Ich nehm zwei


Fasten

Meiner Ansicht nach ist Ramadan ein heiliges Fest, besonders für die Muslime. Und die meisten fasten gerne. Aber ist es so leicht zu fasten? Welche Probleme hat man während des Fastens und auf welchen Konsum muss man verzichten? Um das herauszufinden habe ich begonnen zu fasten.

Morgens, beziehungsweise nachts um 4:00 Uhr, noch bevor die usbekische Sonne aufgeht, stehe ich also auf, um zu frühstücken, danach schließen mein Mund und auch meine Augenlieder wieder und ich schlafe noch etwas.

Aus Gewohnheit gehe ich am Morgen nach dem Aufwachen direkt in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Gott sei Dank ist meine Mutter da und ermahnt mich: „Du fastest doch, das darfst du nicht trinken!“ Ein kurzer Schreck und ich erinnere mich, dass ich im Fastenmodus bin.

Es geht los mit dem Bus zur Universität: Die meisten Menschen können sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, ohne einen Tropfen Wasser getrunken zu haben, mit einem trockenen Mund und knapp 25 anderen schwitzenden Menschen dicht an dicht gepackt zu fahren.

Wie quälend es ist, aus dem kochend heißen Bus auszusteigen, mit dem Gedanken, dass die Hölle hinter dir liegt, jedoch zu sehen, wie deine Freundin mit kaltem Wasser zu dir kommt und du keinen Tropfen davon trinken darfst. Gut, dass es in unserem Klassenzimmer eine Klimaanlage gibt, eine kurze Erleichterung – eigentlich – nur ausgerechnet heute ist die Klimaanlage defekt.

„Alles wird schon“ denke ich, als ich plötzlich merke, dass ich am Ende der Klasse sitze und vor Durst kaum mehr klar lesen kann, was an der Tafel steht. Die Diagnose stelle ich mir sofort selber: immer, wenn ich Hunger habe, sehe ich noch schlechter. Zum Glück habe ich meine Brille dabei.

Gemeinsam mit meiner Freundin geht es in die Kantine: Auch hier ist es kühl, was mich sehr freut, bis mir der Geruch des Essens in die Nase dringt. Ich bitte meine Freundin den Tisch zu wechseln, direkt neben der Küchentür halte ich es einfach nicht aus. Viele meiner Freunde essen: Plov, Lagman, Schaschlik.

Nach dem Nichtessen in der Kantine geht es raus auf den Hof zu meiner Clique, das Leben ist wieder perfekt, unter meinen Freunden vergesse ich den Hunger und den Durst leichter, wären da nicht die Jungs: sie fluchen und streiten. Ich würde sie am liebsten anfahren und ausschimpfen, aber auch das ist in der Fastenzeit verboten. Nicht nur das Schimpfen, sondern auch das Hören übler Wörter ist untersagt, deswegen entferne ich mich, so schnell es geht. Weg von der Universität, einfach nur nach Hause. Tränen steigen mir in die Augen, auf meiner Stirn steht der Schweiß, die Suppe läuft, wie aus einem Wasserhahn. Ich schaffe das nicht, denke ich, alles, was für mich vorher ganz normal war, was zu meinem Alltag gehörte, ist jetzt zu einer Herausforderung geworden, die sich in der glühenden usbekischen Hitze kaum aushalten lässt.

Warum faste ich überhaupt? Was bringt mir das? Für mich ist klar, der Ramadan spielt eine wichtige Rolle im Islam: es ist ein Weg der der Reinigung von Sünden. Außerdem baut mich die Zeit des Ramadan moralisch auf, klärt meine Sicht, denn in diesem Monat ist es mir verboten zu lügen, zu schimpfen, schlecht zu denken und zu lästern. Mit diesen Gedanken fühlt sich mein Schritt plötzlich ganz leicht an und ich bin schnell wieder zuhause: Ich falle ins Bett und schlafe ein, der Schlaf hilft mir meinen Hunger und Durst zu vergessen.

Ich wache um 20:00 Uhr auf, mein Mund öffnet sich wieder, den ganzen Tag habe ich auf diesen Moment gewartet. Der befreiende Schluck aus der Flasche ist das beste Gefühl seit langem. Der erste Fastentag war schwer, aber ich finde es gut, dass mich der Ramadan Disziplin lehrt. Mir wird bewusst, wie viel ich sonst konsumieren kann. Praktischer Nebeneffekt, ich gebe auch weniger Geld aus.

Ich habe das Gefühl, dass sich nach und nach mein Wille weiterentwickelt und gestärkt wird. Durch den Konsumverzicht für einen ganzen Monat entwickeln sich bei mir nichtgekannte Eigenschaften wie Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle.
© Sevinch Umarova

Sevinch Umarova


© Ezoza Nadjimova

Ezoza Nadjimova


Diese Arbeit ist das Resultat junger Autoren, die sich während des Programms „Schreibwerkstatt“ vom 25. bis zum 27. Mai 2017 zusammenfanden. Die Schreibwerkstatt ist ein Projekt des Goethe-Instituts in Taschkent. Den Workshop leiteten Julia Bockler (IFA) und Leon Krenz (ze.tt), zwei professionelle Redakteure aus Berlin. Auf unsere Bitte hin erarbeiteten sie zusammen mit den Teilnehmern Texte und Fotoreportagen über verschiedene Aspekte des Konsumverhaltens der Gesellschaft von Usbekistan.

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