Ich nehm zwei


Götter und Engel des georgischen Theaters

© Petre Otskheli Ein Theaterkritiker hat mich einmal gefragt, welche Assoziationen bei mir georgisches Theater hervorruft. Ich antwortete: "Es ist wie ein alter, sowjetischer Kleiderschrank, vollgestopft mit von Motten zerfressenen Kleidern, die nach Mottenspray mit einem Hauch von Lavendel riechen."

Spiegel


Theater erinnert mich in gewisser Weise an einen Spiegel, es zeigt uns die Realität und wir schätzen es für seine grenzenlosen Möglichkeiten. In Georgien (und nicht nur hier) haben wir die Tradition, dass Spiegel im Haus eines gerade Verstorbenen mit schwarzem Stoff zugehängt werden. Kehrt man zur weiter oben genannten Parallele zurück, so ist modernes georgisches Theater genau so ein zugehängter Spiegel. Theater ist an sich eine komplizierte, vielschichtige Erscheinung, man muss es zu verstehen wissen. Es kann uns in gleichem Maße mit Illusionen füttern, aber auch gleichgültig und knallhart unser wahres Spiegelbild zeigen. Ein unheimliches Ding.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion erwachten die georgischen Kulturschaffenden plötzlich und stellten fest, dass die Zensoren — all diese fleißigen Männer mit schwarzen Aktentaschen — verschwunden waren. Und was sollte nun ein georgischer Künstler tun? Natürlich ist er selbst zum Zensor geworden. Erinnern Sie sich an die drei japanischen Affen, die Augen, Ohren und Mund zuhalten? Genau so sitzt der zeitgenössische georgische Kulturschaffende herum: "Er sieht das Böse nicht, hat noch nie davon gehört und sagt nichts darüber." Gleichzeitig wird er selbst zum Bösen, wird zum Mittäter grauenvoller Dinge, die um ihn herum passieren. Dabei könnte er doch beobachten, aufdecken, der Öffentlichkeit die Wahrheit zeigen, laut darüber sprechen und damit dagegen halten.

Wie dem auch sei, der georgische Künstler fand, durch die Ruinen der Sowjetunion spazierend, dann doch noch Verbündete auf dem Zensurfeld. Die Theatervorführung muss erst von einflussreichen Mitgliedern der Gesellschaft getestet werden, von der religiösen Gemeinschaft, von Staatsbeamten — so, wie es schon im altgriechischen Athen Sitte war. Erst nach diesem Urteil wird entschieden, ob auch der durchschnittliche Zuschauer das Stück sehen darf. Im heutigen Georgien sind die Komödien von Aristophanes nicht verboten (so, wie es in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts in den USA und Nazideutschland der Fall war), trotzdem wird die ohnehin nicht gerade einfache Lage noch komplizierter. Zensur wird unsichtbar und um sie zu bekämpfen, muss sie der Künstler erst erkennen. Der Kampf mit dem unsichtbaren Feind sieht eher aus wie ein Herumfuchteln mit dem Schwert in einem dunklen Zimmer.

Die krankhafte Liebe der Zensur kann man verstehen, denn georgische Künstler waren (und sind) sehr lange ein Teil des Systems gewesen. So eines Systems, in dem Nikita Chruschtschow nach einer ihn nicht zufriedenstellenden Ausstellungsbesichtigung die Künstler dazu aufrief "normale Bilder" zu malen. Das moderne georgische Theater, so wie im Übrigen auch der ganze Kulturbereich, ist im Grunde genommen reaktionär. Es dient nicht der Warnung oder der Verhinderung, es spiegelt auch nichts Aktuelles wider und zeigt keine Reaktion auf gegenwärtige Ereignisse.

Götter und Engel


© Petre Otskheli Das moderne georgische Theater wird oft von Kritikern und Zuschauern (und vor allem Theatermanagern) folgendermaßen wahrgenommen: Es hat Götter und es hat Engel. Götter haben ihre Mission erfüllt, denn vor vielen Jahren haben sie ihre göttlichen Komödien und Tragödien inszeniert und sind seit dem unantastbar, sind auf den Olymp emporgestiegen und beobachten von da aus das Treiben. Die Engel sind eine Kaste, die junge Regisseure vereint. Sie sind ehrlicher als ihre "Väter", sie haben Fragen, die sie selbst als "kindisch" bezeichnen, sie arbeiten viel und machen auch schon mal Fehler. Engel, die immer noch auf der Bühne mit Holzwürfeln und Plastiksoldaten spielen, machen experimentelles Theater. Experimente sind wunderbar, aber nicht das, was Göttern zuspricht. © Petre Otskheli Götter haben die Erde (Bühne) und die Sprache (Ästhetik) erschaffen, aber vergessen, dass jedes Geschöpf Gottes mit der Zeit eine Wiederbelebung braucht, dass die Erde trocken und rissig wird und die Sprache sich verbraucht. Die Szenografie des georgischen Theaters lebt immer noch im XIX. Jahrhundert. Die Sprache der Vergangenheit erklingt in Aufführungen der Gegenwart. Und das ist der Grund, warum das Theater sich vom Zuschauer entfernt hat und umgekehrt. Das moderne Publikum will, dass von der Bühne aus mit ihm auf seiner zeitgenössischen Sprache kommuniziert wird. Ein Kartenverkäufer aus der Theaterkasse wird wohl kaum Karten für altes, nicht mehr gültiges Geld verkaufen. Warum muss sich dann der Zuschauer mit einer faktisch toten Sprache abgeben? Es ist seltsam, dass dies in Georgien passiert, einem Land, in dem man eigentlich wissen müsste, dass Sprache Kultur beschützt, erhält und entwickelt. Mit eben der Sprache, mit der das Publikum vom Regisseur erzogen wird. Hitchcock war der Meinung, dass Voyeurismus die "Krankheit des Films" ist. De facto ist diese Krankheit auch die des Theaters, eine Epidemie, die auch den Zuschauer schon befallen hat.

Im modernen Theater der Kapitalismusepoche genießt das bourgeoise Publikum die eigenen Privilegien bereits im Vorfeld der Aufführung. In den weichen Sesseln gemütlich zurückgelehnt, mit angenehmer Hintergrundmusik und gedämpftem Licht beobachtet dieser Zuschauer das Leben, Ziele und Wunschvorstellungen anderer, leidet mit ihnen, lauscht ihren Gesprächen.

Dämonen


Als 2016 nach langer Renovierung das staatliche Opern- und Balletttheater in Tiflis endlich wieder eröffnete, erzählte die künstlerische Leitung in einem Interview, dass nur Berühmtheiten, Leute, "die es verdient haben", zur Eröffnungsfeier eingeladen zu werden. © Petre Otskheli Diese Eröffnung wurde zu einem sehr genauen Spiegelbild des Zustands des modernen georgischen Theaters: Lächelnde, selbstzufriedene, vom Umfeld beschwipste, teuer angezogene Menschen in Fracks und Pelzen wie aus der Abschlussszene aus "8 1/2" von Fellini. Einmal im Theater angekommen, verriegeln sie die Tür, damit sich ja keine "einfachen Bürger" mit ihren einfachen Leben hereinschleichen können.

Die Stimme des jungen Schauspielers ist in diesem Wirbel aus Begierde und Unsittlichkeit kaum zu hören, er ist wie ein stockender Atem, er passt nicht zu den modischen Trends und ist zu schwach um "the wind of change" werden zu können. Der Grund dafür ist der anspruchsvolle Zuschauer in Pelzmänteln, er braucht keine Angst zu haben, denn niemand wird auf die Bühne voller Theater-Fast-Food steigen und sagen: "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage." © Petre Otskheli Aber kehrt man zur Sprache als Waffe zurück und versucht sich zu erinnern, wie alles begann, so weiß man, dass es Zweifel waren, die am Anfang standen. Wie so oft in der Kunst:

"Es begann alles mit dem Verdacht (allem Anschein nach, einem übertriebenen), dass Götter nicht sprechen könnten. Jahrhunderte eines wilden Nomadenlebens haben alles Menschliche in ihnen zerstört; der muslimische Halbmond und das römische Kreuz kannten zu den Vertriebenen kein Erbarmen. Abgestumpfte Stirn, gelbe Zähne, dünne Schnurrbärte von Dunkelhäutigen oder Chinesen und die gerissenen Lippen der Tiere sprachen von der Verarmung der olympischen Rasse. Ihre Kleidung wurde nicht mit schüchterner, ehrlicher Armut gestrickt und erinnerte eher an eine verblichene Eleganz von Spielhallen und Puffs. Das Knopfloch blutete mit einer Nelke, unter dem eng anliegenden Sakko erahnte man den Umriss eines Messergriffs. Und da verstanden wir, dass ihre letzte Karte gespielt wird, dass sie listig, blind und grausam sind, wie umstellte Raubtiere und, sollten wir Angst oder Schwäche zeigen, sie uns vernichten werden. Dann werden wir unsere schweren Revolver herausziehen (auf einmal tauchen sie im Traum von irgendwoher auf) und die Götter mit Genugtuung erschießen."*

* Auszug aus dem Werk von Jorge Luis Borges' "Ragnarök"
© Guram Matskhonashvili

Guram Matskhonashvili


Guram Matskhonashvili ist ein Theaterregisseur und Dramatiker aus Tiflis, Georgien.

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