Ich nehm zwei


Kaufsucht

Eines schönen Tages habe ich auf einmal realisiert, dass ich nicht einfach einen Schrank habe, sondern drei. Und alle voll. Und im Kühlschrank Essen für eine ganze Fußballmannschaft, dabei esse ich meistens auswärts, Pizza mit Arbeitskollegen in irgendeinem Café.

Stolz


Natürlich wäre mir das alles gar nicht erst aufgefallen, wenn nicht ein Ereignis gewesen wäre.

Neben meinem Haus lebt der Obdachlose Pascha. Er sitzt immer am Bankautomaten neben der Eingangstür und bettelt um Geld. Mich spricht er nie an, weil ich quasi seine Nachbarin bin, eine Einheimische. Wir kennen uns einfach schon zu lange, seit seinem ersten Tag am Bankautomaten.

Eines Abends klopfte mein Mitbewohner an meine Zimmertür und verkündete: "Wir müssen Pascha eine unserer Decken geben, er friert ganz schön." Ich habe sofort geantwortet, dass ich da aber ganz schön dagegen bin. Was ist das auch für ein Quatsch? Diese Decken gehören mir und haben Geld gekostet, und überhaupt, warum sollte ich irgendjemanden etwas geben? Aber mein Mitbewohner überzeugte mich. Und da habe ich folgende Entdeckung gemacht: In meiner Wohnung sind drei Schränke und sie alle sind voll. Und zwar voll mit Zeug, das niemand nutzt.

Klar, ich wusste schon, dass hier drei Schränke rumstehen, aber erst jetzt fing ich an, wirklich darüber nachzudenken. Es stellte sich heraus, dass wir ganze fünf überflüssige Decken in der Wohnung haben. Also - jeder von uns hat ein paar Decken plus Gästedecken und dann noch fünf, die wirklich niemand braucht! Ein paar Tage später saß Pascha wieder vor unserem Haus rum. Eingewickelt. Nein, er hat sich nicht bei mir bedankt, er ist sowieso ein ziemlich stolzer Kerl. Und klar, wenn nicht ich es gewesen wäre, so hätte sich auch jemand anderes gefunden, der ihm eine warme Decke geschenkt hätte. Es ist etwas anderes passiert: Ich habe gemerkt, wie toll es ist, jemandem etwas zu geben, was man selbst nicht braucht, dem anderen aber große Freude macht.

Vorurteile


Jeden Tag kriegen wir mit, dass irgendjemand irgendetwas braucht. In sozialen Netzwerken wird täglich gepostet: "Helft Obdachlosen!“ "Helft Flüchtlingen!“ Und "helft euren Müttern" und "ein Dorfmädchen hat keine Klamotten" und so weiter. Aufhören! Lasst mich in Ruhe! Warum soll gerade ich, ein ganz einfacher Mensch, der arbeitet, um über die Runden zu kommen, jemandem etwas geben? Wie Google sagt: „Sharing is caring“ — das bezieht sich allerdings aufs Mitteilungen, und nicht auf Gegenständliches, also - ignorieren.

Seltsam, aber nach der Geschichte mit Pascha habe ich auf einmal verstanden, dass man nicht nur anderen hilft, wenn man Sachen weggibt, sondern auch sich selbst behilflich ist. Und überhaupt, Karma...

Erlösung


Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, mich von Sachen, die ich nicht mehr brauche, zu trennen, und nichts Überflüssiges mehr zu kaufen. Das gilt auch für Lebensmittel. Ich sag‘s gleich: Mir ist das so richtig schwergefallen. Was auch schwer war: keine neuen Bücher aus Papier zu kaufen, nur noch E-Books. Und Müll trennen ist auch gar nicht so einfach. Das alles hat mich die hohe Kunst, kleine Schritte zu gehen, gelehrt. Und das alles nur, um endlich bewusst zu konsumieren.

Also, Müll trennen: Hört sich langweilig an. Papier in den Papiermüll, Plastik in den gelben Sack, die wichtigste Regel ist, einfach alles zu trennen. Aber was tun, wenn all diese verschiedenfarbigen Müllbeutel in einen, großen Container geschmissen werden? Ich hatte Glück, denn in meinem Hof gibt es tatsächlich mehrere. Nur habe ich es ganze drei Jahre nicht wirklich bemerkt.

Das Beste am Mülltrennen ist, dass man anfängt, genauer hinzuschauen, wie viel man da eigentlich wegschmeißt. Eine große Quarkpackung schafft man kaum, wenn man alleine wohnt und jeden Morgen kommt nach dem Frühstück der Restbrei in die Tonne. Und wie viele leere Weinflaschen! Wenn ich mir so meinen Müll angucke, merke ich auf einmal, was ich eigentlich wirklich brauche und was nicht (und zumindest bei dem Wein ist das bedenklich). Ich habe sogar so eine Art Regel aufgestellt: Wenn ich drei Mal etwas weggeschmissen habe, dann kaufe ich es nicht mehr oder teile es mit meinen Mitbewohnern. Und da wären wir wieder bei der nicht vollständig geglückten Heilung der Konsumsucht.

Klamotten. Viele Klamotten und Kram. Mittlerweile habe ich nur noch einen vollen Kleiderschrank, also bleibt nur noch der zugestapelte Balkon. Er ist voll mit Sachen, die ich weggeben oder verkaufen möchte. Wie gesagt, ich bin noch nicht perfekt in Entrümpelungsfragen.

In Kiew gibt es regelmäßig Flohmärkte und ich habe mir früher immer die Frage gestellt: "Woher haben diese Leute jedes Mal so viel Zeug zum Verkaufen?" Jetzt aber wirklich, wie funktioniert das? Ihr verkauft heute einen Rock von Dolce und rennt dann am nächsten Tag in den Laden und holt euch einen neuen? Und dann macht ihr wieder Flohmarkt und das endlos so? Ich habe einmal auf dem Flohmarkt meine Sachen verkauft und seitdem gehe ich viel bewusster shoppen und weniger. Ich kaufe fast nur noch einfarbige Sachen, die man gut miteinander kombinieren kann. Denn die Frage „was ziehe ich an?“ nimmt unnötigerweise viel zu viel Zeit in Anspruch. Also: alles, was ich nicht mehr anziehen werde, stapelt sich auf dem Balkon; es sieht aus wie ein heiliger Hügel. Dieser Hügel wartet darauf, in den Charity Shop "Laska" ("Zärtlichkeit") zu wandern, oder auf Verkaufapps im Internet.

Schwierigkeiten


Wenn ich ungefähr drei Wochen nicht mehr an etwas gedacht oder etwas getragen habe, brauche ich es auch nicht. Beim Aussortieren kommt dann dieser Gedanke: "Oh, ist doch eigentlich ganz schön, vielleicht brauche ich das doch?" Aber nein, diesen Schwächemoment darf man auf keinen Fall ernst nehmen. Weg damit! Belohnt wird man mit dem Gefühl grenzenloser Freiheit und mit mehr Platz. Wenn ich etwas sehr gerne trage, behalte ich es auch, und zwar für lange. Und davon gibt es, ehrlich gesagt, immer weniger. Irgendwie macht mich das selbstbewusster und ich habe mehr Zeit. Was genau ich denn jetzt anziehen soll, wird einfach schneller entschieden.

Das Schwierigste ist für mich die Sache mit den Lebensmitteln: Ich kaufe nur so viel, wie ich auch wirklich esse – im Idealfall müsste es jedenfalls so sein. Da das aber früher nie geklappt hat, hat sich mein Mitbewohner das "Ministerium nicht gegessener Lebensmittel" und noch das "Breiministerium" ausgedacht. Aus diesen zwei Instanzen bekomme ich regelmäßig die Nachricht, dass schon wieder etwas im Kühlschrank verschimmelt ist. Warum das immer so passiert? Daran sind Familientraditionen schuld. Schon meine Oma hat mir beigebracht: Du musst immer sehr viel zu essen haben, für alle Fälle, und damit ja niemand hungern muss. Hungern muss ich schon bei der Hälfte meines Abendessens nicht mehr und würde ich es ganz verspeisen, stände auf meinem Grabstein so etwas wie: "Salat und Reis haben sie erledigt."

Ich habe nach und nach angefangen, bewusster einzukaufen. Am besten nur das, was man wirklich isst und nicht wegschmeißt. Das spart ziemlich viel Geld, aber nicht wirklich Zeit. Zumindest am Anfang, wenn man noch nicht gelernt hat, effektiv einzukaufen. Aber Übung macht den Meister und jetzt kaufe ich keine Bananen mehr, die nach einer Woche eh nur im Müll landen.

Das letzte, was ich loswerden wollte, waren meine Bücher. Die aus Papier. Ich liebe sie, aber andere Leute können sie vielleicht besser gebrauchen. Ich persönlich sammle sie schließlich nicht, habe auch nicht das Ziel, eine Bibliothek zu gründen. Und dafür hatte ich ganz schön viele - die meisten noch frisch, mit verklebten Seiten, nie angerührt. Dabei dachten meine Gäste doch immer, wie unglaublich belesen ich bin... Um also niemanden mehr in die Irre zu führen, habe ich einen Großteil meiner Bücher in eine öffentliche Bibliothek für Kinder und Jugendliche abgegeben, andere verschenkte ich an Freunde. Zurückgeblieben sind nur die Bücher, die mir wirklich am Herzen liegen.

Und wieder von vorne


Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas wirklich braucht oder etwas einfach nur haben möchte. Es ist schwer, sich das einzugestehen. Es ist schwer, Dinge wegzugeben oder sie sogar zu verkaufen. Das ist zumindest meine Erfahrung. Aber ich muss sagen: Wenn man es schafft, tut es verdammt gut. Man hat auf einmal so viel Platz, so viel Luft in der Wohnung, man atmet befreit auf und... kann mit reinem Gewissen wieder Neues kaufen... Also, ab in den nächsten Laden!
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Olena Skyrta


Olena hat zunächst am polytechnischen Lyzeum studiert, aber als sie die Möglichkeit bekam, eine lokale Zeitung herauszugeben, hat sie ihre Passion für den Journalismus entdeckt. Danach hat sie sich an der Fakultät für Journalismus und Biotechnologien beworben, aber die Liebe zu den Buchstaben war stärker. Im Moment schreibt Olena für ihr Lieblingsmedium platfor.ma, bereitet verschiedenste tolle Veranstaltungen vor, und backt die leckersten Kuchen.

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