Ich nehm zwei


Der Wert der Dinge

Ich saß gerade im Büro und tat wie immer sehr beschäftigt, als ich im Internet auf ein sehr interessantes Katzenvideo stieß. Darin zerfetzte einer dieser gierigen Vierbeiner einen 20-Euro-Schein und sah dabei — zugegebenermaßen — ziemlich niedlich aus, aber ich fragte mich doch, ob diese Show das Geld wert sei. Immerhin müsste ich für einen solchen Betrag fast zwei Stunden arbeiten. Hieße das umgekehrt auch, dass zwei Stunden meines Lebens nicht mehr wert sind als ein Stück buntes Papier, das von einer süßen Katze zerkleinert wird? Der Gedanke erschreckte mich ein wenig und ich beschloss, all die Video- und Social-Media-Portale auf meinem Desktop zu minimieren, ein seriös aussehendes Dokument zu öffnen und eine Zigarettenpause zu machen, um über den eigentlichen Wert des Geldes nachzudenken.

Als ich gerade das Büro verließ, um vor der Tür zu rauchen, fiel mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Werbebanner ins Auge, auf dem ein leicht dümmlich, aber immerhin zufrieden aussehender junger Mann, ein Flugzeug und der etwas zu bunte Schriftzug "Superschnäppchen: Frankfurt — Barcelona ab € 19,99" zu sehen war. Ob die Person, die die Ruhe hatte, den 20-Euro-Schein dem Kätzchen zu opfern, auch dieses Werbeplakat gelesen hatte? Nach Abzug der Flugkosten für einen tollen Urlaub wäre sogar noch ein Cent übrig geblieben und wer weiß — vielleicht wäre mit dem Kupferstück ja noch ein viel lustigeres Video entstanden. Ich schrieb mir auf meinen Notizzettel "Katzenvideo mit Flugpreisen kommentieren", dann öffnete ich meine Zigarettenschachtel und nahm mir die vorletzte Zigarette daraus. Aber vielleicht, dachte ich und sah dabei auf die gefälschte Markenuhr an meinem Handgelenk, hat der Urheber dieses Katzenvideos auch andere Vergleiche gezogen: Hätte ich zum Beispiel den Fehler gemacht, mir das Original dieser Uhr statt der Fälschung zu kaufen, hätte man davon mindestens tausend dieser 20 Euro teuren Katzenvideos drehen können - und das wäre sicherlich mehr Spaß als so ein Gerät, dass einem sowieso bloß immer wieder sagt, dass man zu wenig Zeit hat. Und Zeit, schoss es mir durch den Kopf, als ich die Zigarette anzündete, Zeit könnte man ohnehin viel mehr haben, wenn man auf so unnötige Investitionen wie Uhren oder Katzenvideos verzichten würde..

© Albert Feierabend


In Deutschland betrug im Jahr 2017 der Mindestlohn pro Stunde 8,84 Euro. Einerseits ist es natürlich nett, dass irgendwelche Politiker, die mich gar nicht kennen und auch nicht wissen, dass ich mir in meiner Arbeitszeit nur lustige Kätzchen angucke, sich dafür einsetzen, dass ich nicht weniger als einen bestimmten Betrag pro Stunde bekommen darf. Andererseits frage ich mich, wie sie genau diesen Betrag von 8,84 errechnet haben. Vielleicht hat einer dieser Politiker mal einen Fettfleck von seiner originalen — nicht gefälschten — Uhr geputzt und sich dabei in seinem Idealismus gedacht, dass jeder Mensch nach einem Jahr ehrlicher Arbeit sich so eine Uhr leisten können sollte. Und vielleicht hat diese Uhr zufällig 12.906,40 Euro gekostet und er hat diesen Betrag dann durch 365 Tage, dann noch einmal durch acht Stunden gerechnet und ihn am Ende verdoppelt, weil das halbe Gehalt ja sowieso als Steuern an den Staat geht.

Wahrscheinlich habe ich eine zu schlechte Meinung von den Politikern. Es könnte ja genauso gut sein, dass man sich überlegt hat, dass man sich für alle drei Stunden Arbeit einen Flug nach Barcelona und, als Bonus sozusagen, noch eine Schachtel Zigaretten für fünf Euro leisten können sollte. Das klingt schon viel positiver. Und überhaupt: Eigentlich sind 8,84 Euro ja gar nicht schlecht. Man kann sich davon mehr als genug Essen für den ganzen Tag leisten, man kann ins Kino gehen oder man kann sich auch einen Kasten billiges Bier kaufen und sich getrost betrinken. Irgendwie, dachte ich mir, als ich schließlich meine Zigarette ausdrückte und zurück ins Büro ging, ist es absurd, dass man von dem Geld für nur eine Uhr hunderte Male betrunken und vollgefressen ins Kino gehen kann. Ebenfalls kann man hundert Mal an die sonnigen Mittelmeerstrände fliegen, wenn man einfach die teuren Markenprodukte in den Regalen der Einkaufszentren lässt. Der Gedanke kam mir wichtig vor und ich schrieb mir auf meinen Notizzettel "schlechtere Kleidung, mehr Urlaub".

© Albert Feierabend


Da ich mich noch nicht so ganz danach fühlte, an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren und mir die Katze dort abermals anzugucken, kochte ich mir erst einmal einen Kaffee. Und wieso auch nicht? Schließlich gilt ja auch das als Arbeitszeit und die Bezahlung bleibt die gleiche. Da fiel mir auf, dass das Geldproblem, über das ich die ganze Zeit nachgedacht hatte, noch einen anderen, vielleicht viel wichtigeren Aspekt hatte: Warum werden die Menschen so unterschiedlich bezahlt? Soll das etwa bedeuten, dass die Zeit einiger Leute weniger wert ist als die anderer? Auch das war ein wichtiger Gedanke und in der Angst, ihn zu vergessen, notierte ich mir auf meinen Zettel: "eine Gehaltserhöhung verlangen". Aber mir war klar, dass mit diesem einen Satz das Problem nicht gelöst war. Eine Zigarette vielleicht noch, um weiter darüber nachzudenken, dachte ich mir, dann würde ich weiterarbeiten. Also nahm ich den Kaffee und ging abermals rauchen.

© Albert Feierabend


Ich bin mir bewusst, dass ich nicht die fleißigste Arbeitskraft im Büro bin. Deswegen ist es eigentlich unfair, dass einige Kollegen, die viel mehr für unser Unternehmen tun, dasselbe Gehalt bekommen. Und wenn ich meine heile Welt des deutschen Mindestlohns verlasse, gibt es sogar Menschen, die an einem Tag weniger verdienen als ich in einer Stunde. Gleichzeitig gibt es auch solche, die noch weniger arbeiten als ich, aber damit viel mehr verdienen. Einige lassen ihr Geld einfach auf ihrem Konto und bekommen Zinsen, gegen die mein Gehalt ein Witz ist. Wie ist das überhaupt zu rechtfertigen? Dass die Zeit der einen einfach mehr wert ist als die der anderen, kann natürlich keine ernst zu nehmende Erklärung sein. Ein Bekannter hatte mal erzählt, dass eben die Leute, die die besseren Fähigkeiten haben, besser bezahlt werden. Aber das musste Unfug sein, denn warum sollten gerade die Leute, die sich die teuren Uhren kaufen statt der günstigen Reisen ans Mittelmeer, wo man dieselben Uhren für einen Bruchteil des Preises kriegt, in irgendeiner Weise mehr Fähigkeiten haben? Mir kam die ganze Umrechnung von Zeit in Geld und von Geld in Waren völlig absurd und willkürlich vor.

Meine letzte Zigarette war fast aufgeraucht. Für den Preis einer neuen Schachtel muss ich etwa eine halbe Stunde arbeiten, beziehungsweise eine halbe Stunde meiner Lebenszeit opfern. Das heißt, ich muss für jede Zigarette etwa anderthalb Minuten arbeiten. Andererseits brauche ich etwa fünf Minuten zum Rauchen, in denen ich Zeit für mich, anstatt für meine Arbeit habe; das macht ein Plus von dreieinhalb Minuten. Gut, man sagt auch, dass man durch jede Zigarette drei Minuten früher stirbt, aber dann bleiben immer noch 30 Sekunden, die sie eigentlich mein Leben verlängert.

In diesem Moment kam meine Chefin raus und fing ebenfalls an zu rauchen. Mir fiel ein, dass sie mindestens doppelt so viel wie ich verdient. Ihr Leben wird sozusagen mit jeder Zigarette um eine ganze Minute verlängert.
„Ich empfehle Ihnen, mehr zu rauchen.“, sagte ich.
„Und ich empfehle Ihnen, weniger zu trinken.“, war ihre überraschende Antwort.
Ich wollte gerade anfangen, meinen Gedankengang zu erklären, da hielt sie mir meinen Notizzettel entgegen, den ich offenbar bei der Kaffeemaschine vergessen hatte. „Ist das Ihrer?“
Ich las meine Notizen: "Katzenvideo mit Flugpreisen kommentieren", "schlechtere Kleidung, mehr Urlaub", "eine Gehaltserhöhung verlangen". Dann antwortete ich kurz mit „ja“ und entschloss mich, doch lieber nichts zu erklären und an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren.

Als ich dort ankam, hatte ich das Gefühl, etwas an meinem Leben und an meinem Verhältnis zu Zeit und zu Geld ändern zu müssen. Aber plötzlich tauchte wieder diese lustige Katze auf meinem Desktop auf und mit dem leichten Verdacht, die richtigen Gedanken in den falschen Momenten abzubrechen, klickte ich auf die nächste Katze, die es tatsächlich schaffte, selbstständig eine Tür zu öffnen und hindurchzugehen.
© Albert Feierabend

Albert Feierabend


Albert Feierabend wurde 1993 in Norddeutschland geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach einem einjährigen Freiwilligendienst in Uganda und einigen weiteren Auslandsaufenthalten begann er in Kiel die Fächer Geschichte und Germanistik zu studieren. Neben seinem Interesse für Kulturen, Sprachen und Menschen schreibt er gerne Texte und lässt sich dabei von seinen Erlebnissen und Erfahrungen inspirieren.

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