Wie lebst du?


Täublinge

Ich sitze vor dem Fernseher in meinem engen Kämmerlein für ausländische Studenten, in zweihundert Kilometer Entfernung von Tokio und tausenden von Kilometern von Taschkent, und verfolge mit Interesse eine Wissenschaftssendung über Russisch für Japaner, die ich zufällig eingeschaltet habe.

Schon ein halbes Jahr bin ich hier und habe in dieser Zeit kein einziges Wort auf Russisch gesprochen. Ich bin komplett in die Sprache und Kultur des Landes der aufgehenden Sonne eingetaucht. Und man könnte meinen, der Traum ist zum Greifen nah: Durchs Fenster die Aussicht auf einen Shintō-Schrein, in der Tasche ein Stipendium in Yen mit einer reizvollen Reihe von Nullen nach der Eins, und irgendwo unweit von hier wandelt in einen warmen Kimono gehüllt die helle Zukunft, die wir uns einst unter Kommilitonen so sehnlichst gewünscht haben.

Höre ich das Zirpen der Zikaden im Bambusdickicht, fühle ich mich augenblicklich in den Sommer von Taschkent versetzt
Doch da sitze ich und schaue mir eine Sprachsendung aus den achtziger Jahren an, in der ein Paar aus Moskau eine Studentin aus Riga auf ihre Datscha eingeladen hat, um im Wald Täublinge zu sammeln, als gäbe es für mich nichts Wichtigeres auf der Welt. Die Handlung wird in heiteren Dialogen erzählt, die im Anschluss Satz für Satz wiederholt werden, während am unteren Bildschirmrand eine Transkription im Katakana-Alphabet erscheint. Bei einer der vielen Wiederholungen des russischen Wortes Syrojeschki — Täublinge — spüre ich, wie eine heiße perlengroße Träne meine Wange hinunterrollt. Mir wird augenblicklich klar, dass ich jetzt alles auf der Welt für Täublinge geben würde, obwohl ich nicht einmal weiß, wie sie schmecken, dass ich sofort auf die Datscha will, um dort über Täublinge zu sprechen und über tausende anderer Sachen in meiner Muttersprache — in vertrauter Umgebung. Ich will zurück nach Taschkent, um mit Freunden davon zu schwärmen, wie schön das Leben in Japan sein müsste. Ich will nachts die breiten Alleen dieser Stadt entlang flanieren, im gedämpften Licht der Straßenlaternen, begleitet vom Blätterrauschen jahrhundertealter Platanenbäume heftig über Haruki Murakami und den Nobelpreis diskutieren, den er immer noch nicht bekommen hat. In Japan kann man keine besonders guten Debatten über Haruki Murakami führen, er wird hier kaum wahrgenommen, im Gegensatz zu Leo Tolstoi.

Die Täublinge saugen mich langsam in den Strudel meiner Erinnerungen. Es kommt vor, dass ich im Supermarkt zwischen zahllosen Tintenfischarten und anderen Kuriositäten auf einmal Sonnenblumenkerne im Angebot finde und sofort an meine Kindheit denken muss: wie ich in einem von der Sonne verwöhnten Feld stehe, in der Hand einen frisch gepflückten Sonnenblumenkopf — den größten, den ich finden konnte — und an das Gefühl, als würde ich die Ewigkeit selbst in den Händen halten.

Oder wenn ich zuweilen das Zirpen der Zikaden im Bambusdickicht auf dem Heimweg nach den Vorlesungen höre, fühle ich mich augenblicklich in den Sommer von Taschkent versetzt: das offene Fenster mit dem Moskitonetz, eine leichte Morgenbrise, das Gurren der Wildtauben und die Geschäftigkeit der Stare, während am Bewässerungsgraben im Hof ein beleibter Wassermelonenverkäufer und der taube Schuhmacher im Schatten sitzen, der eine mit einem Berg unverkaufter Melonen im Rücken, der andere mit einem Haufen unreparierter Schuhe und Sandalen. Aber die Beiden sind mit etwas viel Wichtigerem beschäftigt: Sie spielen Backgammon. Der Situation wohnt eine gewisse Magie inne, und da sie sich dessen bewusst zu sein scheinen, werden der Schuhmacher und der Wassermelonenverkäufer für einen Moment zu den wahren Hütern des Sommers.

Solche und eine Menge anderer Erinnerungen und plötzlicher, mit Taschkent verbundener Assoziationen verfolgen mich wie Schatten und geben mir keine Ruhe, sobald ich die Stadt auch nur für kurze Zeit verlasse: Als würde sie bestimmte Wellen aussenden, die auf mein Herz wirken, die sich mit einem inneren Schmerz bemerkbar machen, so dass ich Heimweh bekomme.
In der japanischen Literatur gibt es das Prinzip Mono no aware, das sich als „das Herzzerreißende der Dinge“ übersetzen lässt. Dabei geht es um den Sinn für das Kleine, für das Schöne an der Vergänglichkeit des Moments. Das Paradoxe ist, dass ich trotz umfassender Lektüre und großen Bemühungen, dieses Prinzip rational zu durchdringen, von einem echten Verständnis weit entfernt war, bis ich erst später, unverhofft, begriff, was es wirklich bedeutet — nicht mit dem Verstand, sondern durch die Emotionen, in jener bewegten Zeit der Assoziationen und unwillkürlichen Erinnerungen an meine Heimatstadt Tausende von Kilometern entfernt. Jetzt nenne ich meine Stadt herzzerreißendes Taschkent.

© Aschot Danieljan

Aschot Danieljan

Philologe, Übersetzer für Japanisch. Seit 2009 ist er in einem Projekt der japanischen Regierung zur Entwicklung von Human Resources in Usbekistan als Übersetzer und Berater tätig. Autor einer Reihe von Reportagen und landeskundlichen Artikeln über Japan und Australien. Finalist des Literaturwettbewerbs „Nowellasija 2014“ für Schriftsteller aus Zentralasien, auf welchem sein Erzählband „Kasajas´strun koto“ vorgestellt wurde. Rockmusiker, Gründer und Songautor der taschkenter Gruppe „Kryl´ja Origami“.

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