Wie lebst du?


"Friends" in Kiewer Wohnung

Viele meinen, dass sie nicht in einer WG wohnen könnten, dass sie Freiraum bräuchten, gerne nackt durch die Wohnung laufen, ohne Absprache mit den Mitbewohnern Partys feiern und alle möglichen Leute einladen würden. Aber wie würdet Ihr es finden, wenn man euch anbieten würde, in die Wohnung aus der Comedy-Serie Friends zu ziehen?

Erste Episode


Bewusst habe ich den Entschluss gefasst, meine Wohnung mit zwei Mitbewohnern zu teilen und den mir zur Verfügung stehenden Platz an Menschen abzutreten, die mir ursprünglich fremd sind. Dabei spielten Geldgründe eine zweitrangige Rolle, viel eher ging es aber um Neugier und Menschenliebe.
Ich lebe im Zentrum von Kiew, in einem Stadtteil mit Edelrestaurants, in einem Bürogebäude mit den höchsten Mietpreisen der Stadt. Ein Quadratmeter im 17. Stockwerk dieses Hauses kostet um ein Wesentliches mehr an Miete als mein Monatseinkommen.
Gegenüber von meinem Haus bleiben hübsche junge Frauen stehen und vor ihnen halten die neuesten Automodelle. Das hat gewisse Vorteile, denn so kann ich mit einem Bick aus dem Küchenfenster von den Innovationen der Automobilindustrie erfahren, ohne im Internet danach zu suchen.
Mit anderen Worten: Um mich herum ist alles sehr teuer. Das war der zweite Grund dafür, zwei meiner Zimmer zu vermieten.

Zweite Episode


Der erste Mitbewohner zog relativ zufällig ein: Ein mir flüchtig bekannter Typ schrieb, dass er gerne ein Zimmer bei mir mieten würde und bereit wäre, noch am selben Tag einzuziehen, wenn wir uns schnell in allen Fragen einigen könnten. Ohne, dass ich Zeit gehabt hätte, den Preis und die Bedingungen gründlich zu überdenken, machte ich mich ans Aufräumen und übersah den zweiten Teil seiner Nachricht: „Ich komme mit meinen Sachen. Kann ich heute einziehen?“
Kurz darauf stand vor meiner Tür Kien, ein Kiewer vietnamesischer Herkunft. Das Einzige, was ich über ihn wusste, war, dass er die TEDx-Konferenz seiner Uni organisiert und ein strahlendes Lächeln hatte. Zu meiner Verwunderung waren wir sofort auf einer Wellenlänge und entschieden nach einem Monat gemeinsam, einen dritten Mitbewohner für das zweite freie Zimmer zu suchen.
Auf meiner Facebook-Seite veröffentlichte ich ein schlichtes Gesuch mit Foto vom Zimmer, in dem ich schrieb, dass wir auf der Suche nach „einem von uns“ wären, nach jemandem, mit dem wir wie in der Serie Friends zusammen leben wollten. In den ersten zwei Tagen hatten mir bereits über einhundert Menschen geschrieben, woraufhin ich mich gezwungen sah, meinen Post zu löschen und keine Nachrichten mehr zu beantworten.

Dritte Episode


Mein Nachbar Kien nahm die Suche nach dem dritten Mitbewohner sehr ernst. Nach langen Diskussionen über unsere genauen Vorstellungen hatten wir zur WG-Besichtigung jeden zehnten Interessenten eingeladen. Das Casting wurde zu unserem gemeinsamen Projekt. Im Laufe einer Woche besuchten uns die unterschiedlichsten Leute: ein in der Ukraine, Großbritannien und Thailand lebender Café-Besitzer, mein zukünftiger Chef, ein Unternehmer, über den ich meinen ersten Businessartikel schrieb, und ein junger Typ, mit dem ich beinahe zusammengekommen wäre, nachdem wir uns gegen ihn entschieden hatten.
Aber den „einen von uns“ haben wir bereits am allerersten Tag gefunden. Es war der dritte Kandidat, und weder er noch wir wollten, dass er geht. Das war einer dieser Momente, bei denen man merkt, dass der andere schon seit Ewigkeiten „einer von uns“ ist, und sich wundert, warum man sich nicht schon viel eher begegnet ist. Nachdem wir alle Bewerber kennengelernt hatten, entschieden wir uns deswegen für ihn. Er hatte Humor, konnte Klavier spielen, singen und mit uns zusammen köstliche Kuchen backen.
Wir waren ein Herz und eine Seele und kochten, aßen und feierten gemeinsam. Die Wohnung wurde ein Treffpunkt für jeden, der „einer von uns“ war. Hier konnte man ab und zu arbeiten, quatschen oder netzwerken. Bereits nach einer Woche unseres neuen WG-Lebens sagte Kien zu mir, dass er sich wundere, wie es möglich wäre, dass er jeden Tag beim Heimkommen neue Menschen kennenlernte. Das war wirklich wie in der Serie Friends, nur mit Kiewer Spezifik.

Letzte Episode


Das Zusammenleben mit jemandem funktioniert gut, wenn man bereit ist, dem anderen Zutritt zur eigenen Komfortzone zu gewähren. Ich glaube, dass es unmöglich ist, das zu erzwingen. Die Offenheit einem bestimmten Menschen gegenüber ist entweder da oder nicht, da kann man nichts machen.
Manchmal schauen wir uns die Videos und Bilder aus dieser Zeit vor einem Jahr an und stellen fest, dass wir uns alle zum Besseren verändert haben. Das Umfeld beeinflusst einen, ob man will oder nicht. Und ich bin sehr froh, dass Wissensdrang und Lust auf Neues zu solch unerwarteten Veränderungen im Leben von jedem von uns geführt haben.

© Olena Skyrta

Olena Skyrta

Olena hat zunächst am polytechnischen Lyzeum studiert, aber als sie die Möglichkeit bekam eine lokale Zeitung herauszugeben, hat sie ihre Passion für den Journalismus entdeckt. Danach hat sie sich für die Fakultät für Journalismus und Biotechnologien beworben, aber die Liebe zu den Buchstaben war stärker. Im Moment schreibt Ölena für ihr Lieblingsmedium platfor.ma, bereitet verschiedenste tolle Veranstaltungen vor, und backt die leckersten Kuchen.

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