Wie lebst du?


Wohnsituationen

Zum ersten Mal war ich mit 19 Jahren in Deutschland. Seitdem bin ich mit verschiedenen Praktikums- und Studienprogrammen immer wieder zurückgekehrt und habe es geschafft, überall ein wenig zu leben: In Wohnheimen, Wohngemeinschaften, im Haus wohlhabender Rentner und in normalen Mietwohnungen. Heute kann ich sagen: Das Wohnen in Deutschland und Russland unterscheidet sich in ein paar ganz interessanten Aspekten.

Gäste nach Terminplan


Meine ersten Erfahrungen sammelte ich in einem Wohnheim in Hamburg. Nach meinen russischen Maßstäben erinnerte es mich an eine Gemeinschaftswohnung – einige Einbettzimmer, zu einer Wohneinheit verbunden, dazu ein gemeinsames Bad und eine Küche.
Nach unserem „Zehner“ in der Nowosibirsker Staatlichen Universität, wo man zu viert in einem Zimmer leben musste, erschien mir das Hamburger Wohnheim gleichsam wie europäischer Luxus. Ein weiterer Unterschied war das Fehlen von — im Leben eines jeden russischen Wohnheimbewohners — so wichtigen Leuten wie dem Wachpersonal. Ich erinnere mich bis heute an Oma Walja, eine strenge Wächterin, die kontrollierte, wer wann kam, nach 23.00 Uhr die Tür absperrte und abhängig von ihrer Laune und dem Talent der verspäteten Studenten, mit ihr etwas auszuhandeln, diese entweder einließ oder all ihr Klopfen und Bitten einfach ignorierte.

Miete statt Kauf


Die Mehrzahl der Russen kann nur lachen über die Frage, was besser wäre, eine Wohnung längerfristig günstig zu mieten oder eine eigene auf Kredit zu kaufen.
Nach aktuellen Angaben mieten 35,36 Millionen Menschen in Deutschland eine Wohnung und nur 4,47 Millionen leben im Eigenheim. In Russland dagegen leben nur 25 Prozent der Menschen zur Miete.
Anders gesagt: In Deutschland ist es üblich zu mieten, in Russland zu kaufen. Natürlich bedeutet das nicht, dass Menschen in Deutschland keine Immobilien erwerben. Zum Beispiel hat sich mein Freund Dionisios aus Griechenland ein kleines Appartement in Berlin zugelegt. Obwohl er der Eigentümer ist, muss er trotzdem nicht weniger als 250 Euro im Monat für kommunale Abgaben und andere Dienstleistungen bezahlen. Außerdem sind Eigentümer in Deutschland verpflichtet, gemeinsam für die Renovierungsarbeiten am Haus aufzukommen, womit nicht jeder einverstanden ist.
Deshalb scheint es mir so zu sein, dass viele Menschen lieber Wohnungen mieten, solange sie jung und mobil sind und weder Kinder noch andere Verpflichtungen sie binden. Dann können sie jederzeit den Vertrag auflösen, in eine andere Stadt ziehen, oder sich, sagen wir mal, für ein Jahr nach Afrika aufmachen ohne irgendwelche Hypothekenzinsen zu zahlen.  

Kein Leben mit den Eltern nach 20


In Russland mieten normalerweise diejenigen Wohnungen, die von ihren Eltern weg in eine andere Stadt ziehen. Dabei schämt sich niemand, wenn er noch bei den Eltern lebt, auch wenn er schon älter als 20 oder gar 30 Jahre ist.
In Deutschland hatte ich immer das Gefühl, dass man Leute über 20, die noch bei den Eltern leben, komisch anschaut. Deshalb bemühen sich die allermeisten Jugendlichen, von den Eltern weg in ein Wohnheim oder eine WG, eine typisch europäische Gemeinschaftswohnung, zu ziehen. Ich glaube, in Deutschland wird es wohl kaum einen Menschen geben, der nie in einer WG gewohnt hat.
Meine Erfahrungen mit dem Leben in einer WG waren nicht besonders positiv. Mein italienischer Mitbewohner liebte es, viel Gemüse mit sehr vielen Gewürzen zu kochen, so dass sich die Gerüche in der ganzen Wohnung ausbreiteten, außerdem unterhielt er sich auch noch ständig und laut über Skype. Der Mitbewohnerin, die nicht ungern einkaufte, brachte man jeden Tag Päckchen von Zalando, wobei sie das meiste, nachdem sie es anprobiert hatte, zurückschickte. Die Kartons stapelten sich trotzdem an jeder freien Stelle im Flur. Und schließlich: Aus unerfindlichen Gründen war das Bad selten frei. Auf der anderen Seite: Eine WG ist schon auch eine besondere Welt, die einem erlaubt, nach dem Auszug von zuhause ohne allzu große Kosten erste eigene Schritte zu machen und neue Freunde zu finden.
Natürlich ist es auch russischen Studenten nicht immer möglich, Wohnungen zu mieten, und meistens hat das damit zu tun, dass deutsche Studenten in vielen Fällen finanziell besser ausgestattet sind als russische.
Was mir außerdem aufgefallen ist: In Deutschland kann man die Namen aller Nachbarn auswendig lernen, sie stehen nämlich auf den Klingelschildern. In Russland dagegen haben die Wohnungen Nummern. Und viele der Nachbarn trifft man auch dank der Päckchen, die oft beim Nachbarn abgegeben werden, wenn man nicht zu Hause ist.

Trotz dieser kulturellen Unterschiede kann man sich in jedem Land und mit allen Nachbarn wohl und aufgehoben fühlen, immerhin ist ja das Wichtigste, dass man nach Hause zurückkehren möchte.

© Anna Andriewskaja

Anna Andriewskaja

Journalistin aus Nowosibirsk, hat die Nowosibirsker Staatsuniversität absolviert. Sie wohnt und studiert zurzeit Osteuropastudien an der Freien Universität in Berlin. Anna arbeitet an verschiedenen Projekten des Goethe-Instituts in Russland. Sie ist auch die Redakteurin der Website Recyclemag. Sie engagiert sich für das Thema Umwelt und organisiert ökologische Projekte.

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