Ich nehm zwei


Auf dem Weg zum Allerheiligen

Das interessanteste Phänomen der Konsumepoche ist meiner Meinung nach das gegenseitige Konsumieren der Menschen. Die einen denken, dass sie lieben und geliebt werden, die anderen, alles sei nur ein Spiel. Aber um ehrlich zu sein, sehen wir die Welt doch schon lange mit den Augen von Patrick Bateman, dem Romanhelden von Bret Easton Ellis in „American Psycho“ und konsumieren einander einfach nur. In der Zoologie gibt es den Begriff „Typus“ - das ist der konkrete Körper eines, sagen wir mal, Wolfes, der im Museum aufbewahrt wird und anhand dessen die ganze Art beschrieben worden ist. Patrick Bateman könnte auch als solch ein „Typus“ für den Menschen unserer Zeit gelten.

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Es gibt verschiedene Konsumarten der Menschen durch Menschen und verschiedene Plattformen dafür. Manchmal ist es ein teures Autohaus oder ein Supermarkt, es kann aber auch ein Billigmarkt neben der U-Bahnstation sein. Liebe verschwindet nach und nach aus diesem Diskurs. Das heißt, auf der einen Seite ist Liebe - auf der anderen die Situation „Waren-Geld-Waren“. Dabei kann jede einzelne Situation als Verliebtheit aber auch als Abchecken interpretiert werden („…alles von ‚Louis Dell'Olio‘, Highheels von ‚Susan Bennis/ Warren Edwards‘, Sonnenbrille von ‚Alain Mikli‘, Handtasche aus gepresstem Leder von ‚Hermes‘“). Was besitzt er/sie, welche Perspektiven hat er/sie. Und was willst du selbst von diesem Menschen. Auf welchem Niveau ist diese Ware und was kannst du dafür auf dem Markt der One-Night-Stands und potenziellen Heiratskandidaten zahlen. Wir laufen also rum und schätzen ab. Wir gucken aufmerksam, wir betatschen ein bisschen, geben Hoffnung, checken das Äußere und den Besitz ab, und ziehen dann zur nächsten Ware, wenn da was nicht gepasst hat.

Abchecken, Meinung bilden und Entscheiden - nimmt man die oder den, oder doch nicht (heiraten - ja oder nein - ist die eigentliche Frage): Und das ist übrigens die noch durchaus zivilisierte Art und Weise. Es geht nämlich auch anders: probieren, bewerten, probieren, Kopfschütteln, und ab zum/zur Nächsten. Und das endlos. Das ist wie auf einem antiken Markt im Orient mit Sklavenhandel. Kaufen, maximal benutzen und weg damit.

Wir belügen einander oft bei diesem regen Handel. Dafür geben wir dann z. B. Hoffnung. Das ist die gängigste Bezahlung, wenn eine Beziehung eingegangen wird, der eine auf Entwicklung hofft, der andere aber dieses Miteinander als eine Art Räumungsverkauf vor der finalen Ladenschließung, also der Ehe, sieht. Der Räumungsverkauf wird ausgenutzt, aber kurz vor der großen Entscheidung wird mit der Nase gerümpft, „igitt, igitt, schmeckt nicht“ gesagt und Ausschau nach der nächsten reduzierten Ware gehalten.

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Der unangenehmste Ort, an dem ich bislang war, sind die Marktviertel in der Jerusalemer Altstadt unweit der Sepultura (der Name der brasilianischen Metallband hat mir sehr bei der Suche der Grabeskirche geholfen, denn in den meisten Sprachen ist ihr lateinischer Name „sepulchre“ bekannt). Die Marktstände umringen einen von allen Seiten und man wird fast taub von dem Geschrei der Händler, die dir mit allen Mitteln versuchen etwas zu verkaufen - angefangen von Kreuzen mit Edelsteinen, bis hin zu Billigheiligenbildern, die bis zum unmittelbaren Eingang in die wichtigste Heiligenstätte der Christen verkauft werden. Hier wird dein Glaube gegen Waren ausgetauscht. Ob du nun 1000 Schekel dabei hast oder nur ein paar Münzen - es findet sich für jedes Budget etwas.

Im Konsumieren eines Menschen durch einen anderen Menschen sind Glaube, Hoffnung und Liebe die Währung. Liebe ist dabei wohl am Meisten wert, denn der Hochzeitsmarkt ist schließlich ein Markt ausschließlich teurer Waren. Hoffnung ist da schon billiger. Die Hoffnung, dass das kein One-Night-Stand wird, dass mit einem nicht Schluss gemacht wird, dass was draus wird. Das sind Gedanken ihrerseits. Seinerseits - reine Kalkulation, kostenloser Sex. Je länger, desto preiswerter. Welche Rolle der Glaube spielt ist schwer zu sagen, aber für einige ist er eine tolle Tarnung, wenn es ums Handeln mit menschlichen Körpern geht. Wohl die meisten charismatischen Oberhäupter verschiedener Religionen tauschen den Glauben erfolgreich gegen Sex aus. Allerdings muss man mit dieser Währung virtuos umgehen, nur dann kann man auch glücklicher muslimischer, christlicher oder krischnaitischer Haremsbesitzer werden.

Übrigens geht es hier nicht nur um Männer. Frauen können nicht weniger erfolgreich sein, wenn es um Schnäppchen geht. Schon Leo Tolstoi hat über den wirtschaftlichen Aspekt einer vorteilhaften Ehe geschrieben. Seit damals hat sich auf dem Hochzeitsmarkt nicht viel geändert. Dafür aber auf den Leveln darunter. Z. B. zeigt eine Frau einem netten Ausländer zwei Wochen lang die Stadt. Er beschenkt sie, geht mir ihr in Restaurants, kauft ihr teure Klamotten, die sie dann wieder zurückgibt, um das Geld zu bekommen. Doch das Dessert bekommt er im Endeffekt trotzdem nicht. Sie gibt ihm einen leichten Kuss auf die Wange und verabschiedet sich mit den Worten: „Wir passen leider nicht zusammen“. Sie ist quasi ehrlich und würdevoll geblieben, hat ihrem Opfer aber sehr erfolgreich Hoffnung untergejubelt, anstatt der Ware selbst, die er doch so gerne haben wollte und für die er teuer bezahlt hat.

Epilog


Zurück aus Dantes 9 Kreisen der Hölle, wieder beim sterblichen Leib angelangt, kann einem allerdings auffallen, dass sich nicht viel verändert hat... Wir finden uns in einem großen interaktiven Supermarkt wieder. „Wozu die ganze Frau, wenn man auch nur das Knie haben kann“ - eine Zeile aus einem Gedicht von Brodsky, die ein hervorragender Slogan unseres Aufenthaltsortes werden könnte, an dem statt Liebe längst ein Konsum von Impulsen und Fetischen herrscht, und kein ehrliches Interesse aneinander. Sogar hier klappt nur noch das „haben“, nicht das „sein“. Wir konsumieren Strapsen, Peitschen und Lederutensilien, Körperteile und Impulse verschiedener Heftigkeit und Häufigkeit. Wir wählen ein Gerät der nötigen Stärke aus, am besten man hat natürlich gleich mehrere zur Auswahl, für jede Laune, tauschen Impulse und verabschieden uns. „Willst du Spiegeleier zum Frühstück? Danke. War schön mit dir. Tschüss, ich muss noch meinen Tag planen.“

Das alles hat unglaubliche Ähnlichkeit mit der im Werk des Schweizer Künstlers Hans Rudolf Giger dargestellten Realität: Austausch von Substanzen, der in einen Austausch von Impulsen übergeht. Besitz, der gegen die Existenz rebelliert, Werte, die wertlos werden und existenzielle Leere.

„Menschen verschwinden einfach. Die Erde teilt sich und verschlingt sie.“ („Аmerican Psycho“).
© Elena Mordowina

Elena Mordowina


Prosaistin, Übersetzerin, Redakteurin des Verlages „Kajala“.

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