Wie lebst du?


Der Treffpunkt darf nicht geändert werden

Manchmal scheint es, als wäre Taschkent ein Ort, an dem eigentlich überhaupt nichts passiert. Wir sind sehr bedächtig und mögen es nicht, uns zu beeilen. Unser Volk lebt schon seit Jahrhunderten in diesem Rhythmus. Allerdings ist dieses Gefühl eine Illusion. Der Rhythmus der Stadt ist sehr lebendig, auch wenn das nicht immer offensichtlich ist. Man muss etwas tiefer graben, um zu verstehen, wie und wofür ihre Menschen leben.
Wie überall ist das Blut der Stadt die Jugend, und sie ist, wie überall, divers. Die Orte, an denen sie sich „versteckt“, sind ziemlich zahlreich – und wirklich interessant sind bei Weitem nicht alle von ihnen.

Elvis Bar

Ich lernte diesen Ort kennen, als die im Randbezirk gelegene, von ganz Taschkent geliebte Bar VM schloss. In ihr hatten sich Extremsportler, Biker und die, die einfach nicht wie alle anderen waren, getroffen. Die kleine Bar Elvis, von der Größe einer Zweizimmerwohnung aus der Chruschtschow-Zeit, nahm mit Freuden alle auf, die es wünschten, und begann ihr neues Leben. Der Ort hat eine eigene, absolut besondere Atmosphäre. Hier ist allen egal, wie du aussiehst und wie viel Geld du hast. Hier kann man irische Lieder grölen, die auftretende Band überschreien, Bier trinken, über das Leben reden oder versuchen, sich durch eine riesige Schlange bis zur einzigen Toilette durchzuboxen. Hier gibt es besondere Barmänner, die sich weigern, einem Alkohol zu verkaufen, wenn man ihnen nicht gefällt, die pfeifen, um die angetrunkene Menge zu beruhigen und Ratschläge geben, die nicht schlechter als die eines Psychologen sind.
Ich liebe diese Bar besonders unter der Woche, am Montag oder Dienstag. In dieser Zeit ist es hier still und auf eine eigene Art gemütlich und gut. Man kann sich bei gedämpftem Licht unterhalten, Backgammon spielen oder einfach nur in eine bestimmte, für Taschkent ungewöhnliche Atmosphäre abtauchen.

Т4К

Vor zwei Jahren, als das T4K eröffnete, war es das erste, und, wie sich herausstellen sollte, auch letzte Co-working Center Taschkents. Über dieses Ereignis freuten sich die jungen Intellektuellen in der Hauptstadt, weil ein Ort „wie im Ausland“ aufgetaucht war. Allerdings stellte sich bald heraus, dass niemand bereit war, einfach nur für die Zeit zu zahlen, für die man hier saß. Die Erfahrung einiger Anticafés der Stadt hat gezeigt, dass es nicht unser Ding ist, nur für einen Platz zum Sitzen zu bezahlen.
Das T4K verwandelte sich von einem Co-working Center in die T4K Performance-Bar, einen Ort, der dank seiner interessanten Atmosphäre, der ständigen Live-Auftritte und Stand-up-Comedy, der Musikgruppen und Workshops aller Art schnell anfing, Leute anzuziehen. Seitdem gibt es jeden Abend eine Menge Menschen in der Bar, gemütliche Treffen unter sich, neue Bekanntschaften, ganz gute Getränke und ziemlich leckeres Essen.

Ilhom

Der heiligste Ort für alle Künstler Taschkents und die, die sich als solche verstehen, ist Mark Wajls Theater „Ilhom“, ein außergewöhnlicher Ort. Es existiert schon seit vielen Jahren, wobei sich sein Äußeres mehrmals verändert hat. Gelegentlich hatte es sich den Umständen anzupassen, aber es brachte die Theaterkunst der Hauptstadt immer voran.
Heute finden dort Festivals experimenteller Musik und bildender Kunst statt, werden mutige Stücke zeitgenössischer Künstler aufgeführt und Poesieabende organisiert. Das „Ilhom“ ist die Quintessenz der Undergroundkunst.
Abhängig vom Repertoire versammelt sich hier verschiedenstes Publikum: alte, dem Theater wohlgesinnte Fans, unkonventionelle Jugendliche, Schauspieler, Künstler und andere Vertreter der Taschkenter Boheme. Die erstaunlichste Besonderheit des „Ilhom“ ist die Fähigkeit, außerhalb der Stadt zu existieren. Wenn man sich hier befindet, vergisst man, dass man in Taschkent ist, man vergisst die Realität und die Routine. Man ist irgendwie außerhalb von Zeit und Ort, und wie es aussieht, wird das auch immer so bleiben.

Parks und Plätze

Sobald es warm ist, also fast das ganze Jahr über (immerhin haben wir in unserer Stadt bis zu neun Monate lang Sommer), bevölkert die Jugend die Straßen der Stadt. Einer der interessantesten Parks ist der „Kosmonautenplatz“ neben der gleichnamigen Metrostation. Hier konnte man früher alle treffen: Barden mit Gitarren, Brautpaare, Frischverliebte. Aber die Generationen ändern sich und nicht alle Traditionen werden weitergegeben. So werden die Besucher des Parks immer weniger.
Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Mehrzahl einen anderen Ort vorzieht: die dichtbevölkerte Oase am Amir-Temur-Platz, den „Dworez Forumow“. In der letzten Zeit zieht sie mehr und mehr Menschen an. Ob junge Mütter mit Kindern, Skater, Roller- oder Radfahrer, hier finden alle ihren Platz.

Manchmal scheint es, als wäre Taschkent ein Ort, an dem eigentlich überhaupt nichts passiert. Wir sind sehr bedächtig, mögen es nicht, uns zu beeilen. Unser Volk lebt schon seit Jahrhunderten in diesem Rhythmus. Aber dieses Gefühl ist nur eine Illusion, man muss einfach etwas tiefer graben …

© Darina Solod

Darina Solod

Ich wohne in Taschkent und bin 26 Jahre alt. Ich arbeite als Chefredakteurin der Website „Voice of Taschkent“. Ich mag lesen und mich mit den Leuten austauschen.

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