Medien


Sowohl Homer als auch Google: Was tun gegen Fake News?

Fake News: der Begriff des Jahres 2017 laut dem Collins Dictionary.

Wir leben in der ereignisreichen, aber komplizierten Zeit des digitalen Informationsbooms. Jeden Tag gehen wir online und surfen im Internet: Wir chatten in sozialen Netzwerken, gucken Videos, hören Onlinevorlesungen renommierter Universitäten und das bequem auf der Couch sitzend. Die Massive Open Online Courses (MOOC) auf der Webplattform Coursera sind zum Beispiel ungeheuer populär: Onlinekurse, die von den Informatikern der Stanford Universität Andrew Ng und Daphne Koller ins Leben gerufen wurden. Aber auch das russische Projekt "Lektorium" hat einiges zu bieten.

Die wenigsten nutzen analoge Bibliotheken. Wozu auch? Ein Klick und man ist im Informationsuniversum des Internets. Doch das Universum birgt Gefahren: Man kann sich verirren oder auf dreiste Falsifizierungen stoßen. Wie schützt man sich also im gefährlichen Zeitalter der Fake News und behält dabei die Orientierung?

Was sind Fake News?
Fake News sind "falsifizierte Nachrichten", die den Verbraucher manipulieren, um finanzielle oder politische Vorteile zu schaffen oder um Klickzahlen zu erhöhen. Fakes können sowohl Texte als auch Fotos, Videos und Audioaufnahmen sein. Das Thema Fake News ist in aller Munde, aber warum?

Schon in der Antike manipulierte man das Bewusstsein der Menschen. Man erinnere sich zum Beispiel an die Konfrontation zwischen Octavian und Marcus Antonius: Der Kampf der Politiker entflammte nach Caesars Tod, beide hatten gute Chancen seinen Platz einzunehmen. Doch dank einiger gekonnter Falschmeldungen über Marcus Antonius schaffte es Octavian an die Spitze. Er ließ das Testament seines Gegners fälschen und verbreitete den Inhalt: Angeblich wollte Marcus Antonius nach seinem Tod einen Teil des Römischen Reichs an die gemeinsamen Kinder mit Kleopatra vererben. Zu seinem Nachfolger wollte er Ptolemaios Caesarion, den gemeinsamen Sohn von Caesar und Kleopatra, ernennen und laut "Testament" selbst nicht in Rom, sondern in Alexandria bestattet werden. Diese Lügen halfen Octavian nicht nur seinen Gegner außer Gefecht zu setzen. Marcus Antonius beging Selbstmord und Octavian zog gegen Kleopatra in den Krieg.

Auch Historiker haben schon früher dazu geneigt Fakten zu fälschen. Das, was wir heute über die Antike wissen, könnte auch frei erfunden sein. Damals wie heute war Image eins der zentralen Themen. Beispielsweise hat der altgriechische Politiker Solon sich in die Texte von Homer eingemischt, um die Bedeutung Athens für Griechenland zu unterstreichen.

Auch im Mittelalter wurde so einiges getan, um Geld, Immobilien und Macht zu erhalten. 1356 hat Karl IV. das kaiserliche Gesetzbuch die "Goldene Bulle" unterzeichnet, in der die Wahl und Krönung römisch-deutscher Könige und Kaiser durch sieben Kurfürsten geregelt wurde und die ihre Rechte fixierte. Österreich wurde nicht mit eingeschlossen und verlor jeglichen politischen Einfluss. Zwei Jahre später wurde unter der Leitung des österreichischen Herzogs Rudolph IV. ein Sammelband gefälschter Briefe und Verordnungen der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches veröffentlicht - das "Große Privileg", in dem unter anderem exklusive Rechte Österreichs aufgezählt wurden. Mit dem falsifizierten Dokument versuchte Rudolph IV. einerseits den Status seines Fürstentums innerhalb des Imperiums zu erhöhen und es andererseits faktisch unabhängig von Deutschland zu machen.

Falsifizierungen und Manipulationen zugunsten politischer Regime und Machthaber gab es also schon immer. Auch sollte man den banalen Wunsch in den Augen zukünftiger Generationen möglichst vorteilhaft auszusehen, nicht vergessen.

Wir können die vergangenen Lügen unserer Vorfahren zwar nicht mehr überprüfen, aber dafür können wir uns vor den Fakes der Gegenwart schützen.

Weg mit Fakes!
Der Kampf gegen Fake News läuft auf vielen Ebenen. Unter anderem hat Facebook eine neue Funktion eingeführt: User können nun selbst Fakes melden. Solche Benachrichtigungen werden zuerst automatisch überprüft, danach von unabhängigen Experten. Google hat in seinem Netzwerk für Werbung, "Adsense", mehrere Webseiten mit falsifizierten Nachrichten gesperrt und damit die Werbeträger an ihrer Schwachstelle getroffen: dem Geldbeutel. Im Jahr 2017 hat Mozilla das Projekt Mozilla Information Trust Initiative vorgestellt, in dessen Rahmen Spezialwerkzeuge ausgearbeitet werden, die Informationen verifizieren können. Solch ein Service verspricht auch Elon Musk von dem US-amerikanischen Unternehmen Tesla. Die Webseite mit dem russischen Titel "Pravda" soll Artikel und andere Informationen verschiedener Medien verifizieren und ein Wahrheitsrating für Journalisten erstellen.

Außerdem üben sich auch Regierungen verschiedener Länder in aktiven Maßnahmen zur Erkennung und Bekämpfung von Fake News. In Deutschland muss man für falsifizierte Veröffentlichungen Strafe zahlen, in England und Frankreich gibt es ganze Institutionen, die falsifizierte Informationen abfangen. In Russland wurde auf der Webseite des Außenministeriums eine Spezialrubrik eingeführt, die "Fakes" ausländischer Medien aufzeigt.

Mehr Kontrolle
Meiner Meinung nach muss der Leser aufmerksam sein und ein unabhängiges Wertesystem besitzen. Jeder von uns trägt Verantwortung für seine Taten, Gedanken und Handlungen. Deswegen sollte man sich nicht einfach auf andere verlassen, sondern selbst lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Mit anderen Worten: Glaubt nicht einfach gedankenlos alles, was man euch serviert.

Im Zeitalter der Clip Culture haben wir es verlernt uns zu konzentrieren: Wir switchen von einer Nachricht zu nächsten, von Werbung zu Werbung, Chat zu Chat. Für neues Wissen benutzen wir Google, eine Sekunde später vergessen wir, was wir gerade noch so dringend suchten. Egal ob Foto, Video, Trailer, Werbung oder Nachricht: Wir nutzen unsere Fantasie nicht mehr, wissen nicht, wie Reflexion funktioniert. Wir sind im permanenten Restartmodus, was gerade noch eine Rolle gespielt hat, ist nicht mehr aktuell. Das Ergebnis: Wir haben verlernt zu analysieren und unser Wertesystem ist nicht mehr klar definiert. Das ist der ideale Nährboden für Fake News.

Nachrichten werden nicht kritisch hinterfragt und Menschen so leichter manipuliert. Texte werden immer fragmentarischer mit immer weniger Inhalt. Artikel dieser Art bestehen aus wenig Text und kurzen Sätzen. Sie appellieren nicht an die Vernunft, sondern an Emotionen. Das ist der Fake-News-Mechanismus.

Info-Lakmuspapier
Welche Methoden gibt es, Informationen zu überprüfen und nicht in die Manipulationsfalle zu tappen? In erster Linie muss man Nachrichten sehr genau lesen. Wenn man also eine sensationelle Headline mit dramatischem Unterton liest, hat man es fast sicher mit einem Fake zu tun.

Fakes ziehen die Aufmerksamkeit der User mit auffälligen Schlagwörtern auf sich. Das Ziel ist einfach: die Besucherzahlen ihrer Webseiten oder den Verkauf zu erhöhen.

Artikel mit nur einer Meinung, mit Behauptungen, aber ohne Fakten, sind — wenn es nicht gerade Meinungsjournalismus ist Fakes. Bevor man postet oder ein Like drückt, sollte man mit dem Scharfsinn eines Kritikers analysieren.

Oft nutzen Fakenachrichten Auszüge aus Studien und diese kann man selbstständig überprüfen. Woher kommen die Fakten? Echte, recherchierte Nachrichten geben immer ihre Quelle an.

Wer verbreitet den Artikel oder Text? Darf man dem Autor glauben? Steht der Name des Journalisten unter dem Artikel? Das alles sind auch Kriterien, um Fake News zu enttarnen.

Ein Lifehack: Fake News werden von der Mehrheit anderer Medien nicht verbreitet. Und das Wichtigste: Man sollte nicht vergessen, dass man selbst auch voll von Stereotypen und Klischees ist und sie auf unsere Wahrnehmung Einfluss nehmen. Es ist, wie das Sprichwort sagt: Man sieht nur das, was man sehen will. Der Mensch erschafft seine eigene Realität selbst. Unser Unterbewusstsein projiziert Eindrücke und Erinnerungen. Sucht man also nach Beweisen dafür, dass Amerika die Welt manipuliert oder umgekehrt, findet man auch die passende Nachricht dazu.

Im riesigen Informationsfluss von heute dürfen wir unsere Vernunft und unser kritisches Denken nicht verlieren, dann haben Fake News keine Chance.

Aliya Bissenova


Aliya hat die Kasachisch-Deutsche Universität in der Fachrichtung "Internationelle Beziehungen" absolviert. Sie interessiert sich für Kultur, Musik, Psychologie und Fremdprachen. Sie arbeitet in der Kulturabteilung des Goethe-Instituts in Almaty.

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