Verwandlung


Wir sind schön

Freitagabend. Ich treffe mich mit Freunden und wie immer wissen wir, heute haben wir Spaß und morgen — Kopfschmerzen. Warum? Wo ist die unsichtbare Grenze, an der Spaß in den Filmriss umschwenkt? Wir beschließen, nicht einfach nur so zu feiern, sondern ein halbwissenschaftliches Experiment zu starten: Wir schreiben unsere Gefühle im Laufe unseres Bar-Hoppings durch die Nacht auf. Unser Ziel: Den Moment nicht zu verpassen, an dem gerade alles noch toll ist, aber Zeit ist, die Spaßbremse zu drücken: damit der nächste Tag, ein guter Tag wird.

19:00. Zwei Glas Bier. Spontanität gegen Nörgelei
© Alina Shubska Am Freitag ist es nicht einfach irgendwo einen freien Tisch zu ergattern, aber wir haben einen Geheimtipp. Eine günstige Kneipe mit gefühlt einer Million Stühlen und drei Bartresen. Bedient wird schnell, frei nach dem Motto: trink und geh. Das finden wir gut. Wir glühen mit einem Bier vor, dann mit noch einem. Das erste Foto des Experiments wird gemacht. Wir notieren jeden Scherz auf und hoffen, dass der sich wandelnde Humor uns zeigen wird, wann die Grenze naht. Das zweite Bier entspannt uns, wir quatschen, legen die Notizen beiseite und erinnern uns nur an Momenten ausgelassenen Gelächters an unsere Initiative.

19:30. Und los! Zwei extreme Tequilas und ein Spaziergang
© Alina Shubska Wenn sich alle entspannt haben, die Probleme der letzten Woche ausdiskutiert wurden (nach einem Liter sind es vor allem die, die man auf keinen Fall ansprechen wollte!), sind wir bereit für Abenteuer. Nein, wir wollen den Verkäufer nicht mit Spinnern auf den Baum jagen. Uns ist nach etwas Angenehmen. Und das erklärt die Wahl unseres nächsten Cocktails: «Tequila Boom» (die Barkeeper kriegen uns heute Abend nicht so schnell wieder los). Die Frage: «Mit Bauarbeiterhut?» bejahen wir. Wir wissen nicht, was genau das bedeutet, aber es kann nur lustig werden oder? Der Bauarbeiterhut ist dazu da seinen Freunden, den Tequila «boom» ins Gesicht zu schütten. Wir sind nass, aber glücklich — die Wirkung der 40° machen es möglich. An dieser Stelle beschließen wir ein bisschen spazieren zu gehen — bis zur nächsten Bar: Wir haben Adrenalinüberschuss und an einem Tisch hat der nichts zu suchen.

20:00. Erste Frau mit Baumstumpf. Süßer Schnaps — bitterer Schnaps
© Alina Shubska Wir finden eine kleine Bar, die aussieht, als wäre sie geschlossen. Aber «Tequila Boom» pocht in uns, wir wollen es genau wissen und sehen nach. Heureka, sie ist offen! Eine Familie verkauft Liköre und Schnäpse eigener Herstellung: aus Beeren und Kräutern, Süße und Bittere. Hier gibt es für jeden Geschmack etwas. Wir bestellen drei Süße und drei nach Wahl des Barkeepers. Wir sind mutig, wir fordern kostenlose Snacks. Der Barkeeper bringt uns ein Teller Likörkirschen und warnt uns vor ihnen, sie sollen sehr beschwipst sein. Genau das, was wir brauchen!
© Alina Shubska Die süßen Liköre und Schnäpse schläfern unsere Wachsamkeit ein. Ohne Angst vor dem Morgen trinken wir weiter. Jetzt kippen wir einen bitteren Kräuterschnaps, nehmen dazu die Kirschen und sind definitiv beschwipster, als die. Wir realisieren, dass wir den Moment zwischen dem «noch mehr» und «jetzt reicht es» zusammen mit der Kirsche vernascht haben. Aber wir sind gut drauf und beschließen weiter zu machen. Wir erinnern uns, dass wir eigentlich unsere Abenteuer notieren wollten. Um möglichst deutlich unseren veränderten Zustand zu zeigen, nehme ich irgendein Holzklotz in die Hand. Die Barherrin ruft entzückt durch den Raum: «Sie sind die erste Frau, die diesen Holzklotz je heben konnte!». Klar doch, schließlich ist die Kraft des Bieres, Tequilas und der hausgemachten Schnäpse in mir!

20:30. Essen und weiter gehts
© Alina Shubska Wir beschließen, uns etwas zu bändigen, sonst könnte das Experiment scheitern. Wir gehen zum Asiaten. Um nicht ganz nüchtern zu werden, trinken wir Bier zum Essen. Wir werden alles andere als nüchtern und sind uns plötzlich einig, dass wir es bald nicht mehr nach Hause schaffen. Also beschließen wir, in die Bar neben unserem Hause zu gehen (glücklicherweise sind alle Trinkgenossen Nachbarn).

21:00. Drei Shots, ein Longdrink und ein kaputtes Handy
© Alina Shubska Im Taxi überlegen wir uns, was wir trinken werden. Die Bar, in die wir fahren bietet exklusive Cocktails an. Wir beschließen, mit dem Shot des Tages anzufangen und später den von uns heiß geliebten Longdrink «Böser Hund» zu trinken. Doch heute gibt es keinen «bösen Hund». Wir beschweren uns, rufen lauthals nach dem Barmanager, doch der kommt nicht. Der Barkeeper verspricht uns dafür einen Cocktail zu mixen, der noch besser ist.
© Alina Shubska Wir beruhigen uns mit noch einem Shot und danach ist uns eigentlich alles egal. Mein Handy fällt zu Boden. Der Bildschirm hat Risse, die Kamera fotografiert mit Leuchtpunkten. Also machen wir schnell ein Selfie mit Leuchtpunkten. Meine Kamera wird nicht zu einer kaputten, sondern zu einer Besonderen. Der Longdrink ist da. Er ist so gar nicht wie der, den wir haben wollten, aber eigentlich ist es uns egal. Wir kippen noch einen Shot hinterher und machen noch mehr Fotos.

21:30. Ich schenke dir einen Wagenheber, nur lass mich in Ruhe!
© Alina Shubska Wir haben Hunger. Wenn man betrunken ist, gibt es nichts, was einem vom Essen abhalten könnte. Diäten, gesunde Ernährung, zu viele Kilos auf den Rippen — das alles spielt keine Rolle mehr. Ich verlange von meinen Freunden, dass wir Burger essen gehen. Meine Freunde sind gemein und erinnern mich daran, dass ich gerade schon deftig gegessen habe. Ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin faul und zu gut drauf. Ich verspüre Tatendrang, aber ich kann keine Fotos mehr machen, mein Speicherplatz ist voll. Ich rauche (eigentlich rauche ich nicht). Ich lerne die Frau kennen, die mir eine Zigarette spendiert hat. Ich weiß nicht mehr, worüber wir reden, aber am Ende des Gesprächs verspricht sie, mir einen Wagenheber zu schenken. Nach 1,5 Liter Bier, einem «Tequila Boom», zwei Schnäpsen, drei Shots und einem Long bin ich wohl recht sympathisch. Oder sie wollte mich einfach los werden (ich glaube, ich war sympathisch!)

22:00. Wir sind schön
© Alina Shubska Allem Anschein nach, haben wir es alle nach Hause geschafft. Mein kaputtes Handy hat fröhliche Gesichter fotografiert. Die letzte Notiz war: «Wir sind schön». Und am nächsten Morgen ist klar — diese Nacht werden wir nicht so schnell vergessen!

Alina Shubska


Redakteurin, Bloggerin, Opinion-Maker bei Facebook, Weinexpertin und Pizzaiolo. Hat sieben Jobs, aber ist immer offen für Neues. Für neue Eindrücke und Erfahrungen ist sie schon mal bereit sich spontan ins Flugzeug zu setzen und um die halbe Welt zu fliegen.

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