Wie lebst du?


Verhaltenskodex im Wohnheim

Im ersten Jahr an der Universität zog ich bei meiner Mutter aus und in das Wohnheim Nummer 10 der Staatlichen Universität Nowosibirsk. Im "Zehner" wohnten Studenten der Geisteswissenschaft: Linguisten, Orientalisten, Historiker, Archäologen und Journalisten.

Roter Kaviar und Katzenfutter aus der Dose


In die recht großen Räume hatte man je drei Personen einquartiert. In den kleineren, je zwei. Ein kleines Zimmer war das Ziel, aber um es zu bekommen, musste man Student im höheren Semester oder schon verheiratet sein. In den großen Zimmer gab es fast keinen Raum für eine Art von Privatsphäre, aber es gab andere Vorteile, zum Beispiel Menschen, die mit einem das Essen teilen konnten. Dafür ging es in den großen Zimmern wiederum oft zu, wie auf dem Bahnhof, insbesondere, wenn sich „Seelenverwandte“ fanden; was gut war, denn wenn man sich nicht verstand mit seinen Nachbarn, war das Leben mit ihnen in gewissem Maße unerträglich.

Ich, als Einwohnerin von Nowosibirsk, kam über Beziehungen an ein Wohnheim, das inmitten des Kiefernwäldchens des Akademikerstädtchens lag, und ein ganzes Jahr lang musste ich nicht allzu früh aufstehen, um in Ruhe zu den Vorlesungen über alt-russische Literatur und die russische Sprache zu gehen. Aber habe ich das auch immer getan? Natürlich nicht, denn das Leben im Wohnheim machte viel mehr Spaß als das Lernen. Wir tranken und rauchten unendlich viel (glücklicherweise erst nach meinem Abschluss durfte man nicht mehr in den Fluren rauchen), liehen uns Geld und hatten alle drei Schulden als unsere Stipendien ausgelaufen waren.

Tabak und Bier waren in einem Wohnheim wertvoller als Essen. Einmal schenkte mir meine Kommilitonin eine Dose roten Kaviars und ich machte belegte Brötchen und ging sofort diese gegen Zigaretten tauschen. Im Wohnheim lernte ich also auch die für jeden Erwachsenen nützliche Fähigkeit Prioritäten zu setzen. (Essen kann man schließlich auch Instant-Nudeln.) Eines Tages fanden sich im Kühlschrank eines meiner Trinkgenossen Dosen mit Katzenfutter, was überraschend war, weil Katzen im Wohnheim verboten waren. Weil sich aber sonst nichts mehr darin fand, waren die Nudeln nach Seemannsart an diesem Abend eben ein bisschen „tierisch“.

Es ist unmöglich zu sagen, wie viele von uns gute Journalisten, Experten für die literarische Postmoderne oder längst toter Sprachen wurden, aber talentierte Sänger gab es im Wohnheim in Hülle und Fülle. Wir sangen im Chor, solo, a cappella, mit Instrumenten und ohne - das "Zehner" blieb mir vor allem durch seinen vielen Lieder und Gesänge in Erinnerung.

Moralischer Absturz


Wir begannen ausschließlich am Vorabend der Prüfungen zu lernen. Dann machte die Gitarre Platz für die Lehrbücher, und während der Prüfungen küssten sich die Studenten einen ganzen Monat lang nicht in den Fluren des Wohnheim, sondern paukten mit traurigen Gesichtern, paukten, paukten, und paukten...

Eines Tages, nachdem wir uns von der Vergleichenden Sprachwissenschaft freigemacht hatten, beschlossen eine Mitstudentin und ich, dass wir für heute genügend Vorlesungen besucht hätten und es Zeit sei, zu leben. Deshalb nahmen wir einige mitfühlende Jungs mit und gingen ins Einkaufszentrum, um Wein zu besorgen. Dann machten wir einen langen Spaziergang und atmeten die völlig berauschende Frühlingsluft des Akademikerstädtchens von Nowosibirsk. Und als wir zur Tür des Wohnheims kamen, stellten wir fest, dass sie bereits geschlossen war. Wir entschieden, über das Vordach durch ein Fenster im ersten Stock zu klettern, aber das klappte nicht. Es gab nur eine Lösung: an aus dem Fenster heruntergelassenen Decken in den ersten Stock zu klettern. Das Fenster wurde geöffnet, Decken heruntergelassen. Ich stieg als Erste hoch, aber als ich mich mit der Hand ans Fensterbrett klammerte, öffnete ich irgendwie die Finger und fiel auf den Asphalt und in Glasscherben. Ein paar Tage später ging ich hinkend in die Prüfung. Ich bin durchgefallen.

Nach einem Jahr im "Zehner" kam mir der Gedanke, dass ich die Universität auf diese Art und Weise nicht abschließen würde und kehrte zu meiner Mutter zurück. Aber das Wohnheim hat mich gelehrt, meine Kräfte einzuschätzen, um nicht schmerzhaft auf die Nase zu fallen. Ist es möglich, das zu lernen, wenn man die ganze Zeit bei seinen Eltern wohnt? Jetzt lebe ich mit meinem Sohn in einer Zwei-Zimmer-Wohnung am Rande der Stadt und schätze es sehr, dass es eine Ecke gibt, in die ich mich zurückziehen, rauchen, schreiben und lesen kann – einfach meinen Dingen nachgehen kann und weiß, dass man mich hier in Ruhe lässt. Aber wenn sich eine Chance ergibt, würde ich auf jeden Fall meinen Sohn ins Wohnheim schicken: denn dort wird er lernen zu leben.
© Margarita Loginowa

Margarita Loginowa

Ich bin Journalistin des informationsanalytischen Nachrichtenportals „tayga.info“ und Mutter. Ich schreibe über die Menschen, mag Gedichte und Dienstreisen.

Links

Margarita on Facebook
tayga.info


    Aktuelle Themen

    Ich nehm zwei

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen