Wie lebst du?


Wenn alles ein bisschen allen gehört

Meine Familie lebte zuerst in einer alten Nowosibirsker Gemeinschaftswohnung, ohne rechtliche Grundlage, und als man uns hinauswarf, schaffte es Mama irgendwie, einen Platz in einem kommunalen Wohnheim „herauszuschlagen“. Aus einer großen Gemeinschaftswohnung zogen wir in zwei Zimmer um, in dem einen richteten wir die Küche und das Wohnzimmer ein, in dem anderen die Garderobe und das Kinderzimmer.

In das neun Quadratmeter große Kinderzimmer passte das Doppelstockbett für meine Brüder und das kleine ausklappbare Sofa für mich, und sogar noch ein Tisch für die Hausaufgaben. Mehr ging da nicht hinein. Aber auf wundersame Weise nahm das Zimmerchen bis zu fünfzehn meiner Punk- und Rollenspieler-Freunde auf, die nach Zusammenkünften unter der Ob-Brücke zu Besuch kamen. Frierend und nach Lagerfeuer riechend, mancher auch nach Portwein, tranken wir endlos Tee und hörten die großartige sibirische Gruppe „Graschdanksaja Oborona“ (Bürgerwehr) und Janka Djagilewa. Mama hielt tapfer die röhrende Stimme von Egor Letow aus und gewöhnte sich an die Armee dreckiger Springerstiefel, Textolit-Schwerter und Streitäxte – nur damit ihre Teenagertochter sich nicht auf der Straße herumtrieb. Ein einziges Mal bat sie meine Freunde zaghaft, ihren eigenen Tee mitzubringen.

In diesem Wohnheim waren die Frauentoiletten im ersten Stock, die für Männer im zweiten und ihre Türen wurden nie verschlossen. Im Keller befand sich die Gemeinschaftsdusche und ich gestehe, dass ich mir so irgendwie die Einrichtung einer menschlichen Zivilisation nach einem Atomkrieg vorstellte: verrostete Rohre, zerschlagene Fliesen auf dem Boden, Holzlatten in den Kabinen und fette Nacktschnecken an den Wänden.

Das Wohnheim schenkte mir die Gelassenheit, mich mit sehr wenig Platz und Privatsphäre zufrieden zu geben, sowie die Fähigkeit, die sehr verschiedenen Menschen um mich herum, nicht nur nicht zu fürchten, sondern auch verstehen zu können, warum sie so sind, wie sie sind. Die Nachbarin in unserem Stockwerk war eine noch nicht ganz alte, aber erschöpfte Frau, die ständig wegen der Unordnung in der Küche herumschrie, eine richtige Hyäne: Ihr Mann trank und schlug sie regelmäßig, der jüngere Sohn nahm weiche Drogen und war auf dem Weg zu harten, die Tochter war früh schwanger geworden und nun war da noch ein hungriges Maul mehr zu stopfen. Wie hätte man da auch nicht wegen einer dreckigen Spüle explodieren sollen?

Das Wohnheim schenkte mir auch meine ersten richtigen Freunde. Ich hatte schon länger einen sympathischen jungen Nonkonformisten aus dem ersten Stock im Auge, wir stießen oft am gemeinsamen Telefon zusammen: Ich rief meinen Freund an, er seine Freundin. Die gutmütige Pförtnerin erlaubte uns zwar, das Telefon zu benutzen, aber nur für drei Minuten, und was kann man denn in so einer Zeit viel über die Liebe sagen? So lernten Loscha und ich uns kennen und fingen an, uns auf der Feuertreppe zu treffen, um heimlich zu rauchen und einander Lieder zur Gitarre vorzusingen, die Akustik war dort wunderbar.

Auf diese Feuertreppe warf ich auch die blutbefleckten Handtücher, als ich mir wegen einer unglücklichen Liebe die Arme aufgeschnitten hatte. Einfach weil Loscha nicht zu Hause war, um sich bei ihm auszuheulen, und in Verzweiflung darüber, dass ich nie wieder jemanden lieben und mich auch niemand mehr lieben würde, pulte ich aus Papas Rasierer die Klingen heraus… als Loscha davon erfuhr, schimpfte er mich aus und brachte mich zu einem befreundeten Arzt, der die ziemlich tiefen Schnitte nicht zunähte, weil sie nicht mehr bluteten, und mir stattdessen riet, das nächste Mal einfach Wodka zu trinken.

Ein anderes Mal saß ich auf dieser Treppe und sang, als ein unbekannter erwachsener Nachbar aus dem dritten Stock herunterkam: „Singst schön“. Mit ihm hörte ich den ganzen Abend die Gruppe „Piknik“, die auf seltsame Weise ein siebzehnjähriges Mädchen und einen vierzigjährigen Mann miteinander verband. Für ihn klaute ich von Mama ein Päckchen „Jawa“, weil wir keine Lust hatten, ins Geschäft zu gehen. Er erzählte mir von seiner zerbrochenen Familie und von den Kindern, die ihn nicht als Vater anerkannten, und ich sprach über die Angst die ich hatte, die Aufnahmeprüfungen an der Universität nicht zu bestehen.
Das war nur im Wohnheim möglich – Wohnblöcke trennen die Menschen voneinander, die Nachbarn grüßen sich nicht einmal im Aufzug, im Wohnheim aber teilen alle ein bisschen alles: die Treppe, die Küche, die Dusche und das Schicksal. Im Übrigen haben wir uns nie wieder unterhalten, nur einen Monat später ist der Mann an einem Herzinfarkt gestorben.
© Margarita Loginowa

Margarita Loginowa

Ich bin Journalistin des informationsanalytischen Nachrichtenportals „tayga.info“ und Mutter. Ich schreibe über die Menschen, mag Gedichte und Dienstreisen.

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