Wie lebst du?


Ein weiterer Morgen in Taschkent

Wenn am Morgen mal wieder ein seltsames rhythmisches Rattern durch mein Fenster dringt und mich langsam aus den Tiefen meines Schlafes rüttelt, begreife ich während des Aufwachens, dass gerade ein Güterzug aus Kasachstan vorbeifährt und es erst halb sechs Uhr morgens ist, weswegen ich noch liegen bleiben kann.

Aber es gelingt mir nicht, lange zu dösen, denn schon bald erklingen von allen Seiten nasale langgezogene Rufe: „Saueeermiiilch, friiische Miiilch! Keeefiiir! Kaaaymaaak!“ Die Milchmänner aus den verschiedenen Ecken der Stadt haben sich auf den Straßen eingefunden und wecken nun die in den Betonkisten eingemummten Menschen mit ihren Modulationen, die an den Adhān, den Gebetsruf für religiöse Muslime, erinnern. Das Geräusch prallt an den abgeriebenen Wänden, den eisernen Türen, Garagentoren und den chaotisch geparkten Autos ab. Es ist Zeit aufzustehen!
Im grünen Gras liegen Katzen und an der
Hauswand steht ein
Milchmann mit zwei Milchkübeln


Der Himmel im Fenster färbt sich in einem unnachahmlichen, durchscheinenden Ton, was ein Zeichen dafür ist, dass ein klarer, aber frischer Tag bevorsteht. Zwischen den kreuz und quer stehenden, mit staubigen Mosaiken bedeckten Plattenbauten ziehen die Mauersegler ihre Kreise und am Fenster gegenüber raucht der unbekannte Nachbar nachdenklich seine Morgenzigarette. Hier ist alles immer noch so, wie es noch vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren war. Nur die Satellitenschüsseln und die riesigen Poster der Netzanbieter zeugen davon, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Das Viertel — ein farbloses Produkt des sowjetischen Städtebaus — erwacht und macht sich bereit für einen weiteren harten Tag. Noch vor zwanzig Jahren lebten hier vor allem verarmte und versoffene Arbeiter der vor langer Zeit geschlossenen Automobilfabrik. Aber sie sind entweder bereits gestorben oder in ihre dem Mensch gegenüber feindselige Heimat zurückgekehrt, um in einem der verlassenen Dörfer, beispielsweise in der Kaluga-Region, zu sterben.

Bereits seit unzähligen Jahren sieht mein Frühstück unverändert aus: zwei pochierte Eier auf Toast, Paprika- und Tomatenstücke ohne Öl und Tee mit Milch. Dieses einfache Repertoire an Zutaten kann ich in der Nähe meines Hauses kaufen, wo Nachbarn einige Bänke unter einer Plane umgerüstet haben und das ganze Jahr hindurch Gemüse und Kräuter verkaufen. Aber ich bin nur selten Kunde bei ihnen.

Das Wetter sieht zauberhaft aus, ich ziehe ein altes Tweet-Jackett an, nehme meinen Rucksack, setze die Kopfhörer und die Sonnenbrille auf und verlasse die Wohnung. Den Fahrstuhl zu meiner Wohnung im siebten Stock benutze ich nie, sondern nehme die Treppe, in der naiven Annahme, dass mich das fit hält. Beim Hinabsteigen beobachte ich, was sich im Leben meiner Nachbarn tut. Im sechsten Stock ist eine Wohnung verkauft worden und die neuen Eigentümer renovieren; im fünften Stock hat wieder einmal ein Obdachloser übernachtet; im vierten Stock warten auf dem Weg zur Schule ein verhuschter Junge und seine füllige Mutter in Leggins mit Leopardenmuster auf den Fahrstuhl.

Ich trete auf den Hof meines achtgeschossigen Hauses mit fünf Hauseingängen, umgeben von Garagen, Autos und Asphaltwegen, Gartenhecken und einigen wenigen Bäumen. Im noch grünen Gras liegen Katzen und an der Hauswand steht ein Milchmann mit zwei Milchkübeln. Ich laufe vorbei am Nachbarhaus mit dem abblätternden Mosaik und den grauen Antennentellern über den neuen Plastikfenstern, vorbei am Maulbeerbaum, von dem bereits die Beeren auf den Asphalt herabfallen, vorbei an der kleinen Hütte, wo es von Zigaretten über Knöpfe, Sekundenkleber, Seife, Wasserpistolen, Tee, Batterien, Wodka und Kerzen bis hin zu alten Audiokassetten alles zu kaufen gibt, was auch immer jemand zu jeder Tages- und Nachtzeit brauchen könnte. An der Straße winke ich ein Taxi heran. In Taschkent kann ein Taxi jedes Auto sein, das in dieselbe Richtung fährt und dessen Fahrer nichts dagegen hat, ein bisschen dazuzuverdienen.

Das erste Taxi lasse ich vorbeifahren, das zweite fährt in die falsche Richtung. Ein weiteres Auto der Marke Nexia hält an:
— Wohin, Bruder? — fragt mich der Fahrer.
— Internationales Businesszentrum, bei der Nationalbank.
— Da, wo der Thälmannpark ist, oder wo?
— Nein, bei der Metrostation Badamsar, nach der Sofia-Brücke. Wieviel?
— Ach so, beim Park Pobedy. Was gibst du dafür?
— Ist vier ok?
— Mach fünf?
— Vier ist gut.
— Na gut, steig ein!

Ich lasse mich in den Beifahrersitz fallen, die Tür geht zu, Primal Scream schottet mich wieder von den Außengeräuschen ab, und schon schweben wir vorbei an den Betonhäusern, den Brücken, den Ampeln, vorbei an den einander ähnelnden Menschen mit ihren Alltagssorgen.

Das Auto bremst scharf beim Fußgängerübergang, den nervöse Studenten hastig überqueren, und in diesem Moment kommt mir ein Bulgakow-Zitat in den Sinn: „Die Kater, die die Veranda umstreunten, sahen nach Morgen aus. Über den Lyriker wälzte sich unaufhaltsam der neue Tag des Murmeltiers.“ Oder irgendwie so ähnlich.
© Aleksej Ulko

Aleksej Ulko

Linguist, Schriftsteller, Künstler. Arbeitet gegenwärtig mit Zeitschriften wie „Chudoschestwennyj Schurnal“, „ALUAN“, und „Kurak“ zusammen, aber auch mit den Verlagen Hertfordshire Press, Kuperard Publishing und verschiedenen Online-Ressourcen. 2007-2014 war er Teilnehmer und Jury-Mitglied einiger zentralasiatischer Festivals für Literatur und Experimentalfilme. Mitglied der Association of Art Historians und European Society for Central Asian Studies. Lebt und arbeitet in Samarkand und Taschkent.

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