Zeit


Personal Zeitgeist

Situation


Sie saß alleine am Tisch und trank Coca-Cola. Sie fiel sofort auf: die Haare so rot, wie Feuer, ein Nasenpiercing, der im Sonnenlicht aufblitzte, ein iPod mit Kopfhörern auf dem Tisch mit lauter Rockmusik. Sie fiel auf. Sie klebte an ihrem Smartphone, doch eine Gruppe Mädchen, die sich an der Tür laut unterhielten, erregten ihre Aufmerksamkeit dann doch mehr. Sie stand auf und ging auf sie zu. Jetzt konnte man sehen, was sie anhatte. Die junge Frau hatte Turnschuhe mit einem Kleid kombiniert, obwohl es schon Dezember war. Können sie sich vorstellen, etwas Schickes mit Sportsachen zu kombinieren? Ist doch Irre! Die junge Frau war etwa 20 Jahre alt. Sie begann mit den anderen Mädels zu kichern und laut zu sprechen, als ob sie ganz alleine im Raum wären. Die Anwesenheit fremder Leute war ihnen egal und schien keine hemmende Wirkung auf ihr Verhalten zu haben. Den anderen Café-Besuchern war es wohl auch tatsächlich genauso egal, schließlich sind junge Leute heute eben so.

Währenddessen genoss ein 50-jähriger Mann in einem alten Anzug im selben Café seinen Espresso. Er las dabei entspannt ein Buch. Bei genauerem Hinsehen erkannte man, dass er gleichgültig auf seinem grauen Mantel saß. Er achtete auf gar niemanden, war tief versunken in seine Lektüre. Der Kellner wechselte die CD, es ertönte plötzlich langsame Musik. Das zog die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich. Es war Mozart oder vielleicht Beethoven und nur die Musik war es, die den Mann in den Bann zog.

Verschiedene Geschlechter, Altersgruppen, unterschiedliches Benehmen, ein bunter Mix aus Figuren und Charakteren an einem Ort zur selben Zeit. Ist es nicht wunderbar verwunderlich, dass so viele unterschiedliche Menschen zu ein und derselben Zeit leben?

Der alte Mann, der Mitte des XX. Jahrhunderts geboren wurde, strahlt eine für seine Zeit typische Bescheidenheit aus. Die junge Frau mit ihrem Geburtsjahr, was im selben Jahrhundert liegt, ist geprägt von dem Wunsch nach Anerkennung – ein Merkmal ihrer Zeit.

Zeitgeist


Erst vor Kurzem habe ich realisiert, dass Zeitgeist etwas Temporäres ist. Der Mensch kann in seinem Leben ganz viele Zeitgeister erleben. So wie Pierre Bezuchov, einer der Haupthelden von Tolstois Roman "Krieg und Frieden". Er beginnt sein Leben als junger Rowdy und endet es als Mann, der um die Zukunft seines Volkes und um das Wohlergehen seiner Familie besorgt ist. Mit der Zeit verändern wir uns und parallel dazu auch unsere Weltanschauung.

Unser Zeitgeist wird uns immer verfolgen und für immer bei uns bleiben. Egal, in welcher Zeit wir leben, unser Zeitgeist kann hundert oder sogar zweihundert Jahre alt sein. Alles hängt von uns und unserer inneren Veränderungen ab. Was uns jetzt gefällt, können wir in ein paar Jahren nicht mehr ertragen. Heute tanzen wir zu moderner Popmusik, in einigen Jahren sind wir vielleicht von der Musik der 70er oder 90er angetan.

Und warum?


Die Generation zwischen 60 und 65 Jahren hat nicht so viele Veränderungen gesehen. Die heutigen Jugendlichen verändern sich dagegen sehr intensiv. Es gibt viele Jugendkulturen, die die Welt gesehen hat. Nehmen wir Japan: Dieses Land war in alten Zeiten für seinen hohen, ästhetischen Geschmack bekannt. Vom Kimono bis zur Teezeremonie: Die minimalistischen, strengen Rituale begeisterten die ganze Welt. Heute weiß man, dass Japan vor allem viele komische Dinge produziert. Japan ist auch das Land der Subkulturen, die Eltern weinen lassen. Die Emokultur nahm dort ihren Anfang, Visual Kei, die unter Jungs sehr verbreitet ist, Ganguro oder Lolita. In asiatischen und muslimischen Ländern sind diese Subkulturen auch zu beobachten. Auch in Usbekistan trifft man Hipster oder etwa Goten. Aber warum beeinflussen Subkulturen nur junge Leute? Unsere Eltern werden niemals zu Emos oder Punks, wenn sie in Rente gehen. Die Antwort ist einfach. Das ist der Fluss der Zeit. Junge Menschen beeilen sich immer, sie verlangen immer etwas Neues. Heute haben wir so viele Möglichkeiten, unser Leben in einer Sekunde zu verändern.

Beeinflussung der Zeit als Erscheinung


Wir haben das Gefühl von etwas Endlosem verloren. Für uns ist es eine katastrophale Vorstellung, 30 Jahre denselben Bürostuhl in derselben Firma zu drücken. Für die Generation unserer Eltern und Großeltern ist das im Gegenteil immer ein Segen gewesen. Jugendliche wechseln heute ständig Outfits, Gadgets und die Lebensweise, während die «Erwachsenen» mit ihrem stabilen Leben zufrieden sind. Natürlich ist das die Auswirkung der Zeit. Heute erscheint täglich neue Technik auf dem Markt und die abgefahrensten Technologien werden teil unseres Lebens. Unsere Epoche ist die neuer Errungenschaften und Innovationen. Wir leben in einer Zeit totaler Digitalisierung. Wenn wir ein neues Handy kaufen, denken wir nicht darüber nach, ob wir es wirklich brauchen. Wir streben nach einem idealen Leben, ohne zu verstehen, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss und dieser nicht pauschalisiert werden kann.

Wir sind heute ständig auf der Suche nach unserer Identität. Vermutlich ist das unser Zeitgeist und in vielen Jahrzehnten wird sich die junge Frau aus dem Cafe mit einem nostalgischen Lächeln an den Zeitgeist ihrer Jugend erinnern. An eine Zeit, in der wir uns ständig ausprobiert haben, während die Generation unsere Eltern längst ihre Harmonie gefunden hatten. Wir werden uns daran erinnern, wenn wir sie selbst erlangt haben und unsere Kinder an der Reihe sind, sich jeden Tag neu zu erfinden.

***

Der Philosoph Heraklit behauptete, nichts stehe still, alles verändere sich. Und der Zeitgeist ist keine Ausnahme. Wir wissen nicht, was uns der nächste Tag bringt. Alles, was eigentlich zählt, ist im Hier und Jetzt glücklich zu sein.

Sevinch Umarowa


Ich heiße Sevinch. Mein Name stammt aus der türkischen und aserbaidschanischen Sprache und bedeutet Freude und Glück. So bin ich auch eigentlich. Seit ich auf die Welt gekommen bin, habe ich schon an verschiedenen Orten gelebt: vier Jahre in London und drei Jahre in Berlin. Ich spiele Klavier, Tennis und tanze gerne. Momentan lebe ich wieder in Taschkent

Andere Themen





    Werde Teil der Konverter Community

    ZEITGEIST

    Zeit

    Gedanken über eine unserer ambivalentesten Ressourcen

    Verwandlung

    Beobachtungen über den Lauf der Zeit und seine Folgen
    KONSUM

    Haben und Sein

    Über Konsum, Gesellschaft und Geld

    Geld

    Über das Universalrezept zum Glücklichsein
    GRENZE

    GRENZZONE

    Schwankendes Gleichgewicht grenzwertiger Zustände

    ENT-FERNUNG

    Fotostrecken und Bildergalerien über Grenzen, greifbaren und mentalen
    INSPIRATION

    SEROTONIN

    Über die Inspiration und den Schlaf der Vernunft 

    SCHAU

    Über das Kino: was sehen und wie sehen
    SPECIALS

    BERLINALE-SPECIAL

    Konverter hat sich vom Filmfieber der Berlinale anstecken lassen und für Euch eine einzigartige Übersicht des Festivals vorbereitet

    TRÄUME AUS ST. PETERSBURG

    Das Fotoprojekt „Träume aus St. Petersburg vermittelt einen Eindruck von den Gefühlen und den Lebensrealitäten junger Petersburger