Ich nehm zwei


Editorial

Regale, Regale, Regale — so weit das Auge reicht. Sie verschwinden irgendwo am Horizont - mit einer unendlich großen Auswahl an Waren, eingepackt, in das verschiedenste Plastik, in unterschiedlichen Preiskategorien, und höchstwahrscheinlich auch Zutaten, denn: Warum sollte es sonst ein und dieselben Waren unterschiedlicher Marken geben? Wir tun so, als ob wir einen Überblick haben und uns gut in diesem Wahnsinn zurechtfinden (weil wir uns ja wirklich generell gut auskennen) — ob es nun die neusten Smartphones sind, oder die beste Fassadenfarbe, das tollste, glutenfreie Brot oder die leckerste Sojamilch. Aber kann es sein, dass wir in Wirklichkeit im Supermarktdschungel vor den überladenen Regalen stehen und uns einfach nur wünschen, dass die verdammt noch mal doch kürzer und kleiner sein könnten. Damit weniger drauf passt.

„Kann man Ihnen behilflich sein?“ - eine Frage, wie ein Rettungsring: Er wird dir zugeworfen und du musst ihn eigentlich nur packen, aber es nervt! „Nein danke, brauch ich nicht. Schaff ich alleine“ ist unsere höfliche Antwort. Und dann treffen wir die Wahl. Gerechtfertigt wird diese dann mit verschieden Argumenten. Angefangen bei: „Dieses Ding hat man gestern Abend im Fernsehen gezeigt - ich gucke zwar kein Fernsehen, aber ich war gerade bei meinen Eltern und da hab ich das gesehen.“ Bis hin zu „das da nehm ich nicht, weil ich das in der Werbung gesehen hab und ich lass mich nicht von Werbung beeinflussen, also nehm ich das andere Ding“. Dann kommt der Gang zur Kasse, wir bezahlen mit unserer Kreditkarte und dann sind wir einer Aggressionswelle gegen uns selbst ausgesetzt und müssen uns — und der Welt — beweisen, warum wir das jetzt wieder gekauft haben. Ganz alleine, selbstständig, ohne uns natürlich beeinflussen zu lassen.

Wir in Russland und im postsowjetischen Raum sind an der Grenze zweier Epochen geboren worden. Die wenigsten von uns jungen Leuten standen in endlosen Schlangen, um mit Lebensmittelmarken Bananen zu ergattern, oder haben uns je über ungarische Schränke und jugoslawische Stiefel gefreut. Die selbst gebastelte Schnapsbrennanlage haben wir gegen die Kaffeemaschine ausgetauscht, Pelé und die populäre Schwarzteemarke „Indischer Elefant“ aus den letzten UdSSR-Jahren wecken in uns keine nostalgischen Gefühle. Wir gucken etwas von oben herab, wenn es um diese Reliquien aus längst vergangenen Zeiten geht, und freuen uns darüber, dass bei uns zum Glück ja alles anders ist. Globalisierung, Diversifizierung und Freiheit.

Wir wählen selbst aus, welcher Werbung wir glauben, wir entscheiden frei darüber, in welchem Laden wir die neuen Chucks kaufen wollen und ob wir einen Kredit aufnehmen oder nicht — selbst, weil wir es so wollen. Zweifellos.

Konverter eröffnet das Gespräch darüber, wie und was wir konsumieren. Und was wir tun können (sollen), wenn die Entscheidungsfreiheit nicht die erwartete (und erwünschte) Katarsis bringt. Unsere Autoren schreiben darüber, wie man bewusst einkauft, spart und wie man sich von Sachen, die man nicht mehr braucht, trennt und wie man überhaupt versteht, was man braucht und was nicht. Wir werfen einen Blick in die (Konsum-)Tempel unserer Epoche und knistern ein bisschen mit den Papierstücken, die in unserer modernen Welt der Inbegriff des Glücks sind.

Eure
Konverter-Redaktion
am Goethe-Institut Nowosibirsk


Konverter
Redaktion

    Aktuelle Themen

    Haben und sein

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen