Motor


Shakespeare in der Machnov-Bande

Jonny Kurlowitsch-Belyawski ist Rock ’n’ Roller und Meister der Episodenrollen aus Minsk. Sein Portfolio zählt schon über dreißig Rollen. Wie es dazu kam und wie viel man für die Rolle einer Leiche bekommt, erzählt er "Konverter" in einem Interview.

© Aleksandr Romankowski Fangen wir doch ganz von vorne an: Wann und wie war dein erstes Mal an einem Filmset?

Ich stand nervös an der Bushaltestelle. Ich war spät dran und der Bus kam und kam nicht. Also rauchte und rauchte ich und starrte dabei die ganze Zeit auf das Gebäude von "Belarusfilm" gegenüber. Und anstatt weiter Löcher in den Boden zu stehen, beschloss ich dort einen Kumpel zu besuchen — einen Produzenten. An Samstagen verkaufte er immer Platten in einem Kulturzentrum und ich war sein Stammkunde. Also lief ich zu "Belarusfilm" und stieß dort im Foyer auf einen Castingaufruf — Komparsen und Nebendarsteller wurden gesucht. Ich bewarb mich spontan, füllte einen Fragebogen aus, wurde von allen Seiten fotografiert. Eine Woche später bekam ich meine erste Rolle. Meine Frau und ich spielten ein Studentenpärchen bei einer Vorlesung. Nichts Besonderes, aber bald folgten weitere Rollen und so ging es dann immer weiter.

Was war deine Motivation diesen Job zu machen?

Ehrlich gesagt gab es keine. Es war pures Interesse. Ich wollte wissen, wie Filme gedreht werden, wie es am Filmset ist. Na und natürlich wird der Job auch bezahlt, das war nicht wirklich die Motivation, aber trotzdem ein kleiner Ansporn.

Da wären wir beim Thema Geld: Wie viel bekommt man im Schnitt für eine Episode?

Ehrlich gesagt gar nicht so viel. Vor allem Komparsen werden nicht sehr gut bezahlt. Wir bekommen hier auf jeden Fall weniger, als wir in Moskau verdienen würden. Deswegen werden die meisten russischen Serien in Weißrussland gedreht. Das ist billiger, die Qualität aber genauso gut. Was ich sicher sagen kann, dass man im Voraus alle Bedingungen klipp und klar klären sollte, sonst kommt es im Nachhinein zu Missverständnissen und Problemen. Der Preis hängt davon ab, welches Budget das Projekt hat und ob man schon einen Namen hat oder ganz neu ist. Für eine Episode bekommt man in einem Projekt 100 Dollar, in einem anderen viel weniger. Es gab einen Fall, da wollte man eine bekannte, weißrussische Schauspielerin für 25 Dollar engagieren. Im Endeffekt hat diese Rolle dann die Nachbarin eines Castingassistenten gespielt. So ist das manchmal beim Film.

Aleksandr Romanowski © persönliches Archiv

Du spielst oft solche Figuren, wie Nazideutsche, Hipster, Bettler. Was glaubst du, warum du keine romantischen, positiven Rollen bekommst?

Schwer zu sagen, das ist eher eine Frage an die Regisseure. Ich bin vom Typ her wohl für solche Rollen passender, da ist die Versuchung wohl nicht so groß mich den Romantiker spielen zu lassen. Obwohl, alles ist möglich…

Aleksandr Romanowski © persönliches Archiv

Wie viele Rollen hast du insgesamt schon gespielt?

Knapp 30 Rollen sind es auf jeden Fall. Es gibt Leute, die sich ihre jede, auch noch so kleine Rolle notieren und dann auf die Premiere warten. Vielleicht ist das ja auch richtig so. Ich bin da aber anders. Wenn meine Rolle abgedreht ist, ist die Sache für mich abgehakt. Manchmal interessiere ich mich noch nicht mal dafür, wo ich überhaupt mitspiele. Ich frage oft gar nicht nach dem Projekttitel. Wozu auch? Ich werde das mit 80-prozentiger Sicherheit sowieso niemals angucken. Übrigens habe ich festgestellt, dass ich weniger Filme sehe, seit ich als Nebendarsteller arbeite. Ob das Zufall ist?

Wieder zurück zum Thema Geld. Was ist deiner Meinung wichtiger — die Kohle oder die Möglichkeit Screentime zu bekommen, vielleicht entdeckt zu werden?

Ich würde sagen, das ist bei jedem anders. Aber meiner persönlichen Statistik nach geht es den meisten doch eher um die Möglichkeit Screentime zu bekommen, im Bild zu sein. Idealismus ist ja eigentlich eine gute Sache. In dem Fall vor allem für die Produzenten von Vorteil. Denn idealistische Darsteller sind billig oder sogar kostenlos. Ich finde allerdings, dass jede Arbeit bezahlt werden muss. Ich finde es unangenehm, dass Schauspieler wie Schlachtkälber benutzt werden und sich auch noch darüber freuen. Übrigens ist das eine allgemeine Charaktereigenschaft unseres Volkes. Aber irgendwann muss man doch anfangen, sich selbst zu respektieren!

Aleksandr Romanowski © persönliches Archiv

Ich kann verstehen, warum Rentner zum Filmset kommen: Sie sind oft einsam und langweilen sich. Am Set finden sie neue Freunde und Input, außerdem bekommen sie auch ein bisschen Taschengeld. Dann gibt es Arbeitslose, für die solche Filmengagements eine Art Rettungsring sind. Also gibt es durchaus auch viele Leute, bei denen die Frage des Geldes an erster Stelle steht.

Allerdings muss man sagen, dass das Gehalt eines Nebendarstellers gerade einfach nur sinkt. Vielleicht ist es deswegen für viele nur ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung. Ich gehöre auch zu dieser Kategorie. Ich mache nur noch mit, wenn ich von Freunden angefragt werde. Schließlich hat man nicht immer Lust sein Wochenende 12 Stunden am Filmset zu verbringen, für wenig Geld und wenig Screentime.

Wie läuft das Auswahlverfahren? Kann ich als ganz normaler Typ aus Sibirien einfach bei einem Filmdreh auftauchen und sagen: Hey Leute, ich will in eurer Sitcom für 100 Dollar spielen?

Durch das Internet und soziale Netzwerke ist alles viel einfacher geworden. Vor acht Jahren hatten wir in Minsk nur eine Castingagentin, die eine Datenbank geführt hat. Sie hat von Regisseuren Anfragen bekommen und dann nach dem richtigen, vom Typ passenden Darsteller gesucht. Heute findet man in sozialen Netzwerken alles - sowohl Schauspieler, als auch Jobangebote. Man braucht sich nur noch durchzuklicken. Auch Castings finden oft statt. Wenn man also den Wunsch hat, an ein Filmset zu gelangen, dann schafft man es heutzutage ziemlich leicht.

Aleksandr Romanowski © persönliches Archiv

Gibt es einen Unterschied zwischen der Stellung eines Nebendarstellers in Russland und Weißrussland? Wenn ja, womit hängt das zusammen?

In Russland habe ich nie gedreht, deswegen kann ich nur wiedergeben, was mir Kollegen erzählt haben. Einen großen Unterschied gibt es in dieser Hinsicht nicht. Nur was die Bezahlung angeht. Bei uns drehen ja auch russische Schauspieler, auch wenn der Großteil der Crew immer weißrussisch ist. Aber dadurch, dass es russische Produktionen sind, sind auch die Arbeitsverhältnisse maximal russisch. Wobei jede Produktion eigene Gesetze hat, auch, was die Arbeit mit Schauspielern angeht. Ich erinnere mich noch an ein Team aus Usbekistan. Das war ganz anders, da wurden sogar Nebendarsteller wie Stars behandelt.

Gibt es Rollen, für die man potenziell immer mehr Geld bekommt? Beispielsweise bei risikoreichen Rollen?

Bei risikoreichen Rollen kommt dann eher ein Stuntman ins Spiel, als ein Komparse und das ist dann eine ganz andere Preiskategorie. Aber für die Rolle einer Leiche bekommt man mehr, als wenn man einfach mit einer netten Dame eine Promenade entlang spaziert. Und nicht zu vergessen sind natürlich auch Nacktszenen, die werden auch besser bezahlt.

Aleksandr Romanowski © persönliches Archiv

Was war deine seltsamste Rolle?

Ich fand es schon immer seltsam, Bullen zu spielen. Das musste ich schon oft. Im wahren Leben bin ich ja sonst, wie die Mehrheit aller Menschen, auf der anderen Seite. Ich hatte aber schon häufig recht komische Situationen wegen der Polizistenrollen. Als ich einmal festgenommen worden bin und im Revier befragt wurde, lief das in etwas so ab:

Polizist: "Name, Beruf".
Ich: "Habe gerade meine Schicht beim Film beendet und beschlossen mich ein bisschen zu entspannen nach dem langen Arbeitstag".
Polizist: "Ach, ein Schauspielerchen also bist du? Na, wen hast du gespielt?"
Ich: "Also, ich habe im Grunde Sie gespielt".

An dem Abend hat mich diese Rolle gewissermaßen gerettet.

Dann gab es noch absurde Situationen: In einem Film habe ich drei Rollen gleichzeitig gespielt. Ich glaube, das war in der Serie „Ermittler Protasov“. Ich war Polizist, Gefangener und Anwalt. Und es gab keine Maske bei dem Projekt, drei verschiedene Charaktere hatten also dasselbe Gesicht, und zwar meins.

Welche Rolle würdest du ohne mit der Wimper zu zucken annehmen und welche für kein Geld der Welt spielen wollen?

Gott würde ich sofort spielen wollen. Aber so weit bin ich noch nicht, da braucht man mehr Erfahrung, das ist eine komplizierte Figur. Spaß beiseite: Ich hab noch nie wirklich darüber nachgedacht, aber ich möchte vieles ausprobieren, aber die Wahl hat man nicht wirklich. Was ich nie machen würde, ist bei Propagandafilmen unserer aktuellen Regierung mitzuwirken. Man hat bei uns zum Beispiel den Film "We — Brothers (Abel)" gedreht, über die Wahlen in Weißrussland im Jahr 2011. Da gab es die Möglichkeit wieder Polizei zu spielen und die weißrussische Opposition niederzuschlagen. Unangenehme Sache, das habe ich abgelehnt.

Hast du jemals das Angebot bekommen vom Nebendarsteller in die Rolle des Hauptdarstellers zu wechseln?

Eigentlich nicht, allerdings war es auch nie mein Ziel. Mit einer Filmcrew zusammenzuarbeiten ist für mich an sich viel spannender, als eine Rolle zu spielen. Das weiß ich jetzt.
Foto: Aleksandr Romanowski © persönliches Archiv

Aleksandr Romanowski


Aleksandr Romanowski - der letzte deutsche Punk Nowosibirsks.

Andere Themen





    Aktuelle Themen

    Haben und sein

    Nimm und sei glücklich

    Motor

    Die Kasse ist frei!

    Papier

    Universalrezept zum Glücklichsein

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Die Grenzen von Hell-Dunkel durch den Fokussierungspunkt

    SEROTONIN

    Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen