Medien


Zweifle lerne frage

 ©  Dmitry Ligay — Lass uns für den Anfang die Definition von «Fake» klären: was genau soll man drunter verstehen?

«Fake» ist die Antithese zu Faktum. Im Grunde ein nicht existierendes Element oder Ereignis oder ein Ereignis, was unkenntlich gemacht und auf den Kopf gestellt wurde. In meiner Klassifizierung gibt es zwei Fake-Arten: Fake-Fehler und Fake-Betrug.

Ein Fake-Fehler ist eine «misinformation»: ohne böse Absichten und nicht als Manipulationsinstrument in die Welt gesetzt. Diese Fake-Art ist passiv, versucht sich nicht bei Entlarvung zu verteidigen und wird vom sogenannten Redaktionsfilter meist abgefangen. Fake-Betrug bedeutet «disinformation»: Eine absichtlich in die Welt gesetzte Lüge, die als Manipulationsinstrument dient. Diese Fake-Art ist proaktiv, aggressiv und man wird mit allen Mitteln versuchen eine Entlarvung dieser Lüge zu verhindern. Europäische Journalisten benutzen übrigens eher das Wort «Desinformation» und nicht «Fake». In der Wissenschaft verwendet man den neutralen Begriff «Faktoid».

— Fake-News sind also nicht existente Nachrichten?

Ja genau. Ich meide bewertende Wörter wie «Lüge» oder «Betrug» - da will ich nicht wie Donald Trump sein. Übrigens, er versteht unter «Fake-News» das Produkt der Medien, die er persönlich nicht mag. Ilon Mask hat mit seinem Projekt «Pravda» auch seinen Senf zum Thema abgegeben. Sein Hintergedanke: Über mich und meine Projekte wird das geschrieben, was mir gefällt, also mache ich eine Plattform, mit deren Hilfe Nachrichten verifiziert werden können. Ich persönlich glaube nicht an das Modell des gesellschaftlichen Faktencheckings. Das kann nur klappen, wenn man erfahrene und angesehene Experten mit ins Boot nimmt. Im schlechtesten Fall bekommen wir als Ergebnis nämlich so eine Post-Pravda: Mask-Hater und Mask-Fans schlagen sich die Köpfe darüber ein, wessen Weltbild nun das bessere ist. Denn das Hauptprinzip einer Post-Pravda (Post-Wahrheit) ist die Verteidigung der eignen Ansichten, und nicht der Wunsch nach Objektivität. Nach dem Motto: Fakten sind egal, wenn man recht hat.

— Warum können sich Fakes so schnell in das Bewusstsein der Menschen einnisten, gibt es einen psychologischen Grund dafür?

Ein wichtiges Thema ist die menschliche Wahrnehmung. Wahrscheinlich haben alle schonmal etwas über filter bubbles und echo chamber gehört. Diese Phänomene haben mit mentalen Verzerrungen und selektiver Wahrnehmung des Menschen zu tun. Wir hören nur das, was wir hören wollen. Und wenn Menschen früher Informationen analysiert haben und lernten Meinungsvielfalt zu akzeptieren, so passen sich moderne Algorithmen eher an die Geschmäcker an: Sie «schieben» dem Menschen das zu, was ihm gefällt. Suchmaschinen wie Yandex und Google, soziale Netzwerke und Likes schaffen eine komfortable und konfliktfreie Zone um uns herum. Das ist ein filter bubble. Warum ist das gefährlich? Der Mensch denkt, alle würden weltweit seine Meinung teilen. So entsteht ein echo chamber: Der User bekommt permanent Bestätigung. Forscher diskutieren dieses Problem. Es führt zum Verlust des kritischen Denkens und zum Ignorieren von Alternativstandpunkten. Hier kommen die Medien mit einer wichtigen Mission ins Spiel: Sie müssen ein Umfeld schaffen, was Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Standpunkten vereint.

— Gab es schon immer Fakes?

Dieses Phänomen ist so alt wie die Menschheit. Fake-News wurden geboren, als klar geworden ist, dass Pseudorealität wirtschaftliche Vorteile bringen kann. Früher wurden Fakes nur von Medien kreiert und hatten keine so große Reichweite. Heute ist dank sozialer Netzwerke und Smartphones jeder «Journalist». Die Anzahl an Falschmeldungen und Manipulationen hat also zugenommen und erreicht Massen.

— Womit hängt das Interesse am Thema Fake-News heutzutage zusammen?

Das hängt mit den Ereignissen während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen zusammen. Um Desinformationen herzustellen, braucht man Ressourcen. Und in solch einem Fall haben sie eine utilitaristische Funktion: Sie sollen manipulieren. Politiker, Großunternehmen, der Staat haben solche Ressourcen und erzielen im Falle ihres Sieges große Gewinne. Deswegen sind die effektivsten Fakes auch von diesen Playern.
 ©  Dmitry Ligay — Warum ist es so schwierig, Desinformationen zu identifizieren?

Fakemaker wollen nicht entlarvt werden, deswegen ist es sehr schwer (oder sogar unmöglich) in Zeiten des Informationskrieges, ein qualitatives und objektives Faktenchecking zu machen. Warum? Wenn Politik und Großkonzerne im Spiel sind, geht es um zu viel, als das man scheitern dürfte.

Die Gesellschaft, also die Bürger selbst, sind nicht an Fakes interessiert: Sie verzerren Realität, alles wird irrelevant und das führt zu Geld und Zeitverlust und bereitet Kopfschmerzen. Doch irgendjemand reibt sich in dieser Zeit die Hände und bekommt Profit.

Deswegen sind Fakes unbesiegbar: Wenn sie wirtschaftlich gesehen relevant sind werden sie ohne Rücksicht auf Moral und Ethik produziert.

— Wenn man also nichts dagegen tun kann, bringt es dann gegen sie anzukämpfen?

Kämpfen ja, aber nicht mit allen. Die schlechte Nachricht: Alle Fakes kann man nicht abfangen. Alles könnte bei genauerem Hinsehen ein ideologisches Konstrukt sein. Damit muss man sich abfinden.

Die gute Nachricht: Wir können «ökologisch saubere Inseln» erschaffen, fakefreie Zonen. Das ist die Hauptaufgabe der Medien heute: von Bloggern bis zu Verlagshäusern. Welche Medien kann man als solche Inseln bezeichnen? Nur die, die Fakten überprüfen, verantwortungsvoll mit Informationen und ihrer Wahrhaftigkeit umgehen und gewissenhaft ihre Quellen checken. Das ist teil des Vertrags mit dem Leser: Ihr vertraut uns, schenkt uns eure Aufmerksamkeit/Geld. Als Gegenzug prüfen wir Informationen und tragen dazu bei ein gesundes, moralisches Weltbild in der Gesellschaft zu verankern.

— Gibt es heute schon solche Inseln?

Beim Internetmagazin «Meduza» gibt es Fakten-Prüfer und das System «Ampel»: Die Nachrichten werden je nach Glaubwürdigkeit markiert: Grün — glaubwürdig (das Image der Plattform ist die Garantie), gelb — bedenklich (es gibt Fakten, aber vieles ist verschwommen), rot — auffällige Meldung, aber unklar, ob sie der Wahrheit entspricht. Das System «Ampel» gibt die Möglichkeit Balance zu halten zwischen schnellen und glaubwürdigen Informationen, bringt aber auch Verantwortung mit sich: Man muss auch bedenkliche Meldungen zu einem logischen Schluss bringen.

— Unter Journalisten und Beamten kursiert die Meinung, man müsse Fake-Quoten für Medien einführen und einen Ausschuss zur Begutachtung von Fake-Storys gründen. Was denkst du darüber?

Man sollte definitiv wichtige Fälle kritisch an die Öffentlichkeit bringen, sie auseinandernehmen und die zerstörerische Wirkung solch einer Desinformation aufzeigen. Aber ich denke auch, diese Maßnahme könnte zu einem politischen Instrument und Machtspiel werden.

— Was ist dein Lieblingsbeispiel für Fake-News?

Diese absolut unglaubliche Geschichte über den angeblichen Mord des Journalisten Arkadij Babtschenko in Kiew. Der Geheimdienst benutzt oft Provokationen als Instrument seiner geheimen Operationen. Noch nie war aber die Reaktion der Medien und der sozialen Netzwerke auf dieses Ereignis so unglaublich, wie in diesem Fall. Sehr enttäuscht waren dann nach Auflösung des Spektakels diejenigen, die ehrliche Worte des Beileids und Nachrufe geschrieben hatten.

Das war ein globaler, Super-Medienfake mit darauffolgender Selbstenthüllung. Und die Folgen dieses Fakes werden sich noch bemerkbar machen.

— Wie entwickelt sich der Trend bei Fake-News, was könnte die Zukunft bringen?

Fakes werden sich nicht in Luft auflösen, man muss also gegen sie immun werden. Professionelle Mediatoren, Journalisten und Medien sollten lernen mit diesem Material zu arbeiten. Man muss sie neutralisieren können, ein sauberes Informationsumfeld erschaffen und diese fakefreien Zonen hüten, damit sie nicht von Desinformationen überflutet werden. Zu Hause schmeißen wir ja auch nicht mit Müll um uns und lassen keine Fremden in unser wohlbehütetes Heim.

— Sprechen wir mal übers Faktenchecking: Nachwuchsjournalisten hämmert man ein, dass Fakten geprüft und Ereignisse und Situationen von allen Seiten beleuchtet werden müssen. Der Leser muss sich selbst eine Meinung bilden, er darf nicht beeinflusst werden. Funktioniert das im realen Leben?

Das funktioniert schon, aber bei einem vorbereiteten Publikum. Nur «schluckt» man heutzutage ja alles, was man vorgeschoben bekommt und das ist ein Problem. Für mehr qualitativen Journalismus muss es in ihm auch Bedarf geben. Mit jedem Tag wächst zum Glück die Nachfrage. Also, ich bin beruhigt, was die Zukunft des Journalismus angeht.
 ©  Dmitry Ligay — Was sind die Hauptgrundsätze des Faktencheckings?

Das Hauptziel ist die Entwicklung des kritischen Denkens. Um im russischen Gefängnis zu überleben, muss man ja bekanntlich drei Dinge befolgen: Glaube nichts, habe keine Angst und bitte um nichts! Um in einer Welt voller toxischer Fakes zu überleben, gilt: Glaube nichts, sei gewappnet und frage nach!

Glaube nichts — das ist die kritische Einstellung zu allem, was nicht bewiesen worden ist. Das ist ein durchaus wissenschaftliches Prinzip: Wenn es keine glaubhafte Bestätigung gibt, also keine weiterführenden Links auf verifizierte und vertrauenswürdige Quellen, kann man dem Inhalt nicht trauen.

Sei gewappnet - du musst wissen, welche Medien Fake-News veröffentlichen. Analysiere schon bekannte Fälle! Die gute Nachricht: Im Großen und Ganzen funktionieren Fake-News nach ein und demselben Schema, werden nur neu verpackt. Mit der Zeit lernt man es, Desinformationen abzufangen. Heutzutage müssen alle über Trolls, Pranker, Fake-News als Satire oder Art-Projekt Bescheid wissen und Mocumentary von Documentary unterscheiden können. Sie wissen nicht,was diese Begriffe bedeuten? Na dann aber los!

Frage — also baue dein Netzwerk aus, knüpfe professionelle Kontakte, besuche Konferenzen, denn nichts schweißt Menschen so zusammen, wie eine gemeinsame positive Erfahrung. Solche Plattformen wie Pressfeed, HackPack und NutCall sind in der Lage die Arbeit eines Journalisten, Experten, PR-Managers um viele Male zu beschleunigen.

Schämt euch nicht dafür, Experten zum Thema zu suchen: Projekte wie TheQuestion, Quora sind dafür da, um Fragen zu beantworten. Allerdings sollte man solche Informationen auch durchleuchten.

— Was kann man zum Thema lesen/gucken?

Vor Kurzem ist ein Projekt erschienen, was genau diesem Thema gewidmet ist und Teil des großen Projekts «Neue Ethik» auf N+1 ist — «Der Allmächtige Fake»

Übers Faktenchecking: «5 sichere Methoden Informationen zu prüfen»

Das Verification Handbook — übersetzt in viele Sprachen, unter anderem Russisch

Ein Projekt zur Verbesserung der Medienbildung: Medianavigator

Daria Aminova


Journalistin, Fotografin, schreibt über Russland, interessiert sich für Deutschland, ist ständig auf der Suche nach interessanten Menschen weltweit

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