#MeToo-Debatte


Drei Säulen der Ungleichheit

Im Sommer 2016 flogen buchstäblich die sozialen Netzwerke in der Ukraine wegen der Bewegung #яНеБоюсьСказати ("Ich habe keine Angst, das zu sagen") in die Luft. Als ich diese furchtbaren Erzählungen über sexuelle Misshandlungen und Belästigungen las, konnte ich nicht verstehen, wie es dazu gekommen ist, und warum die Ukrainerinnen so viele Jahre geschwiegen haben. Und die Hauptsache: Warum war erst dieser Flashmob der Anstoß zu erkennen, was mit diesen Mädchen passiert ist, und dass das es sich um nichts anderes als Gewalttaten handelte, und darüber soll man so laut wie möglich reden.
 © Olga Kurilina
Gerade vor ein paar Wochen hat mich eine Nachricht in einer Gruppe in einem sozialen Netzwerk schockiert. Eine Teilnehmerin fragte virtuelle Freunde um ihre Meinungen: "Der Sex mit dem neuen Partner war sehr schmerzhaft. Ich konnte es kaum aushalten, ich fühlte meine Hände nicht. Ich bat ihn, etwas vorsichtiger zu sein, worauf er antwortete: "Oh je, wer ist denn hier so sanft!" Und er machte weiter. Und ich möchte wissen: Ist sein Verhalten in Ordnung oder bin ich wirklich zu sanft?"

Dieses Zitat beschreibt eigentlich die Situation im Allgemeinen. Es handelt sich dabei um eine Schildkröte, auf welcher die Zulässigkeit der Gewalt und das fehlende Verständnis der Frau selbst, dass sie zu etwas gezwungen wird, stehen. Es handelt sich dabei um Vorurteile, aus deren Samen später Diskriminierung heranwächst. Wenn unsere Gesetze einigermaßen an europäische und amerikanische Normen angenähert sind, so ist die Finsternis, die im Kopf der Menschen herrscht und in der Kultur festgelegt ist, ein Hauptgrund für die Situation, in der sich die modernen Ukrainerinnen heute befinden.

Diese riesige Schildkröte mit Vorurteilen steht auf drei tragenden Säulen: Frauen sind immer schuld, Frauen sind eine Art Designartikel und Frauen befinden sich im Rahmen der traditionellen Werte.

Erste Säule: Frauen sind immer schuld

Täter-Opfer-Umkehr (Victim Blaming) oder Opferbeschuldigung ist eine in der Gesellschaft festsitzende Art, negative Ereignisse zu erklären: Sexuelle und psychische Misshandlung, physische Gewalt usw. Wenn im Geschehenen nicht der Gewalttäter sondern das Opfer beschuldigt wird, bedeutet das, dass wenn ich mich nicht so wie eines verhalte, der Gewalttäter mir nichts antun wird. Unser Gehirn "hilft" dabei, diesen Stereotyp zu verfestigen: Es fällt ihm leichter zu verstehen, dass die junge Frau etwas Falsches getan hat, indem sie sich für einen roten Lippenstift entschieden hat, als die Tatsache zuzulassen, dass jede Frau misshandelt werden kann! Wie soll man denn ein ruhiges Leben führen oder ohne Angst das Haus verlassen können?!

Haben sie schon mal bemerkt, dass nach einer sexuellen Misshandlung die Allgemeinheit danach sucht, was die Frau falsch gemacht hat und was in ihrem Verhalten oder ihrer Kleidung den Mann provoziert hat? Tageszeit, Kleid, Gangart, Alkohol, Freunde, Wohnbezirk. Es kann alles Mögliche der Grund dafür sein. Es entsteht der Eindruck, dass die Frau, egal in welcher Situation sie sich befindet, bereits deshalb schuld ist, weil sie mit XX-Chromosomen geboren wurde. Denn zu Misshandlungsopfern können sogar unauffällige Frauen werden, die nur morgens und an öffentlichen Plätzen spazieren gehen, aber auch sie sind in den Augen der Gesellschaft an allem schuld. Als ob man die Gewalttat selbst dem Prinzip nach rechtfertigen könnte!

Wenn der Ehemann die Frau verprügelt, wird sie beschuldigt, einen falschen Mann geheiratet zu haben: Sie soll den zukünftigen Mann besser kennenlernen, bevor sie ihn heiratet. Oder sie ist daran schuld, dass sie ihn nicht verlässt. Und wenn sie ihn verlässt, ist sie wieder daran schuld, dass sie die Familie zerstört hat. Wenn sie alles duldet, ist sie daran schuld, dass sie alles geduldet und sich dagegen nicht gewehrt hat. Und wenn sie sich doch dagegen gewehrt hat, ist sie wiederum schuld: Manchmal soll sie soll ins Gefängnis, sie habe den armen Mann selbst dazu gezwungen, ihn provoziert, und ihm auch noch Körperverletzungen zugefügt… Und solche Schuldig-Urteile hat die Gesellschaft genug für jede von uns. Seien Sie vorsichtig! Vielleicht sind Sie die nächste?...

Die uns umgebenden Menschen erwarten, dass die Frau gleichzeitig eine erfolgreiche Karriere macht, eine interessante Gesprächspartnerin, gute Mutter für vier Kinder mit einem Altersabstand von einem Jahr und eine umwerfende Liebhaberin für ihren Ehemann ist! Ach ja, und vergessen sie auch den Waschbrettbauch nicht! Und falls ihr etwas davon nicht gelingt, ist sie selbst daran schuld.

Wenn sie viel arbeitet ist sie eine Karrierefrau, hat keine Zeit für ihre Kinder. Wenn sie den Haushalt führt, ist sie eine Henne. Stillt sie das Baby bis zum Alter von zwei Jahren, verdirbt sie das Kind und hindert es daran, erwachsen zu werden. Entscheidet sie sich für Babynahrung, ist sie wiederum schlecht, denn die Muttermilch ist das Beste, was die Natur geschaffen hat! Und wenn der Partner nicht erfolgreich ist, raten sie mal, wer daran schuld ist? Genau, sie ist daran schuld, deshalb gibt es in der Ukraine so viele Kurse und Trainings, die dem Thema gewidmet sind, wie man den Mann dazu inspiriert eine Million und mehr zu verdienen. "Was bist du bereit zu tun, um ihn nicht zu verlieren?", fragt die Werbung. Und gibt gleich eine Antwort:

"Du musst einfach:
1. weiblicher sein;
2. ihm die notwendige Energie geben;
3. leicht und anmutig eure Beziehung steuern."


Falls jedoch er, solch ein wunderbarer Mann, dich doch verlassen hat, bedeutet das, dass du dich nicht genug bemüht hast. Möglicherweise wegen Mangel an Weiblichkeit oder du hattest nicht genug Energie für ihn.

Falls etwas mit dem Kind passiert (z.B. es benimmt sich schlecht in der Schule, ist verschwunden, oder etwas Schlimmeres) fragen weder die Massenmedien noch andere Spießbürger, wo zu diesem Zeitpunkt der Vater war. Alle diskutieren und beschuldigen heftig die Mutter, als ob für das Kind die Mutter allein verantwortlich wäre und der Vater damit nichts zu tun hat. Es werden wohl zu jeder Nachricht, die mit mangelnder Kinderaufsicht verbunden ist, im Internet zahlreiche Kommentare über die schlechte Mutter hinterlassen.

Es entsteht der Eindruck, dass die Frau immer schuld ist, egal wie sie sich auch bemühen und was sie auch tun mag. Deshalb nimmt das Mädchen, das wir ganz am Anfang erwähnt haben, die Schuld für den schmerzhaften Sex auf sich und fragt: "Vielleicht stimmt mit mir etwas nicht?!"

Zweite Säule: Objektivierung

Eine Frau ist in den Augen der Gesellschaft ein Designartikel, ein Gerät mit eigenen Eigenschaften. Wenn wir ein Auto aussuchen oder ein Handy, beurteilen wir eine Reihe von Parametern: Herstellungsmaterial, Design, Funktionen, praktisch oder nicht? Ist es gebraucht, was einen Einfluss auf seine Qualität haben kann. "Ist das ein Unfallfahrzeug, wurde es lackiert?", fragen wir den Verkäufer. Mit einem Menschen soll es eigentlich anders sein, denn uns macht nicht nur das Design (das Äußere), Funktionen und Nutzungskomfort aus. Menschen öffnen sich in Beziehungen, haben innere Eigenschaften: Denkvermögen, Charakter, Werte. Wenn wir den Partner nur anhand eines hübschen Bildes wählen und alles andere nicht berücksichtigen, kommt es dazu, dass wir seine komplizierte innere Welt nicht in Betracht ziehen.

Mit schwerem Herzen kann ich konstatieren, dass man bei uns "gebrauchte Frauen" (die schon verheiratet waren) nicht mehr bemerkt. Als ob die Erfahrung nicht zu den Werten gehört, die wir aus jeder Beziehung oder einem Ereignis mitnehmen. Als ob der Designartikel nicht gebraucht sein kann.

In der Ukraine blüht die Objektivierung auf. Erstens gibt es strenge Anforderungen an das Äußere. Ich denke, dass viele Europäer und Amerikaner sich darüber wundern würden, wie treu unsere Frauen den Wellness-Clubs und Diäten sind. Während meiner Reise durch Mexiko hat man mich oft gefragt: "Sind in deinem Land alle so mager? Oder bist du krank?" Und im Wellness-Club der Küstenstadt Tulum war ich die einzige Frau, die versuchte "sich in Form zu bringen". Obwohl ich mich nach ukrainischen Vorstellungen mit meinen 57 kg hart an der Grenze des Zulässigen bewege.

Unsere Frauen sind gewohnt, sich in Form zu halten und gut auszusehen: Maniküre, Pediküre, epilieren, Größe XS, Maximum S, Augenbrauen, Styling, Make-up, hübsche aber unbequeme Kleidung. Von klein auf bringt man dem Mädchen bei, dass Klugheit nicht so wichtig ist wie ein attraktives Aussehen und Nachgiebigkeit. Diese zwei Parameter (ich benutze bewusst technische Begriffe, um noch einmal die Geschlechterungleichheit zu betonen) öffnen die Tür in eine bessere Zukunft, ein glückliches Eheleben.

Die Frau als Objekt und Schmuckstück der männlichen Realität ist in den Medien klar dargestellt. Man geht davon aus, dass man mit einer nackten oder halbnackten Frau auf einem Werbeplakat fast alles verkaufen kann. Ich führe ein paar reale Beispiele an: Beton (eine Frau im Badeanzug, Slogan "Mit uns wird es hart"), Reifen (ein halbnackte Frau sitzt auf einem Reifen), Fleischrestaurant (drei nackte Figuren mit dem Rücken zum Zuschauer, darunter steht "Immer frisches Kalbfleisch").

Moment mal, müssen denn dabei die Bedürfnisse und Wünsche der Frau nicht berücksichtigt werden, wenn sie für dich nur ein hübsches Schmuckstück, Spielzeug, "frisches Kalbfleisch" ist? Nein. Deshalb hat das Mädchen auf ihre Bitte eine rücksichtslose Antwort bekommen: "Oh je, wer ist denn hier so sanft."

Dritte Säule: Frauen im Rahmen traditioneller Werte

Wissen sie warum die Vinylplatten so cool sind? Weil sich dafür nur ein enger Kreis von Sammlern interessiert. Für einige ist das eine Möglichkeit, dem vergangenen Zeiten nahe zu kommen. Für andere ist das eine Möglichkeit, ein Snob zu sein und anderen seinen feinen Geschmack zu zeigen. Aber in der Regel hören wir Musik auf unserem iPhone oder Tablet, weil es so einfach praktischer ist.

Ich bin mir sicher, dass das Gleiche für traditionelle Werte gelten soll, die so eifrig in den ukrainischen Massenmedien popularisiert werden und von den politischen Tribünen aus zu hören sind. Wir sollten diese den Historikern überlassen. Und sie nicht in die moderne Welt mitschleppen! Es ist kurios, wenn man versucht, diese alten, modrigen Begriffe in der realen Welt anzuwenden, wo Frauen schon längst studieren, gleichberechtigt arbeiten und durch die ganze Welt reisen können, selbst entscheiden, ob sie Kinder kriegen wollen oder nicht, und, was wichtig ist, wie viele Kinder und wann sie dazu bereit sind.

Von der Ausbildung her bin ich Historikerin und studierte an einer der besten Hochschulen des Landes. Ich wollte immer wissen, welchen Epochen solche Traditionen zugerechnet werden. Wenn man sagt, dass die Frau zurück zu den "Anfängen" muss, denke ich gleich: Um welches Jahrhundert handelt es sich? 5., 10., 15., oder 19. Jahrhundert? Denn das alles sind absolut verschiedene Bräuche und Vorstellungen über Rechte, Pflichten und Möglichkeiten einer Dame. Aber die Befürworter traditioneller Werte machen sich keine Gedanken darüber, worüber sie genau sprechen. Als Ergebnis entsteht eine seltsame Mischung aus unterschiedlichen Vorstellungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Als Beispiel: die Frau muss sich ihrem Ehemann unterwerfen, zu Hause sitzen, sich den Kindern widmen und sich mit traditionellen Frauensachen beschäftigen (z.B. Handarbeit), einen langen Rock tragen und Haare flechten. Und jede von uns, die auf diese oder jene Weise diesen Anforderungen nicht entspricht, wird früher oder später mit den Vorwürfen der Mitmenschen zu tun haben müssen.

Bemerkenswert ist hier noch, dass wenn sich die Frau doch für die "Tradition" entscheidet und dann doch physisch oder psychisch missbraucht wird, es ihr ziemlich schwer fallen wird, ohne Erwerb und mit Kindern den Tyrannen zu verlassen. Aber die sie umgebenden Mitmenschen werden ihr sagen: "Richtig: Du bist selbst daran schuld, hast du denn nicht gesehen, wen du geheiratet hast?!" Deshalb ist das oben erwähnte Mädchen bereit, im Grunde genommen offene Gewalt zu dulden. Von der Frau in unserer Gesellschaft wird verlangt, sich dem Mann zu unterwerfen. So sieht die "Tradition" in den Phantasien der Ideologen der Bewegung gegen Geschlechtergleichberechtigung aus.

Ich erwähnte kurz die Stereotypen, mit denen ukrainische Frauen jeden Tag zu tun haben. Und ich habe noch kein Wort über die unterschiedlichen Diskriminierungsformen bei der Arbeitsanstellung, Entlohnung, Rassentrennung auf dem Markt usw. gesagt. Wir haben nur leicht den Humusboden berührt, in dem die Gewalt segensreich wächst und auf dem die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in der Ukraine beruht. Warum eigentlich gerade in der Ukraine? Die Mechanismen sind doch überall die gleichen.
© private Facebook-Seite

Anastasia Melnichenko


Vorsitzende der NGO "Studena", Journalistin, Sozialaktivistin. Ihre Forschungsinteressen umfassen die Geschichte der Sexualität. Im Jahr 2016 hat Anastasia die Aktion #яНеБоюсьСказати ("Ich habe Angst, das zu sagen") initiiert, die im Internet zu einer Diskussionswelle geführt hat und Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt auf sich gezogen hat.

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