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Drei Weekend Filme

Beat Weekend findet jährlich im Oktober in 15 Großstädten Russlands statt, von St. Petersburg bis Wladiwostok. 2017 läuft das Programm vom 4. bis zum 8. Oktober. In Nowosibirsk wird das Festival traditionsgemäß in dem Kino „Pobeda“ aufgeführt. In seinem Programm werden sechs wichtige und gefragte Filme aus dem Sommerprogramm vom Moskauer Beat Film Festival zu sehen sein.



Das Ziel des Projekts ist es die Besucher mit herausstechenden Dokumentarfilmen zu aktuellen Erscheinungen in der Musikwelt, zeitgenössischen Kunst, Medien, Street Culture, Sport und neuen Technologien bekannt zu machen. Konverter unterstützt Beat Weekend mit großer Freude. Auf Anfrage der Redaktion stellt der Programmdirektor von „Pobeda“, Maksim Selesnjow, exklusiv für Konverter drei Filme aus dem Programm vor.

„All These Sleepless Nights“,
Regie: Мichal Маrczak, 2016, Polen, Großbritannien


All These Sleepless Nights Der Film von Michal Marczak, der auf dem Filmfestival „Sundance“ gefeiert wurde, hat auf nicht weniger Anspruch als auf den Status einer Chronik der jungen polnischen Generation — ein intimes Archiv von Körperbewegungen, Posen und seltsamen nachmitternächtlichen Launen. Die Hauptprotagonisten — die Liebhaber Krzysztof, Michal, Eva — sind quasi reale Menschen, die aus dem Herzen des verkaterten, Warschauer Lebens herausgepickt wurden: Namen, Orte, Wörter — der Regisseur lässt alles so, wie es ist. Und die Kamera wird inmitten eines Open Airs auf sie gerichtet und flirtet mit der Menschenmenge und zufälligen Begegnungen auf der Straße. Und für die pure Glaubwürdigkeit werden dann noch von Zeit zu Zeit Teile von Homevideos und Fragmente eines verliebten amateur porn verwendet.

So würde sich dieser Film auch weiter irgendwo zwischen „Masculin Féminin“ von Godard und den Seiten des eigenen Tagebuchs bewegen, aber er fängt an, Metaphern zu streuen. Erst kann man es noch auf ein besoffenes, philosophisches Geschwafel abtun, das die Protagonisten umhüllt: „Jede Verliebtheit ist wie eine neue Verletzung...“, flüstert Krzysztof verträumt, „afterparty after no party“ — dehnt faul irgendein Partygast das ideale Motto aus. Aber die übermäßigen Spitzen der Kameraarbeit „à la Christopher Doyle“ lassen es durchblicken — Marczak will mehr, er will etwas Gehobeneres. Und so spazieren seine Helden mit geschlossenen Augen Straßen und Autobahnen entlang, als ob sie von der eigenen Jugend und der Liebe geblendet sind. Krzysztof rennt gegen den furchterregenden Menschen- und Autostrom, bei dem alle in eine Richtung eilen und beim Abspann wird ein lustiger Tanz direkt auf dem Doppelstrich zum Besten gegeben.

Modern Love, aber nicht so richtig — nicht, wie bei Denis Lavant, der durch das futuristische Paris eilt und auch nicht wie bei Frances Ha, der beim Überqueren der Straße ungeschickte Pirouetten dreht, sondern vielmehr wie beim sentimentalen Musical „Across the Universe“ für die ganze Familie. Und das geben auch erfreut die Protagonisten selbst zu: Nach dem Motto, wir durchleben einfach nur „den Satz von Edward mit den Scherenhänden“. Und so bekommen auch umso mehr Zuschauer das unkontrollierte Gefühl der Ergriffenheit.

„Hype!“,
Regie Doug Pray, 1996 USA


Hype! Hier eine kurze Unterrichtsstunde in Archäologie. Kann mich jemand daran erinnern, was „Seattle-Sound“ bedeutet? Die einfachste Antwort, die an der Oberfläche liegt: Nirvana! Pearl Jam, Soundgarder, Alice in Chains... — wenn man tiefer gräbt. Wunderbar, aber was ist mit Mono Men? Mudhoney? Dead Moon? Coffin Break? Und damit wären wir noch nicht mal nah dran, an den wirklich unbekannten Namen und Bands.

1996 hat der Dokumentarfilmer Doug Pray angefangen, das musikalische Seattle Ende der Achtzigerjahre unvoreingenommen zu beschreiben — kein Wort mehr über Kurt Cobain als über die Supersuckers aus der Nachbarschaft. Und seine Erzählung bekam überraschend den Klang, wie aus einer längst vergangen Zeit. Die grotesken Namen, wie aus der Antike, Verwirrtheit und die Zeugenaussagen der Schuldigen, die diese wilde, legendäre Zeit überlebt haben. Einer der Gesprächspartner vergleicht Seattle voller Zärtlichkeit mit Twin Peaks — Provinz, Berge, Grenze zu Kanada und unerklärliche Ausbrüche anomaler/musikalischer Aktivität (Archivare geben über tausend Bands an, die gleichzeitig in der Stadt existierten). Inspiriert von diesem kleinen Scherz, stellt Doug Pray sogar ein typisches Bild à la Lynch in seinen Film — eine, durch heftigen Wind schaukelnde Ampel, die Böses, etwas aus dem Jenseits, erahnen lässt.

Etwas aus dem Jenseits ist auch wirklich in der Nähe, es liegt in der Luft. Von dem rohen Sound autonomer Konzerte, bei denen die noch unbekannten Grungesänger über die Bühne rutschten und die eigenen Instrumente auf ihrem Weg hinwegfegten, bis hin zu einem krassen kommerziellen Erfolg, Covern bei führenden Zeitschriften und Weltruhm... und Verlorenheit. Was ist eigentlich gerade mit uns passiert? Doug Pray, der nacheinander alle Etappen der Seattle-Geschichte zeigt, schafft es am genausten dieses zarte „WTF?!“ festzuhalten, was auf den Gesichtern aller Musiker deutlich zu lesen ist. Natürlich haben das Fernsehen, große Labels, dieser abnormale Hype um die Seattler Musikszene diese in eine Farce verwandelt und in erster Linie die Absurdität des Geschehens gezeigt. Nun gut, doch es war ja auch von Anfang an schon spaßige Absurdität! Und der Cobain-Tragik zieht der Regisseur offensichtlich Ironie vor — seine Helden machen einen Witz nach dem anderen, wenn sie sich an die Vergangenheit erinnern. Sogar der Filmtitel klingt wie ein großer Scherz, auch wenn mit einem Anflug von Trauer. Zum Finale des Films hin kann man sich leicht bei dem Gedanken ertappen, dass „Hype!“ - eine ideale Fortsetzung der Kultkomödie „This Is Spinal Tap“ ist. Nur mit realen Menschen, Ereignissen und Bildern.

„Liberation Day“,
Regie: Мorten Тraavik, 2016,
Norwegen, Slowenien, Lettland


Liberation Day Der Film von Morten Traavik fängt auch mit einem Standardwitz an. Der britische Komiker John Oliver springt fast aus dem Stuhl heraus, während er live im Fernsehen erzählt: Nordkorea, das asiatische Florida (Lachen im Hintergrund) feiert den Unabhängigkeitstag und wissen Sie, wen sie an so einem Tag eingeladen haben? Die slowenische Industrialband Laibach, die eine skandalöse Berühmtheit durch ihre totalitäre und militaristische Ästhetik erlangt haben (das Lachen wird lauter)! So ist das, davon können wir uns nirgendswo verstecken. Nordkorea mit seinen marschierenden „Jungkommunisten“ und gut bewachten Utopie — das ist wirklich komisch. Laibach mit ihrem Ersatzautoritarismus — auch das ist komisch. Und deswegen, wenn du über ein Konzert der slowenischen Band in Pjöngjang hörst, klingt es wie eine unseriöse Verarschung. „Sind Sie das erste Mal in Nordkorea?“ — fragt der Herr Begleiter den Regisseur und Konzertveranstalter Morten Traavik. „Nein, das fünfzehnte Mal“, antwortet der Norweger, nachdem er kurz nachgedacht hat, und das mit solch einer Ruhe, dass es in seinen Worten schwer ist, eine versteckte Ironie rauszuhören oder etwa das jedem europäischen Herzen so vertraute Trolling.

Aber der einzige Scherz besteht hier darin, dass alles real ist. Und Laibach, mit seinem überhaupt nicht lustig gemeinten Song „Ariran“ - das alles ist echt. Und Nordkorea mit seinen kollektivistischen Ansichten auf den Alltag — das ist auch ernst gemeint. „Еs gibt irgendeine besondere Ehrlichkeit in ihren Stimmen“, flüstern sich auf einer Chorprobe koreanischer Schülerinnen Traavik und Boris Benko zu. In Europa ist so etwas unmöglich, wir sind zu zynisch, zu ironisch“. Ja, vielleicht hört man in seiner Stimme den Anthropologen raus, der ein bisschen zu leichtgläubig und verzaubert von der Schönheit einer fremden Kultur ist. Aber auch wenn das nicht der Fall ist — solch eine Anthropologie sucht eine lebendige Kommunikation und ein Verständnis zwischen den Menschen. Man könnte denken, was für eine Kleinigkeit, aber in der Vielzahl hysterischer Enthüllungen und nicht sehr neuer Witze über Nordkorea ist solch eine Herangehensweise eine wertvolle Seltenheit.

Und so lange Milan Fras, wie es sich gehört, laut schweigt und nur koreanische Bewacher mit seiner Kopfbedeckung erschreckt („Das ist doch nicht etwa eine Nazimütze?“), wird die interessanteste Figur plötzlich Traavik selbst. Ein Mensch, der auch in den stressigsten und doppeldeutigsten Situationen ruhig bleibt (Verhandlungen über das Konzert fangen unter anderen so an, dass ein offizieller Staatsmensch aus Nordkorea Laibach als Faschisten betitelt), ein Mensch, der immer in der Lage ist einen Dialog zu führen, ein Mensch, der absolut sicher ist, dass ein gegenseitiges Verständnis möglich ist. Und im Endeffekt kommt es sogar auf einem sehr seltsamen Level zum gegenseitigen Verständnis.
© Maksim Selesnjow

Maksim Selesnjow


Programmdirektor des "Pobeda" Kinos in Nowosibirsk, Chefredakteur der Zeitschrift "Cineticle" über Autorenfilm.

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