Ich nehm zwei


Ein Tag im Konsumtempel

Eine Stadt in einer Stadt


Ein modernes Shoppingzentrum ist eine Art Portal in eine andere Welt oder sogar ein ganzer Staat mit eigener Ordnung, Regeln und Mechanismen. „Hypereinkaufszentren“ sind gigantische Flächen und hat man erst einmal den Tempel der Marktwirtschaft betreten, wird man mit seinem Naturell, was voller Gegensätze ist, konfrontiert.

In Eingangsnähe sind die hochwertigeren Waren, für die „Elite“. Daneben gibt es eine Wechselstube, damit das Geldausgeben leicht gemacht wird. Irrt man weiter durch die Gänge und Etagen der Mall finden sich auch Billigartikel oder wenigstens reduzierte Ware. Ein improvisierter sozialer Aufstieg (oder Abstieg) also. Oben das schöne und prunkvolle, unten Marketingrätsel, preisliche Irrgärten und Abgründe. Es ist nicht immer einfach, die Widersprüchlichkeit dieses Ortes zu erfassen. Die Gründe dafür sind oftmals prosaisch. Es gibt beispielsweise kein Gesetz, was es verbieten würde, in einer weißrussischen Shoppingmall zu fotografieren. Aber zückt man dort seine Kamera, kommt sofort ein höflicher Typ in Securityuniform angerannt und erklärt, es sei hier verboten.

Spaziert man ziellos durch das Einkaufszentrum, kann man sicher sein, dass der Überwachungsdienst früher oder später wissen will, wer man ist und was man hier verloren hat.

Oft bezeichnen sich Einkaufszentren auch als Vergnügungsparks. Und das heißt, dass statt des Parkspaziergangs oder Museumsbesuchs der moderne Stadtbewohner am wohl verdienten Wochenende einen Familienausflug in die nächste Shoppingmeile der Stadt macht, um da seine Freizeit zu verbringen. Damit sich das Irren durch die endlosen Gänge, vorbei an unzähligen Schaufenstern, auch wirklich nach Freizeit anfühlt, muss man sich an so einen Hyperladen erst gewöhnen. Und auch ich will es wissen: Wie verbringt man einen ganzen Tag in der Shopping Mall?

Vom Stadtrand ins Zentrum


Die Einkaufszentren von Minsk kann man grob in die im Stadtzentrum und die am Autobahnring aufteilen. Man könnte denken, sie hätten nur einen Unterschied: Entweder es gibt einen riesigen, kostenlosen Parkplatz (am Stadtrand) oder es gibt ein Parkhaus (meist für Geld, im Zentrum). Egal welchen Imperiumsbesitzer man über die Unterschiede und Besonderheiten der Shoppingtempel fragt: Ihr Objekt ist im Vergleich zur Konkurrenz immer „elitär“ und voll von „exklusiven Marken“. In Wirklichkeit sind es überall dieselben Markenklamotten, nur die Läden sind unterschiedlich positioniert.

Im Shoppingzentrum auf der Nemigastraße, im Herzen von Minsk, gibt es sogar Läden, die große Ähnlichkeit mit Kleidermärkten aus längst vergangenen Zeiten erinnern. Mir fällt dazu der von Israel Zangwill ins Leben gerufene Begriff „melting pot“ ein, während ich durch das Einkaufszentrum schlendere.

Das Objekt „Shoppingmall“ verändert den Bezirk immer sehr, in dem es steht. Schießt solch ein Ding mit 1000 Quadratmetern an einer U-Bahn-Endhaltestelle aus dem Boden hervor, verschlingt es unersättlich alle kleinen Läden oder stampft sie ganz in den Asphalt. Wenn früher Omas Gemüse und Blumen aus Schrebergärten in Übergängen oder an U-Bahn Haltestellen verkauften, so findet man sie jetzt, wenn überhaupt, in der Nähe des Einkaufstempels. Auch der Einzelhandel verschwindet, wenn der Gigant in der Nähe auftaucht. Egal ob Kinderladen oder Obsthändler. Eine der Stadtlegenden besagt, dass Kleinunternehmen pleitegehen, weil der Großhandel aktive Lobbyarbeit bei den städtischen Behörden betreibt. Diese Theorie kann aber weder belegt, noch wirklich bestritten werden. Bevor wir uns in der Streitfrage vergraben, steigen wir also lieber an der Metrohaltestelle „Mogiljewaskaja“ aus.

Rentnerzeit


Samstagmorgen, 8:46. In nur 15 Minuten werden sich die Türen des Einkaufszentrums öffnen. Der Parkplatz ist genauso leer wie die Straßen drum herum. Es arbeitet nur die Lebensmittelabteilung. Alle anderen Läden machen erst um Punkt 10 Uhr auf. Leise spielt Dancemusik aus den Lautsprechern und die große Eingangstür aus Glas wippt im Takt hin und her. Eine Putzfrau wischt tüchtig den Boden in der Eingangshalle. Sobald man das Einkaufszentrum betreten hat, sieht man Wachmänner, deren Uniform an das Outfit eines Officemanagers erinnert. Angenehmer Kaffeeduft strömt einem entgegen, er kommt von der „Kaffeeinsel“. Doch außer dem Personal ist dort noch niemand. In den ersten Arbeitsstunden des Tempels ist es leer.

Die erste Besucherwelle sind Rentner. In den Morgenstunden genießen sie nämlich den Rentnerrabatt. Jeder von ihnen macht hier ein und dieselbe Route. Man fängt mit der Lebensmittelabteilung an, nimmt nur das Nötigste, dann geht es weiter in die Apotheke. Klamottengeschäfte, Juwelierläden und Foodcourts bleiben links liegen.

Innerer Totalitarismus


Zur Mittagszeit fangen die Securitys an großes Interesse an mir, dem einsamen Besucher, der in keinen einzigen Laden geht, zu zeigen.
„Guten Tag. Ist alles in Ordnung? Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“, will der Wachmann aufdringlich wissen.
„Guten Tag, alles super, ich brauche nichts, danke. Warum fragen Sie?“, ist meine höfliche Antwort.

Aus dem kurzen Dialog wird mir klar, dass mich das Überwachungssystem als „auffälliges Objekt“ herausgefiltert hat. Ein Einkaufszentrum ist ein lokales, totalitäres System, in dem deine Motivation den hier gesetzten Standards entsprechen muss.

Dance-Flashmob, Werbung und Kostprobe


Um 12:00 wird es plötzlich lebhaft. Musik überflutet alle Flure, sportliche junge Frauen tauchen wie aus dem Nichts auf und fangen an zu tanzen. Aufgrund der schlechten Akustik ist der Name der Tanzschule nicht zu verstehen. Die Show ist der Auftakt einer Promoaktion. Nach fünf Minuten löst ein Moderator die jungen Tänzerinnen ab und verkündet ein „Gewinnspiel mit Preisen“. Alle Anwesenden werden dazu eingeladen daran teilzunehmen, doch die meisten Besucher verschwinden so schnell sie können aus seinem Blickfeld.

Als der Moderator an mir vorbeiläuft, flüstert er mit flehendem Gesichtsausdruck:
„Hilf mir bitte, ok?“

Mir bleibt nichts übrig, als mitzumachen. Er stellt mir eine absolut blöde Frage: Aus welchem Rohstoff Shampoo hergestellt wird. Er zeigt mir auf die richtige Antwort und zwinkert mir zu. Ich lese die Antwort vor und eine Frau in einem roten Kleid notiert meine Handynummer und schenkt mir die Beautycard einer Parfümerie.

Währenddessen haben die ersten Feinkostläden aufgemacht, bei denen man auch mal was probieren kann. Hier ist was los. Es gibt zwar keine Prügeleien, aber man merkt, dass jeder Anwesende versucht möglichst viel zu essen und mitzunehmen.

***

Außer einsamen Schlendrianen, wie ich es bin, rufen auch Schüler eine besondere Aufmerksamkeit des Sicherheitsdienstes hervor. Man erkennt sie sofort — Teenager in Kapuzenpullis, die nach der Schule in die Shoppingmall strömen. Am Nachmittag sind es gleich mehrere Gruppen. Sie nippen an großen Limoflaschen und chillen auf den „Ruheinseln“ mit Bänken. Ab und an fängt dann auch jemand an, Quatsch zu machen. Der Basketball wir herausgeholt oder die Wasserpistole gezückt. Dann kommen die Wachmänner und der Störenfried muss das Haus verlassen. Argumente wie: „Das ist doch nur für meinen Videoblog“, helfen in der Regel gar nicht. In solchen Fällen zieht dann die ganze Truppe ab und verlässt das Einkaufszentrum.
„Wir hängen hier einfach ab, lernen andere Leute kennen“, sagt einer der Jungs, nicht älter als 15.
„Was fehlt euch hier denn, um wirklich Spaß zu haben?“
„Ein Sportplatz, um Ball zu spielen. Und ein bisschen weniger Securitys. Sonst ist hier alles super!“, antwortet der Jugendliche.
Bald darauf ziehen sie wie auf Kommando weiter, in das andere Ende der Halle.

Shopping Primetime


18:00 Uhr. Die Primetime und Rush Hour des Einkaufens. Das Abendmenü mit anderer Preisliste als am Mittag liegt auf den Tischen der Gastronomieinsel.

Die Besucher der Foodcourts kommen nicht für einen Snack, sondern wollen meist richtig essen. Schülergruppen vermischen sich mit Familien. Die Schüler sind zum Feiern hier, während Familien sich nach einem Einkaufsmarathon in Ruhe entspannen wollen.

Lauter als die tollwütige Jugend sind im Übrigen die Promoter.

Um einen Parkplatz zu finden, muss man ganz schön lange herumkurven. Die Securitys achten nicht mehr auf einsame Wölfe, sondern auf Taschendiebe und Shoplifter. Nach 18:00 Uhr fängt ihre aktive Arbeitsphase an. Shoplifter unterscheiden sich von normalen Dieben durch ihre nicht ganz eindeutige Ideologie. Vertreter dieser halb-kriminellen Subkultur sind der Meinung, dass die Preise in Läden zu stark hochgeschraubt werden und der Verlust durch die geklaute Ware in Wirklichkeit schon in ihrem Preis enthalten ist. Deswegen gilt es in ihrer Welt als hochachtungsvoll in Einkaufszentren zu klauen. Sie bezeichnen sich sogar als die Robin Hoods der modernen Gesellschaft. Alles was sie klauen, fotografieren sie und posten es in einer Spezialgruppe in sozialen Netzwerken, wodurch ihr Ansehen in der Community steigt. Die, die erwischt und (in den seltensten Fällen) der Polizei übergeben werden oder eine Geldstrafe zahlen müssen, stehen in der Shoplifter-Hierarchie ganz oben.
© Andrej Ditschenko

Andrej Ditschenko


Andrej Ditschenko (1988 in Kaliningrad geboren) ist ein weißrussischer russischsprachiger Schriftsteller und Journalist. Er studierte Geschichte an der Staatlichen Weißrussischen Max-Tank-Pädagogikuniversität. Er ist Autor der Bücher „Platten und Lücken“, „Du – mich“ und „Sonnenmensch“. Die künstlerischen Texte des Autors sind Teil des Pflichtprogramms des Literaturkurses mit Schwerpunkt Osteuropa des Swarthmore College (Swarthmore, Pennsylvania, USA). Er hat als Redakteur des weißrussischen Magazins „Ja“ („Ich“) gearbeitet, war stellvertretender Redaktionsleiter der Zeitung „Znamja Junosti“ („Fahnen der Jugend“), Journalist des weißrussischen Magazins „Bolshoj“ („Groß“) und weiterer weißrussischer Medien.

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