Schau


Gámer

„Must — See“ für jeden Zuschauer


Ich fange gleich mit dem Wichtigsten an. Mit zwei Filmen, die jeder Kinoliebhaber, Regisseur und einfach jeder Bürger des postsowjetischen Raumes — in erster Linie jeder Bürger Russlands - sehen sollte. Das ist der Spielfilm „Gamer“ von Oleg Senzov und der Dokumentarfilm von Askold Kurov „Der Prozess: der russische Staat gegen Oleg Senzov“. Ich bin mir sicher, dass Oleg Senzov den Lesern dieser Webseite keiner weiteren Vorstellung bedarf. Nichtsdestotrotz bin ich gezwungen, genau damit anzufangen. Die Sache ist die: solange der Regisseur Oleg Senzov und der mit ihm verurteilte Antifaschist Alexander Koltschenko im russischen Gefängnis schmoren, muss jedes Gespräch über Filmkunst, vor allem wenn Russland in dieses Gespräch involviert ist, mit der Forderung ihrer sofortigen Freilassung beginnen.

Ich rufe nicht zum ersten Mal dazu auf, jede Möglichkeit dazu zu nutzen. Das ist das Wenigste, was wir machen können. Außerdem ist es wirklich notwendig, Filme von und über Senzov zu sehen. Sein Debütlangfilm „Gamer“ (2011, Teilnahme am Filmfestival in Rotterdam) – ist ein sehr seltenes, realistisches Drama, was die gesellschaftliche Lage auf der Krim vor der Annexion durch Russland zeigt (andere Filmbeispiele, die ähnliche Themen behandeln, sind schwer zu finden, höchstens noch das meditative Drama „Seven Invisible Men“ des litauischen Regisseurs Scharunas Bartas).



„Gamer“ ist die Geschichte eines Jugendlichen aus Simferopol, der seine Freizeit in Computerklubs verbringt. Der Regisseur selbst hatte mehrere Computerklubs, noch vor seiner Zeit als Filmemacher. Trotz dramaturgischer Unstimmigkeiten und der Schwierigkeiten mit dem Schauspiel ist „Gamer“ ein sehr genaues Porträt dieser Epoche, als die digitale Welt angefangen hat das festgesetzte, vorbestimmte Alltagsleben der Provinzstädte zu verändern.

Der Dokumentarfilm von Askold Kurov, zeigt den Gerichtsprozess von Senzov und Koltschenko, denen die ukrainische Staatsbürgerschaft rechtswidrig entzogen wurde. Die Premiere dieses Films fand auf der Berlinale 2017 statt. „Der Prozess“ ist ein nahezu makeloses Beispiel dokumentaristischer Publizistik, in dem das „Ich“ des Regisseurs, seine Ansichten und künstlerische Entscheidungen bewusst in die zweite, wenn nicht dritte Reihe gestellt werden. Das Problem, was im Film angesprochen wird, ist dermaßen dringend und grundsätzlich wichtig, dass künstlerische Ausdrucksfreiheit im Grunde unmöglich wird. Kurov ist einer der wenigen Menschen, der versteht, dass die Verurteilung von Senzov und Kolchenko im Grunde einen Ausnahmezustand aller Filmemacher bedeutet, in erster Linie aller, die in Russland arbeiten. Denn der Prozess und die Verurteilung waren doch offensichtlich auch eine Art Drohung für alle Kreativen. Weiter zu arbeiten, als ob nichts geschehen wäre, bedeutet, sich der Angst ausliefern zu lassen.

Es könnte den Anschein haben, dass beide hier genannten Filme nichts mit meiner dritten Empfehlung zu tun haben. Aber der Schein trügt. Ein Film, den man auch unbedingt gesehen haben muss (und zwar im Zusammenhang mit den Filmen von Senzov und Kurov), ist „Ich und die Anderen“ von Felix Sobolev, dem Gründer einer wirklich einzigartigen Erscheinung, „der Kiewer Schule des Wissenschaftsfilms“. In den 1960-er Jahren konnte man immer wieder Filme sehen, produziert vom Kiewer Filmstudio des wissenschaftlich-populären Films, die die Vorstellung über diese Art von Film veränderten. Sobolev und seine Kollegen haben versucht von einer verstaatlichten, gleichgeschalteten Herangehensweise im Wissenschafts- und Bildungsfilm wegzukommen.

Sie haben ihre Filme in Forschungsessays und Experimentalfilm verwandelt und haben mit Wissenschaftlern verschiedenster Fachbereiche kooperiert. Einer der mutigsten Filme von Sobolev beschäftigt sich mit dem Bereich der sozialen Psychologie und mit Experimenten zum menschlichen Benehmen. Im Film „Ich und die Anderen“ hat er gemeinsam mit Psychologen Situationen geschaffen, in denen eine Gruppe ganz normaler, durchschnittlicher Sowjetbürger einem genauso normalen, durchschnittlichen Sowjetbürger einschwärzt, dass „schwarz“ eigentlich „weiß“ ist. Das Experiment wurde nicht nachgestellt, sondern so wie es war live gefilmt. Und dank dieser Arbeitsmethode ist dieser Dokumentarfilm immer noch ein besonderes wissenschaftliches Werk. Und das Wichtigste — in diesem Film erkennen wir uns alle wieder — wir, die modernen Internetnutzer, soziale Netzwerkuser, Massenmedienkonsumenten. Den Menschen, die diesen Film heute angucken, wird man nicht mehr so leicht erzählen können, dass ein Regisseur und Antifaaktivist von der Krim eigentlich ultrarechte Terroristen aus dem Untergrund sind.

© Alexej Radinskij

Alexej Radinskij


Dokumentarfilmer, Publizist, Mitglied des Zentrums visueller Kultur (in Kiew). Regisseur der Filme „Fall im Museum“ (2013), „Integration“ (2014) und „Menschen, die an die Macht kamen“ (2015, gemeinsam mit Tomasch Raif), „Erdrutsch“ (2016). Seine Filme wurde auf internationalen Festivals, wie DoK Leipzig, Oberhausen, Docudays UA (Kiew, Hauptpreis im nationalen Wettbewerb) gezeigt, und auch in Museen für zeitgenössische Kunst (MoMA, New York), ICA London, e-flux (New York), Kunstakademie Köln. Seine Texte wurden im E-Flux Journal, openspace.ru, „Politische Kritik“, colta.ru, „Ukrainische Pravda“, LB.ua etc. veröffentlicht.

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