Zeit


Wir leben in einer zu langsamen Welt

[Russland] Es scheint, als ob wir alles über Zeit wissen. Aber können wir wirklich auf die Frage antworten, was das ist und welche Geschwindigkeit Zeit hat? Wie haben wir sie in unserer Kindheit und Jugend wahrgenommen und wie unterscheidet sich mathematische Zeit von der psychologischen? Wie kann man sie zum Stoppen bringen und kann uns dabei eine Zeitmaschine behilflich sein? Die Biologin Olga Loginova, die Psychologin Maria Tschereschnewa und die Physiker Ruslan Muchamadjarow und Michail Petrow haben uns geholfen, Antworten zu finden.

Über das Wesen der Zeit


— Wie hat sich die Vorstellung der Wissenschaft über Zeit im Laufe der Jahrhunderte verändert?

Ruslan: Es gibt zwei Interpretationen von Zeit: die Erstere besagt, Zeit sei absolut. Dieses Konzept hat im XVI. Jahrhundert der berühmte italienische Physiker Galileo Galilei eingeführt. Was bedeutet das? Zeit fließt immer und überall gleich: in jeder Ecke unseres Planeten und auch außerhalb der Erde. Eine Sekunde bleibt eine Sekunde, die Minute wird immer aus 60 Sekunden bestehen und so weiter. Alles sehr logisch, nicht wahr? Sonst würden wir ja auch kein System brauchen, was Zeit zählt.

Das haben Menschen bis einschließlich ins XX. Jahrhundert geglaubt. Doch dann kam Einstein und bewies, dass Zeit relativ ist. Also, dass Zeit in verschiedenen Ecken unseres Universums in uneinheitlichem Tempo vergeht. Stellen Sie sich vor, eine Halskette würde zerreißen und all ihre Perlen rollten auseinander. Irgendwo auf dem Boden findet sich dann eine dichte Ansammlung von ihnen wieder, und irgendwo nur einzelne Perlen oder ein paar zusammen. Die Perlen werden also nicht einheitlich verstreut auf dem Boden liegen. So ähnlich ist es mit unserem Universum: in einem Teil befinden sich viele Planeten, in einem anderen ist es umgekehrt. Einsteins Theorie zufolge ist Zeit genauso heterogen wie Raum. Sprich, Zeit vergeht nicht überall gleich. Wovon hängt ihr Tempo ab? Je höher die Planetenmasse, desto stärker wird der Raum gedrückt und desto langsamer vergeht die Zeit. Massive Objekte deformieren und ziehen Zeit und Raum zu sich. Die Masse der Sonne ist beispielsweiße größer, als die aller Planeten zusammen. Das heißt, Zeit vergeht in Sonnennähe langsamer.

Erinnern wir uns doch an den Film „Interstellar“: schwarze Löcher haben solch eine Masse, dass sie Zeit und Raum verzerren und eine abgrundtiefe Schlucht in ihnen bilden. Für einen Beobachter wird es so aussehen, als ob der Abenteurer immer langsamer in das schwarze Loch gesogen wird, bis er über den Ereignishorizont kommt und gänzlich zum Stehen gebracht wird.

Мichail: Zeit wird auch von Geschwindigkeit beeinflusst. Stellen wir uns zwei Objekte vor: bewegen sie sich in unterschiedlichem Tempo, vergeht für sie auch Zeit verschieden. Das ist eine wissenschaftliche Tatsache. Ein anderes Beispiel ist ein Experiment an der Schnittstelle zwischen Physik und Philosophie: ein Zwilling fliegt in den Weltraum, der andere bleibt auf der Erde. Dann kehrt der Reisende aus dem Weltraum zurück nach Hause. Das Paradoxe: der Zwilling zu Hause empfindet Zeit anders als sein Bruder. Die Uhr des Zwillingsbruders wird nach der Rückkehr aus dem All etwas nachgehen. Er ist also nach der Reise etwas jünger geworden als sein Zwillingsbruder.

Ruslan: Ein weiteres Beispiel ist das „Myon“: ein Elementarteilchen, was auch als kleiner Bruder der Elektronen bezeichnet wird. Myonen sind aus dem Weltall. Ihr Leben dauert nur 2,2 Mikrosekunden. Wie schaffen sie es, in dieser Zeit die Erde zu erreichen, und durch die Atmosphäre zu dringen? Ganz einfach: das Myon kosmischer Strahlen hat eine Geschwindigkeit, die man mit Lichtgeschwindigkeit vergleichen könnte. Durch die Zeitverzögerung kann man sie sehr leicht an der Erdoberfläche entdecken. Mit anderen Worten, für Myonen vergeht Zeit langsamer.

Michail: Die Wissenschaftler Joseph Hafele und Richard Keating führten folgendes Experiment durch: sie haben vier sehr genaue Cäsium-Atomuhren an Bord eines Flugzeuges synchronisiert, das dann zwei Mal um die Welt flog. Als man danach die Uhren verglich, stellte sich heraus, dass sie langsamer gingen. Natürlich war die Differenz nicht katastrophal. Wenn man in den Urlaub fliegt, heißt es nicht, dass die eigenen Freunde alt geworden sind, während man am Strand in der Sonne lag. Aus kosmischer Sicht fliegt ein Flugzeug sehr langsam. Wir spüren diese Verlangsamung nicht, wenn wir uns im Objekt selbst befinden, und leben sowieso im Großen und Ganzen in einer sehr langsamen Welt. Deswegen funktioniert Galileis Zeittheorie für uns noch heute.

— Im Physikunterricht in der Schule wird uns beigebracht, dass Zeit eine umkehrbare Bewegungsgröße ist. Philosophen bestehen allerdings auf ihrer Nichtumkehrbarkeit: Zeit bewegt sich aus der Vergangenheit in Richtung Zukunft. Was ist die Wahrheit?

Michail: Erinnern Sie sich an den Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ von Kurt Vonnegut? Für Trafalmadorianer sind Momente aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existent und werden es immer bleiben. Sie können jeden Moment so betrachten, wie wir „die gesamte Gebirgskette“ erfassen können. Sie konnten ihren Film sozusagen zurückspulen. Wir dagegen (zum Glück oder Unglück) leben in einer anderen Welt. Natürlich ist die These der Nichtumkehrbarkeit der Zeit im Großen und Ganzen richtig. Wir sind es gewohnt, dass Zeit vom Anfang bis zum Ende läuft. Stellen Sie sich ein Auto vor, was von A nach B fährt. Wenn Sie die Zeit zurückspulen (in der Koordinatenachse von t zu –t), dann kehren die Prozesse um. Das Auto, das Sie lenken, kehrt in die Anfangslage zurück. Allerdings wird das nicht immer so passieren. Es existieren Systeme, in denen die Nichtumkehrbarkeit der Zeit gebrochen wird und die moderne Wissenschaft erforscht dies.

— Ist die Zeitmaschine also nur ein Mythos? Können wir, auch wenn sie erfunden werden sollte, trotzdem keine Fehler aus der Vergangenheit rückgängig machen?

Michail: Momentan ist das unmöglich. Dieses Problem lässt sich besser verstehen, wenn man etwas über die Eigenschaften der Quantenelementarteilchen weiß. Stellen Sie sich einen Billardtisch vor. Die Kugeln sind die Teilchen, die Atome Elektronen. Sie liegen nicht auf der Oberfläche des Tisches, sondern bewegen sich chaotisch. Das bedeutet, Sie können ihren Aufenthaltsort nur ungefähr definieren. Die Kugeln haben dabei keine harte Struktur, ihre Grenzen sind verschwommen. Sie haben also eine solche „Kugel“ erwischt und gestoßen. Spulen wir den Film zurück: Die Kugel wird nicht in ihre Startposition zurückkehren, sie wird ihre chaotische Bewegung unabhängig von Ihrem Wunsch fortsetzen. Noch eine Illustration davon, dass Prozesse nicht rückgängig gemacht werden können, auch wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten.

— Die Wissenschaft ist uns Otto-Normal-Bürgern also meilenweit voraus...

Мichail: Die physikalische (mathematische) Zeit spüren wir nicht und können sie uns nicht immer vorstellen. Unsere normale Wahrnehmungskraft reicht nicht aus, um das moderne Zeitkonzept zu erfassen. Wir sind es gewohnt, dass etwas Rundes rollt, die Minute 60 Sekunden hat und man eine brennende Kerze auspusten kann. Aber das ist nur ein Teil der Realität, in der wir leben. Beispielsweise denken Mathematiker in fünfdimensionalen, vieldimensionalen Räumen. Das bedeutet, dass Physiker, Biologen und Psychologen ein anderes Zeitverständnis haben.

Psychologische Zeit


— Eine der interessantesten Fragen ist — wie nehmen wir Zeit wahr? Claudia Hammond, eine britische Forscherin und Journalistin der BBC schreibt in ihrem Buch „Time Warped: Unlocking the Mysteries of Time Perception“, dass wir Ereignisse nicht in Zeit messen, sondern mithilfe der Anzahl von Eindrücken. Stimmt diese Behauptung?

Maria: Die Menschen bewerten die Dauer jedes Ereignisses von zwei Standpunkten aus: ob das Ereignis noch nicht oder schon vorbei ist. Unsere Wahrnehmung von Zeit variiert außerdem je nachdem was wir machen und wie wir dazu stehen. Zeit vergeht sehr schnell, wenn uns etwas Spaß bereitet. Im Nachhinein haben wir den Eindruck, die Zeit wäre langsam vergangen (genau umgekehrt, wenn uns etwas gelangweilt hat).

Olga: Der Grund dafür ist, dass unser Gehirn Eindrücke codiert, neue Informationen „aufzeichnet“. Genau deswegen basieren Eindrücke vergangener Ereignisse darauf, wie viele neue Erinnerungen das Gehirn generiert hat. Mit anderen Worten, je mehr neue Erinnerungen wir im Urlaub bekommen, desto länger kommt uns später diese Reise vor. Diese Erscheinung hat Hammond als „holiday paradox“ bezeichnet.

Maria: In der Psychologie bezeichnet man diese Erscheinung als „Gesetz eines erfüllten Zeitraums“: je ereignisreicher der Zeitabschnitt, desto länger kommt er uns vor. Das bedeutet, dass psychologische, subjektive Zeit sich fast immer von der objektiven unterscheidet. Aber in Bezug auf die Gegenwart gilt ein anderes Gesetz: Wenn die Gegenwart ereignislos ist und Sie eine langweilige, routinierte Handlung vollführen, bekommen Sie das Gefühl, dass Zeit sich streckt. Die Wartezeit eines Wunschereignisses verlängert sich, während die eines nicht herbeigesehnten sich verkürzt.

— Gibt es auf der Welt Lebewesen, die Zeit langsamer oder schneller als wir wahrnehmen?

Olga: Hunde können kein Fernsehen „gucken“, da für sie der Wechsel der Bilder nicht schnell genug ist. Fliegen dagegen „sehen“ die auf sie zukommende Zeitung in einem sehr, sehr langsamen Tempo (obwohl wir das Gefühl haben in Sekundenschnelle zugeschlagen zu haben). „Die Fliege entkommt dem Schlag genauso, wie Keanu Reeves bei Matrix den Kugeln entkommt“, sagen irländische und schottische Forscher, die dies 2013 untersucht haben.

Die Gabe, Zeit auf verschiedene Art und Weise wahrnehmen zu können, kann für sich sehr schnell bewegende Lebewesen, eine Frage von Leben und Tod sein. Etwa für Raubtiere und ihre Opfer, wie der Zoologe aus dem Trinity-College in Dublin, Kevin Healy behauptet. Sein Team hat die Zeitwahrnehmung verschiedener Tierarten mithilfe von Geschwindigkeitsmessung, mit der das Auge das Licht verarbeitet, erforscht. Nachdem die Ergebnisse als Diagramm aufgezeichnet wurden, konnte man einen klaren Zusammenhang zwischen der Körpergröße und der Reaktionsgeschwindigkeit der Augen auf die Veränderung visueller Informationen feststellen. Tiere mit den schnellsten visuellen Systemen sind Ziesel, Stare und Tauben. Am langsamsten nehmen Schildkröten, Aale und Haie unsere Welt wahr. Das heißt, dass die Zeitwahrnehmung sogar unter Tieren subjektiv ist.

— Man sagt, dass Zeit mit den Jahren schneller vergeht. Gab es Forschungen dazu?

Оlga: Dieses Phänomen interessiert schon lange sowohl Biologen als auch Psychologen. Im Jahr 2005 haben die Psychologen Marc Wittmann und Sandra Lenhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität München unter 499 Menschen im Alter zwischen 14 und 94 Jahren nachgefragt, wie sie verschiedene Zeitabschnitte beurteilen. Die Umfragen haben gezeigt, dass kleinere Zeitperioden, wie Tage oder eine Woche von allen Altersgruppen gleich bewertet werden. Für längere Zeitspannen, wie Jahre oder Jahrzehnte ist es anders. Ältere Leute empfinden, dass sie schnell vorübergehen. Umfrageteilnehmer über 40 haben zugegeben, dass Zeit in ihrer subjektiven Wahrnehmung in der Kindheit langsamer floss, als im Erwachsenenalter. Es gibt die Meinung, dass das mit dem Gehirn im Zusammenhang steht: Es synthetisiert visuelle und auditive Informationen langsamer. Dafür gibt es auch psychologische Gründe: Man hat weniger Lebenszeit und Zeit scheint schneller zu vergehen.

Maria: Im Lehrbuch „Einstieg in die Allgemeinpsychologie“ von S.L. Rubinstein, erwähnt der Forscher ein Experiment, in dem Teilnehmer verschiedener Altersgruppen Minutenabstände beurteilen sollten. Was ist das Ergebnis? Zeit wird von vielen überbewertet, aber bei Erwachsenen liegt der Wert bei 133%, bei Kindern und Jugendlichen bei bis zu 175%. Allerdings sollte man nicht über festgefahrene Tendenzen sprechen, da es natürlich auch individuelle Unterschiede geben kann. Sportler werden z.B. trainiert, Zeit so zu spüren, dass sie der physikalischen Wahrnehmung am nächsten kommt, da es für viele Wettkämpfe wichtig ist.

Kinder leben im Hier und Jetzt. Bis zum ca. 10. Lebensjahr kontrollieren sie Zeit nicht. Wenn ein Kind spielt, denkt es nicht darüber nach, was davor und danach war und sein wird. Machen Kinder draußen eine Schneeballschlacht, ist es schwierig, sie nach „20 Minuten“ nach Hause zu holen. Diese 20 Minuten haben für sie keine Bedeutung. Aber mit den Jahren ändert sich die Wahrnehmung: Uns wird Time-Management beigebracht, um die Zeit „zu zügeln“. Viele Menschen haben eine sehr bestimmte Beziehung zur Zeit: bei Stress versucht der Mensch alles zu planen, um die Illusion von Kontrolle zu erwecken.

In der Welt der Erwachsenen ist man nicht im „Hier und Jetzt“, sondern quasi immer in zwei Zeiten auf einmal: in der Gegenwart und der Vergangenheit oder in der Gegenwart und der Zukunft. Sie lesen diesen Text über Zeit und denken vielleicht gleichzeitig darüber nach, was Sie noch alles heute oder morgen erledigen müssen, oder was Sie gestern vergessen haben. Leben Sie im Hier und Jetzt?

— Und was kann man tun? Physikalische Zeit lässt sich nur in der Nähe eines schwarzen Lochs stoppen, wie ist es mit psychologischer Zeit?

Maria: Um Alterskrisen erfolgreich zu meistern, ist es Aufgabe des Erwachsenen im Hier und Jetzt zu bleiben (das kann man von Kindern lernen) und dabei ein hohes Bewusstseinsniveau zu aktivieren. Man muss sich nicht buchstäblich zurück in die Kindheit katapultieren, aber es ist wichtig zu verstehen: das Bedeutendste passiert genau jetzt. Ihr Gesprächspartner ist gerade der wichtigste Mensch. Das ist eine Methode, die Zeit zu stoppen.

Stellen Sie sich häufiger die Frage: Wie fühle ich mich? Bin ich in diesem Moment überhaupt anwesend? Oder bin ich in Gedanken irgendwo anders, in einer anderen Zeit?

Den „Hier-und-jetzt-Moment“ zu fangen, hilft auch Sport: Versuchen Sie mit dem Snowboard eine Skipiste herunterzufahren, während Sie über ihre Steuererklärung nachdenken. Sie werden sich wohl kaum an auch nur eine Zahl erinnern können.

***

Mikhail Petrov — Physiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität für Informationstechnologien, Mechanik und Optik (St. Petersburg), Dozent an der St. Petersburger Akademischen Universität der Russischen Akademie der Wissenschaften

Ruslan Mukhamadyanov — Physiker, Aspirant an der Polytechnischen Universität in Virginia, USA

Maria Chereshnova — Psychotherapeutin in der Praxis

Olga Loginova — Biologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der St. Petersburger Staatlichen Akademie für Veterinärmedizin

Daria Aminova


Journalistin, Fotografin, schreibt über Russland, interessiert sich für Deutschland, ist ständig auf der Suche nach interessanten Menschen weltweit

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