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blumen. papageien. chatschapuri.

 © Maka Kukolove
Vor der Blumenabteilung steht ein hübsch gekleideter junger Mann und starrt nachdenklich vor sich hin. „Können Sie mir bitte helfen? Ich brauche schöne Blumen für mein Date, sie sollten aber nicht so teuer sein“, sagt er nach einer kurzen Pause und lächelt die Verkäuferin an. Seinem Wunsch nachkommend, läuft sie dann hin und her und greift nach den passenden Blumen. Die 32-Jährige trägt ein langes, meerblaues Kleid.
 © Maka Kukolove
„Dieser Mann war nett, aber manchmal kommen sehr freche Leute zu mir. Manche Kunden wollen mir erklären, dass Milch schwarz sei; und mir bleibt dann nichts anderes übrig als zuzustimmen“, sagt sie und lacht dabei.

Doch dann wird ihre Stimme ernst, sie spricht immer aufgeregter und je aufgeregter sie spricht, desto mehr gestikuliert sie dabei: „Nee wirklich“, fügt sie weiter hinzu, „Ich arbeite von acht Uhr morgens bis sieben Uhr abends auf dem Markt und ich kann nicht einmal genug für mich selbst verdienen. Wie es gewesen wäre, wenn ich Kinder hätte? Ich will es mir gar nicht vorstellen.“ Sie starrt traurig auf eine Orchidee. „Tja, aber wer in Georgien ist heute schon zufrieden mit seinem Lohn?“
 © Maka Kukolove
Sie ist nicht mal fertig mit ihren Worten, als eine alte Dame mit einer mittelgroßen Kiste vorbeiläuft und einem etwa 16-jährigen Mädchen zuruft: „Komm doch her, meine Hübsche, kauf mein leckeres Chatschapuri.“ Das Mädchen blickt auf das goldgelbe Brot, in dessen Mitte ein Spiegelei mit Kräutern ist, und fragt: „Ist es noch warm?“

Auf den vielen Märkten Georgiens versammeln sich Jung und Alt. Die Älteren, die hin und her laufen und auf der Suche nach den günstigsten Produkten sind, kommen häufiger hierher, aber auch nicht viel seltener sind neben ihnen Jugendliche zu sehen, die beim Tütentragen helfen oder versuchen, die Kaufentscheidungen der Großeltern zu beeinflussen. Die georgische Markttradition ist bis heute trotz der vielen modernen Shoppingzentren lebendig geblieben und nicht vom Aussterben bedroht. Der Markt war und ist bis heute ein wichtiger Bestandteil der georgischen Kultur.
 © Maka Kukolove
Und was findet man auf einem georgischen Markt denn nicht? Neben Fisch oder Fleisch, Obst oder Gemüse und Süßigkeiten wie Tschurtschchelas, also Walnüssen in Traubensaftgelee, werden hier viele Arten von Blumen verkauft, deren Duft man sogar am anderen Ende des Marktes wahrnehmen kann. Es sind hier außerdem große oder kleine Uhren, neue oder gebrauchte Klamotten und sogar Papageien zu finden, die die ganze Zeit zwitschern und den Markt lebendiger machen, während sie in ihren weiß gefärbten Käfigen auf einen neuen Besitzer warten.
 © Maka Kukolove
In einer Ecke sieht man, dass ein Fischverkäufer sich mit einem Käufer im Preis nicht einig werden kann. Es wird lange gefeilscht, bis er schließlich enttäuscht zu dem Mann, der seinen Fisch zu teuer findet, sagt: „Du bist kein echter Kunde!“

Am Ende des Marktes steht ein kleines Mädchen mit zwei langen blonden Zöpfchen. Sie zieht am T-Shirt ihrer Mutter und besteht darauf, nach Hause zu gehen. Doch die Mutter hat es nicht so eilig und sobald sie dem Kind eine Banane verspricht, hört es auf zu jammern. „Komm her zur Omi, Kleine, hierher!“ Eine Verkäuferin greift nach einer Banane, gibt sie dem Kind und streichelt ihm dann über den Kopf. Jetzt ist das Mädchen mit den Zöpfchen zufrieden.
 © Maka Kukolove
Je tiefer man in den Markt hineingeht, desto unterschiedlichere Menschen trifft man. Manche reden auch auf anderen Sprachen wie Chinesisch, Türkisch oder sogar Deutsch. Einige sind zwar in Eile und winden sich geschickt, den anderen Besuchern ausweichend, durch die engen Gassen. Doch für die meisten ist der Markt der perfekte Ort, um Zeit zu verbringen und Bekannte zu treffen.
 © Maka Kukolove
Es ist Anfang September und zwischen all den vielfältigen Waren finden sich auffallend viele Schulsachen, denn das neue Semester hat gerade begonnen. In all dem Trubel hört man immer wieder Musik und hier, wo gerade eine alte Frau ihren Kopf auf ihren Ladentisch legt, spielt das georgische Volkslied „Gandagana“. Man kann nicht sagen, ob sie die Musik genießt oder einfach einen anstrengenden Tag hatte, vielleicht auch beides.

Die meisten Verkäufer kennen sich und erzählen einander von ihrem Kummer. So fragt eine: „Ich bin dicker geworden, oder?“ Da hört man plötzlich, wie eine andere Verkäuferin sie ruft: „Nata, hilf mir bitte!“ Aber diese kann die Antwort auf Ihre Frage schon nicht mehr hören, denn die Arbeit ruft.

Fotos:

Maka Kukolove

Text:

Vika Mirianashvili

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