Medien


Von den Felszeichnungen bis zum Clickbait

Noch bevor ich aufstehe und frühstücke, lese ich Telegram, dann ein paar Artikel über die Zukunft, den Weltraum und neue Technologien. Die Anzahl der Informationen die ich mal schnell morgens vor dem ersten Kaffee konsumiere, ist höher, als in einem ganzen Monat im Jahr 1656. So ist die moderne Welt: voll von Informationen, manchmal wird einem davon sogar schwindelig. Allerdings haben wir uns diese Spielregeln selbst ausgedacht. Und nun müssen wir also Terabytes an Informationen konsumieren, endlos Newsfeeds lesen, durch unsere Facebookseiten scrallen, in diversen Messengern kommunizieren, und uns mit Menschen beschäftigen, die man offline noch nie gesehen hat.

Das war nicht immer so...

Einst wussten wir nichts vom Leben in einer Großstadt, wussten nichts über Smartphones von Apple und Elektrocars von Ilon Mask. Das Leben selbst war anders — wir schliefen da, wo es gerade passte, wir aßen das, was wir fanden und unsere Lebenserwartung stieg nicht über 30. Hunger, unbekannte Krankheiten, feindliche Volksstämme und Säbelzahntiger — das alles macht das Leben kurz und gefährlich. Zeit floss langsam und die 30 Jahre Leben kamen den Menschen damals verdammt lang vor.

In solch einer Welt bahnten sich Informationen nur langsam ihren Weg. Wollte man eine Geschichte erzählen oder wichtige Neuigkeiten verbreiten, musste man sich persönlich treffen und sich mit jedem einzelnen Stammesbruder unter vier Augen austauschen. Die Höhle mit der Feuerstelle war der Ort, an dem man das Neuste erfuhr und mit Informationen von außen in Berührung kam. Die ganze andere Zeit blieb der Mensch alleine mit sich selbst.

Bevor der Mensch schreiben konnte, hing das Tempo der Informationsverbreitung davon ab, wie schnell er sich bewegte.

Als Menschen anfingen auf Tontafeln zu schreiben und Botschaften auf Höhlenwänden zu hinterlassen, wurde es einfacher Informationen zu verbreiten. Nun musste man sich bei einer großen Jagdankündigung oder dem Todesfall eines Stammesbruders nicht mehr alles merken oder Informationen mündlich weitergeben.

Dann wurde das Rad erfunden, wir bauten Großstädte, erkundeten Neuland, das Meer und den Ozean, führten gegeneinander Kriege. Doch erst als der Buchdruck erfunden wurde, veränderte das für immer die Art und Weise der Informationsverbreitung. Obwohl Bücher anfangs nur für die Elite zugänglich waren und nicht alle lesen konnten, war das eine echte Revolution.

Im Endeffekt wurden Bücher für alle zugänglich, Zeitungen wurden gedruckt, das Radio erfunden, das Fernsehen und schließlich das Internet. Nachrichten konnten immer schneller verbreitet werden und das Informationsvolumen verdoppelte sich alle 18 Monate.

Im Jahr 2003 forschte Hal Varian in der School for Information Management and Systems an der University of California, Berkley und fand heraus, dass in den letzten fünf Jahren die Menschheit mehr Informationen produziert hatte, als in der ganzen Menschheitsgeschichte zuvor. Und das im Jahr 2003! Seitdem ist viel Zeit vergangen, das Internet ist teil unseres Alltags, ohne das wir uns ein Leben kaum noch vorstellen können. Fast alle haben Smartphones, Accounts in sozialen Netzwerken, in denen wir immer mehr Zeit verbringen. Wir hören Musik online, gucken Videos und Filme bei Streamingplattformen 24/7. Das Informationsvolumen steigt.

Die digitale Revolution hat dazu geführt, dass Informationen für alle zugänglich sind — davon konnten unsere Vorfahren nur träumen.

Die zweite Seite der Medaille...

1. Informationen sind für alle zugänglich, aber qualitativer Content ist selten.

Nachrichten, Radio, soziale Netzwerke, Messenger, Werbung — schon während wir morgens zur Arbeit fahren erfahren wir weitaus mehr, als sich Menschen vor ein paar Jahrzehnten vorstellen konnten. So ist die moderne Welt. Wir werden mit so vielen Informationen zugebombt, dass unser Gehirn nicht schafft, alle zu verarbeiten. Um zu finden, was uns wirklich interessiert, müssen wir uns anstrengen.

Früher war das Buch in der Bibliothek nahezu die einzige Informationsquelle. Heute haben wir Milliarden an Quellen. Für jede Suchanfrage gibt uns Google eine Vielzahl an Ergebnissen, Meinungen, Links, Webseiten. Sich auf ein Ergebnis zu konzentrieren ist nicht einfach, vor allem weil Informationen nicht immer der Wahrheit entsprechen.

Ein gutes Beispiel dafür: Nachrichten, die sich auf Gerüchten und nicht auf Fakten basieren. Wie oft waren wir schon Zeugen davon, wie Medien, Blogger und soziale Netzwerke mit Fakten und Daten «gespielt» haben. Das Fazit: Menschen beginnen an etwas zu glauben, was es gar nicht gibt.

Heute können wir Wahrheit kaum von Fake unterscheiden


Facebook versucht, dagegen anzukämpfen. Das Unternehmen löscht täglich Millionen von Fakeaccounts, erarbeitet neue Methoden um Fakes bei Fotos und Videos zu erkennen, arbeitet mit professionellen Journalisten zusammen. Das Ziel ist die Verbreitung von Fakenews zu unterbinden.

2. Infotainment.

Die Informationsflut hat uns überrannt und wir verlernen immer mehr, Informationsmüll von für uns relevanten Infos zu unterscheiden. Entertainmentartikel, lustige Videos mit Kätzchen auf YouTube, ein unendlicher Fotofluss bei Instagram — das alles stört, ist zeitraubend und strapaziert unser Gehirn.

Für die Mehrheit der Menschen ist der Konsum von Informationen eine Art Unterhaltung, die Möglichkeit abzuschalten, nicht mehr.

3. Was war noch mal Konzentration?

Anfang des ХХ. Jahrhunderts hatten Filme ein langsames, gemäßigtes Tempo. Das kam beim Zuschauer gut an, ein Kinobesuch war wie Magie und ein echtes Ereignis. Mit der Zeit langweilte dies den Zuschauer jedoch und Regisseure änderten ihre Taktik beim Schnitt — sie wurden schneller, das Tempo brauchte mehr Dynamik und der Zuschauer war wieder glücklich. Allerdings nur für kurze Zeit, man wollte mehr Tempo, so wurden die Szenen kürzer, die Bilder schneller.

Moderner Film unterscheidet sich von der Klassik. Vergleicht man die Werke von Andrej Tarkovski mit den Blockbustern von Michael Bay, sieht man, dass die Filme des Ersten wesentlich langsamer sind als die des Zweiten. Bei Blockbustern ist die Handlung maximal verdichtet, wenn man kurz nicht aufpasst, verliert man den Faden. Die Durchschnittslänge der Bilder beträgt dabei 2 Sekunden.

Dieser Berg an Informationen hat eine Clip-Culture Generation mit Clip-Thinking geboren: Mehrere Sekunden reichen aus, um zu verstehen, um was es geht. So haben wir mit der Zeit verlernt, uns auf eine Sache zu konzentrieren.

Dies bestätigen viele Forschungen. Beispielsweise hat Microsoft im Jahr 2000 herausgefunden, dass der Mensch seine Konzentration im Schnitt 12 Sekunden lang halten kann. 2015 waren die Werte schon auf 8 Sekunden gesunken. Sogar Goldfische können sich länger konzentrieren.

4. Informationsformate ändern sich ständig

Früher haben wir unseren Vorfahren Nachrichten an die Höhlenwand gekratzt, dann aufs Papier und in Bücher, heute sind es Smartphones und Computer, mit dessen Hilfe Informationen weitergegeben werden. Mit den Technologien verändert sich die Art und Wiese unseres Informationskonsums.

Was ist die Folge?

Die im letzten Jahrhundert bekannten Formate werden durch neue abgelöst. Radio, Printmedien und das Fernsehen verlieren nach und nach ihre Hörer, Zuschauer und Leser. Der User wechselt ins Netz. Wozu braucht man heute noch ein Radio oder einen Fernseher zu Hause, wenn man ein Smartphone besitzt? Wozu sollte man eine Zeitung oder ein Magazin kaufen, wenn man alles online gemütlich vor dem Computer lesen kann?

Und das bringt Veränderungen mit sich. Menschen bevorzugen maximal «bequeme» Informationen: keine langen Artikel mehr, sondern Podcasts und kurze Newsfeeds. Anstatt von langen YouTube-Videos, kurze Instagram-Stories, statt Text — Fotos. Ich denke, in Zukunft werden Informationen kürzer, Formate einfacher.

5. Das Zeitalter des Kurzzeitgedächtnisses

Wir lernen von klein auf, Informationen abzuspeichern, logisch zu denken, zu strukturieren. Ob es die Gutenacht-Geschichten sind oder das Schulbuch: es gibt Anfang, Mitte und Ende. Das ist der Algorithmus.

In der Welt der Erwachsenen ist allerdings nichts strukturiert. Tag für Tag saugen wir immer mehr Informationen auf, die oft aus dem Kontext gerissen sind, weil sie von Kollegen im Fahrstuhl erzählt wurden oder wir sie eben irgendwo aufgeschnappt haben. Unsere Infos sind Fetzen von Geschichten, Gerüchten, Nachrichten. Diese Informationsbruchstücke haben keinen gemeinsamen Nenner, aber unser Gehirn bildet daraus ein einheitliches Puzzle. Das führt mit der Zeit dazu, dass unser Gehirn «müde» wird und aufhört sich irgendetwas zu merken.

Wir konzentrieren uns nur noch auf das Wesentliche, Details gehen völlig unter.

Was bringt uns die Zukunft?

Technologien werden progressiver, der Informationsstrom größer. Wie wir dabei den Strom an Inhalten kontrollieren werden, steht noch in den Sternen. Vielleicht spalten wir uns in zwei große Gruppen: in Befürworter und Gegner neuer Informationsformate. Digitaler Protest versus digitale Junkies.

Egal, wem man sich anschließen wird, man sollte nicht aus den Augen verlieren, was man wirklich will und wozu wir Informationen brauchen. Und nicht vergessen: Eine Überdosis könnte tödlich sein. Ansonsten heißt es, abwarten, was die Zukunft uns bringen wird und Spaß haben.

Rustem Alamanow


Autor des Blogs "Almaty — My First Love", Redakteur, Kolumnist der Magazinen "The Village Kasachstan" und "Esquire.kz".

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