Ich nehm zwei


Grüner Konsum

Generation Nachhaltigkeit


„Guck mal, zwei Avocados zum Preis von einer!“, freue ich mich und will zugreifen. Meine Kollegin Hanna und ich sind gerade im Supermarkt und wollen uns etwas zum Mittagessen kaufen. „Ja, aber die sind in Plastikfolie eingepackt“, antwortet sie und geht daran vorbei. Stattdessen kauft sie sich eine Avocado, teurer, aber unverpackt. Hanna ist Studentin, die eigentlich gerade auf ihren Sommerurlaub spart: Sie geht nicht in Cafés oder Restaurants essen, aber kauft Biolebensmittel und Naturkosmetik.

So ein Konsumverhalten ist sehr typisch für moderne, 20-jährige Deutsche, die man die Generation Nachhaltigkeit nennt. Dieses deutsche Wort hat schon viele Übersetzer um ihren Schlaf gebracht, zumindest auf Russisch muss der Begriff noch erklärt werden. Meistens versteht man ihn als eine Art Umweltbewusstsein, das zukünftigen Generationen die Chance auf ein nicht allzu qualvolles Leben auf unserem Planeten gibt. Deutsche Jugendliche aus Großstädten ziehen heutzutage dem Auto das Fahrrad oder zur Not auch Carsharing vor. Einige meiden sogar sehr bewusst das Reisen mit Billigfliegern und zahlen lieber mehr für eine Zugfahrt, weil das eben umweltschonender ist.

Nicht nur Umweltschutz, sondern auch Sparmaßnahme


Deutschland ist nicht einfach durch Zufall in Fragen des Umweltschutzes und der „grünen“ Lebensweise ganz vorne. Die Deutschen gehen mit Köpfchen an die Sache: Sie geben ihre Plastikflaschen im Supermarkt ab, tragen ihre Einkäufe in Stofftaschen und sind natürlich sehr genau, wenn es um Mülltrennung geht. Und wehe dir, wenn du deinen Papier- und Kartonmüll nicht in die Blaue, sondern in die Gelbe Tonne (die für Plastikmüll) schmeißt!

Seit dem Jahr 2016 gilt in Deutschland das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum. Das Ziel ist, maximale Bedingungen für einen „grünen“ Konsum zu schaffen. So haben beispielsweise große Supermärkte und Läden kostenlose Plastiktüten abgeschafft – jetzt gibt’s die für 30 Cent pro Tüte. Da hat die berühmte deutsche Sparsamkeit mit Sicherheit gejubelt, denn in nur einem Jahr gingen die Verbraucherzahlen im Durchschnitt um 50% zurück und in einigen Läden wird sogar um 90% weniger nach Plastiktüten gefragt. Die Umweltschützer sind über ein solches Ergebnis natürlich glücklich.

Ein weiteres Ziel des Programms ist es, den „grünen“ Lifestyle zum Mainstream zu machen, zugänglich für alle Gesellschaftsschichten. Lebt man in der Berliner Kollwitzstraße, einer der „goldenen Meilen“ der Stadt mit den nahezu höhsten Mietpreisen und Nettogehältern, ist ein umweltbewusster Lifestyle sicherlich kein Problem. Lebt man als alleinerziehende Mutter am Stadtrand, ist die globale Klimaerwärmung wahrscheinlich weniger das Thema des Tages.

Nichtsdestotrotz sind sich heute 2/3 der Deutschen sicher*: Umweltschutz kann nur dann zu langfristigen Ergebnissen führen, wenn die ganze Gesellschaft ihr Konsumverhalten ändert und „grüner“ lebt. Die Aufgabe der Politik ist es also, das Thema in der breiten Öffentlichkeit populär zu machen und zu beweisen, dass Umweltschutz nicht einfach nur Hobby sein sollte, Trend oder Spaß: Es ist ein Schritt, den die ganze Gesellschaft gemeinsam gehen muss.

Neue Trends sind oft vergessene Alte


Ihren Kaufspaß befriedigen viele Deutsche einfach mithilfe des fast schon Nationalspiels „Ich sehe das, was du nicht siehst“. In Deutschland und vor allem in Berlin, ist es gang und gäbe, alles, was man selbst nicht mehr braucht, auf die Straße vor die Haustür zu stellen mit dem Schild: „zu verschenken“ oder „zum Mitnehmen“. Ich kenne eine Fensterbank im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, auf der regelmäßig etwas zu haben ist: von einer Saftpresse bis hin zu (funktionierenden) Druckern habe ich da schon so ziemlich alles gesehen. Du gehst Brötchen holen und kommst mit den tollsten Sachen zurück. Jeder Gang auf die Straße steckt voller Überraschungen!

Noch ein Trend ist das so genannte Repair-Cafe. Hier kann man kostenlos Sachen reparieren lassen — sei es ein Fernseher oder ein kaputtes Fahrrad. Im Schnitt produziert ein Deutscher etwa 17 Kilogramm Elektromüll pro Jahr und Ziel des Repair-Cafes ist es zu zeigen: Man muss nicht sofort alles wegschmeißen, man kann vieles auch einfach reparieren und weiter verwenden.

Warum die Deutschen so „grün“ sind, wie sie sind, weiß wahrscheinlich niemand. Ihre Sorgen um die globale Erderwärmung und alle anderen Fragen des Umweltschutzes sind mittlerweile ein Teil der nationalen Identität geworden und gehören schon fast so dazu wie Bier, Birkenstock und Fußball. Ich persönlich vertrete die Meinung, dass nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs und generell der Nazizeit die Deutschen ein großes Bedürfnis haben sich nicht einfach nur um ihr eigenes Wohlergehen zu kümmern, sondern generell bewusst und verantwortungsvoll mit der Welt umzugehen. Und ich finde, es klappt ziemlich gut.

*Angaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.
© Irina Michailina

Irina Michailina


Irina Michailina ist in Moskau geboren. Abschluss am Maurice-Thorez-Fremdspracheninstitut (MGLU) und Master an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Linguistin (Germanistik) und lebt heute in Berlin.

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