © Argos Films | Syn-Frank Enterprises in „Love Is the Devil: Study for a Portrait of Francis Bacon“ und vielen anderen.
Love Is the Devil: Study for a Portrait of Francis Bacon / Reg. John Maybury © BBC Films Es gibt in letzter Zeit ein Paar Filme und Serien, die erfreut haben. Es sind dies „Manifesto“ von Julian Rosefeldt; „Toni Erdmann“, nicht normal in seiner Normalität; spannend „Der Fremde am See“;
Der Fremde am See / Reg. Alain Guiraudie © Les Films du Worso cineastischer und kulturologischer — und deswegen ein so hipstermäßiger — Film „Begegnungen nach Mitternacht“.
Begegnungen nach Mitternacht / Reg. Yann Gonzalez © Sedna Films | Garidi Films Und die Serien: hübsch und finster „Olive Kitteridge“ und „Hinter der Gartenmauer“; detektivische „Kindkind“ (ein Meisterwerk von Bruno Dumont), „London Spy“ und „The Night Of – Die Wahrheit einer Nacht“.
Kindkind / Reg. Bruno Dumont © 3B Productions
© Sergej Schabochin

Sergej Schabochin


Weißrussischer Künstler, Kurator, Kritiker und Art-Aktivist. Gründer und Chefredakteur des Portals über moderne weißrussische Kunst ArtAktivist.org. Mitgründer der Plattform für die Erforschung moderner weißrussischer Kunst Kalektar und Chefredakteur der Plattform kalektar.org.

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