Ich nehm zwei


Top of the heap

Juli 2017, London

Wir saßen gemeinsam im Foyer des legendären Hotels The Ritz London am Piccadilly. Ein Hotel, in dem die zauberhafte Atmosphäre eines französischen Schlosses zu Lebzeiten Ludwigs XVI wieder auflebt. Die altertümlichen Kronleuchter aus reinstem Kristall schimmern wie pures Gold. Ein grauhaariger Portier in dunkelgrüner Samtuniform öffnet steif die Türen für Gentlemans in maßgeschneiderten Anzügen und Damen mit edlen Hüten, die gerade von den The Royal Ascot Pferderennen an ihrem vorletzten Tag zurückkommen.

„Warum bist du nach London gekommen?“, frage ich meinen Freund, einen erfolgreichen dreißigjährigen Analytiker in einem führenden Großunternehmen für Finanzinformation. Im Gegensatz zu uns anderen Migranten, die hier in der Großstadt versuchen ihr Glück zu finden, hat dieser Freund von mir schon eine eigene Wohnung in London und einen sehr gut bezahlten Job.

Er sieht so aus, als ob er das erste Mal über die Frage nachdenkt, warum er eigentlich hier ist, aber ich weiß genau, dass Leute wie wir schon lange eine konkrete Antwort auf solche Fragen haben. Wir haben sie uns schon längst beantwortet.

Wir — das ist die Generation Dreißigjähriger, die schon lange die Welt nicht mehr als politische Weltkarte betrachtet. Die Welt ist für uns vielmehr wie ein einziges Land und Länder — wie Städte. Gestern noch auf Zypern, heute in London, morgen New York...

Es ist üblich zu denken, dass man zum Geldverdienen in Großstädte fährt. Teilweise ist das sicher so, in London ist das Gehalt beispielsweise wirklich recht hoch. Allerdings sind die Mieten ebenfalls ziemlich hoch, genauso wie Lebensmittelpreise und öffentliche Verkehrsmittel. Jede Woche gebe ich für mein Leben in London so viel Geld aus, wie ich einst als Prüfungsleiterin in Kasachstan pro Monat verdient hab.

In meinem Umfeld wird das Thema Geld jedoch nie besprochen. Geld ist einfach die Möglichkeit ein bestimmtes Lebensniveau zu halten, so ungefähr wie Benzin fürs Auto. Anstatt für Luxusgüter wie Brillanten oder teure Autos geben meine Freunde Geld fürs Reisen und Erleben aus. Sei es Schwimmen in der blauen Lagune in Island, peruanische Schamanen kennenlernen, den Vulkan Teide auf Teneriffa besteigen oder einen Marathon in Dubai laufen — das alles passt in unsere Lebensphilosophie „Sammle Momente, nicht Dinge“. Wir sind „emotionale Gastarbeiter“, unser Antrieb ist der Wunsch immer wieder neue Emotionen zu bekommen. Einfach konsumieren ist langweilig, genauso wie nach der Arbeit als Couch-Potato Fernsehen zu gucken.

Allerdings gibt es noch einen Faktor, der uns unseren Lifestyle ermöglicht — Freiheit. Wir sind frei von Traditionen, familiären Verpflichtungen und frei von der Gesellschaft. Aufgrund der orientalisch geprägten Mentalität wird in meiner Heimat Kasachstan immer noch sehr viel Wert darauf gelegt, was andere über dich denken. Die Gesellschaft ist wie der Apotheker — sie wiegt jeden deiner Schritte auf einer kleinen Waage ab und hängt dir kleine Schilder um den Hals. „Verheiratet“, heißt erfolgreich, „Single“ gleich Versager, „auf der Suche nach sich selbst“ bedeutet unverantwortlich, „stabile Arbeit“ - gutes Leben, „geschieden“ ist oh, wie peinlich.

Weit weg von all den überflüssigen so genannten moralischen Grundsätzen ist es hier in Europa viel einfacher sein Leben zu genießen. Last und Druck öffentlicher Wertung weckt weit weg von zu Hause höchstens mal absurderweise nostalgische Gefühle, allerdings nur an einem warmen Sommerabend irgendwo in Barcelona. Spaziert man durch das Gotische Viertel und spürt plötzlich eine frische Brise, erinnert das an den kühlen Wind in den kasachischen Bergen. Und das ist schön.

„Ich bin nach London gekommen, weil ich hier selbst über mein Leben entscheiden kann. Ich mache hier so Karriere, wie ich es will“ — antwortet mein Freund und nippt an seinem Kaffee. Er trinkt immer abends seinen Kaffee und hat damit auch mein Stereotyp davon zerstört, das sei ein Morgengetränk.

Ich bitte ihn doch etwas genauer zu erklären, was er meint, denn ich dachte immer, für einen Mann sei es in meinem Land viel einfacher Karriere zu machen als für eine Frau.

Vom Polnischen „blat“ — Schmiergeld, und vom Deutschen „das Blatt“ — Papiergeld kommt das Slangwort, was im gesamten Raum der Ex-UdSSR eine Bezeichnung für Kontakte und Beziehungen ist, die für persönliche Zwecke benutzt werden und die Interessen Dritter dabei verletzen. So erklärt Wikipedia das Wort „blat“. Der Freund von mir hat genau diese Erfahrung machen müssen — in den meisten vor allem nationalen Unternehmen unserer Heimat werden Mitarbeiter in die „mit“ und die „ohne“ Beziehungen kategorisiert. Die kleine Ausnahme bilden die wenigen ausländischen Unternehmen, die auf unserem Markt aktiv sind. Ansonsten ist es ungefähr so: hast du Kontakte und die Protektion hoher Chefetagen — steigst du auf. Hast du das alles nicht, hat deine Karriere weniger mit einer Leiter, als vielmehr mit einem langen Weg Ähnlichkeit.

In London ist die Konkurrenz unter Profis sehr hoch. Die Unternehmen wissen genau, dass ihr Erfolg von den Mitarbeitern abhängt und suchen sich deswegen die besten aus, mit hohen Qualifikationen und Erfahrung. Du kannst eine Stelle für kein Geld der Welt kaufen und da helfen dir auch keine Kontakte. Hier werden deine Qualifikationen jedes Jahr von den Chefetagen neu bewertet und dein Gehalt hängt davon ab, wie gut du arbeitest.

„Und warum bist du hier?“, will nun auch mein Freund von mir wissen. Mein Grund ist Neugierde und eine Challenge, ich wollte einfach eine größere Herausforderung.

In London kannst du nie im Voraus wissen, wen du alles in der nächsten Woche triffst. Vielleicht zeigt mir eine Künstlerin persönlich ihre Bilder und ist gleichzeitig die Freundin eines berühmten Schauspielers oder vielleicht trinke ich mit einem Schriftsteller Tee, der jetzt gerade ein Buch über die Generation Millennium schreibt. Oder es ist ein Smalltalk mit einem bekannten Filmproduzenten auf einer Party. Diese Stadt bietet dir die Möglichkeit einen Blick in die Welt verschiedener Leute aus verschiedenen Schichten zu werfen. Und ich frage mich, ob ich den ganzen Herausforderungen, die mir diese Acht-Millionen-Großstadt täglich stellt, auch immer gewachsen sein werde.

Ich will ausprobieren, ob ich Chancen für professionelles und persönliches Wachstum nutzen werde, ob ich sie bemerke. Wie Frank Sinatra in seinem berühmten Song „New York, New York“ sang: „If I can make it there, I’ll make it anywhere“. Wenn ich es hier schaffe, schaffe ich es überall. Wer, wenn nicht er, weiß es ganz genau, wie es ist als einfacher Junge aus New Jersey eine Großstadt zu erobern.
© Rustina Temir

Rustina Temir


Rustina Temir ist Wirtschaftsprüferin in einer großen internationalen Firma, Bloggerin Tinatin’s London Life, Gründerin der Gruppe Kazakh British Young Professionals (KazBrtiYuppies) in London und des Travel Start Ups „Oh My Guide!“ Eine Nomadin, die in vier Ländern zu Hause ist: Slowakei, Spanien, Kasachstan und Großbritannien.

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